Arbeitsblatt: Was bedeutet Sucht
Material-Details
Sucht, was ist das?
Lebenskunde
Drogen / Prävention
8. Schuljahr
2 Seiten
Statistik
86849
958
5
18.09.2011
Autor/in
Ingo Baach
Hochfelden
044 860 66 88
079 684 96 59
079 684 96 59
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Alkohol: Was bedeutet Sucht wirklich? Was bedeutet Sucht wirklich? Von Dipl. Psychologe Axel Seifert Erst nach mehreren Jahren, in denen ich bereits als Suchttherapeut tätig war, habe ich durch eine persönliche Begegnung wirklich verstanden, was Sucht bedeutet. Ich arbeitete damals in einer Drogenberatungsstelle. Ein 28-jähriger Klient befand sich seit einem halben Jahr bei mir in ambulanter Beratung. Er war über einen Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft an Heroin gekommen. Als der Mitbewohner verschwand, versiegte seine Heroinquelle. Er war vernünftig genug, sich keinen neuen Weg zur Beschaffung von Heroin zu suchen. Stattdessen stieg er auf Alkohol um. Trotz seiner Abhängigkeitserkrankung war er noch in der Lage, sein Psychologiestudium bis zu den Diplomprüfungen durchzuführen. Er war jedoch nicht in der Lage, seine Diplomarbeit zu schreiben. Nun wollte er seine Abhängigkeit soweit wieder in den Griff bekommen, dass er sie fertig stellen konnte. Er lud mich ein, ihn zu Hause zu besuchen, damit ich mal sehen könnte, wie sein alltägliches Leben verlief. Er lebte in einer Partnerschaft mit einer medikamentenabhängigen Frau. Gemeinsam hatten sie ein zwei- und ein vierjähriges Kind. Beide Kinder waren nicht gewollt. Durch die Medikamentenabhängigkeit der Frau war ihre Periode immer wieder über längere Zeit ausgeblieben, sodass beide der Meinung waren, eine Empfängnisverhütung sei nicht notwendig. Normalerweise lehnte ich Besuche bei Klienten zu Hause ab. Aber unsere Beratungsstelle lag in unmittelbarer Nachbarschaft und ich wollte seine Frau kennenlernen, um sie unter Umständen für eine Therapie motivieren zu können. An diesem Tag ging ich gemeinsam mit meinem Klienten nach der Therapie zu ihm nach Hause. Seine Frau öffnete uns die Tür und empfing uns mit den Worten: „Was hast du denn da wieder für einen Penner angeschleppt! Wenn man bedenkt, dass er häufig Saufkumpane mit nach Hause brachte, mit denen er sich bis spät in die Nacht betrank, so war ihr Verhalten gar nicht so abwegig. Das Missverständnis konnte schnell aufgeklärt werden. Wir kannten uns bereits vom Telefon, da ich zwei oder dreimal einen Termin hatte verlegen müssen. Auf ihre Gemeinheiten reagierte er nur mit einem Lachen. Er hängte seinen Mantel in die Garderobe. Da er nicht nüchtern war, fiel er ihm zweimal herunter. Dabei vergingen ungefähr drei Minuten. In dieser Zeit beschimpfte sie ihn: Er habe den Mülleimer nicht runtergebracht. Er habe die Kinder nicht ordentlich angezogen, bevor er sie zum Kindergarten gebracht hätte. Mit ihm sei überhaupt nichts los. Er würde im Bett keinen hoch kriegen und sei generell zu nichts zu gebrauchen. Anschließend ging sie in die Küche, um uns Tee zu kochen. Ich fragte ihn, ob sie Streit hätten und ich lieber ein anderes Mal wieder kommen sollte. Daraufhin antwortete er: „Nein, die ist immer so drauf. Aber die musst du erst mal in zwei Stunden erleben. Dann ist sie echt ätzend. Bemerkenswert war, dass er auf jede ihrer Gemeinheiten nur mit einem Lachen reagierte. 2007/2010 KMDD e.V. 1 Alkohol: Was bedeutet Sucht wirklich? Partnerinnen von Süchtigen berichten immer wieder, wie stark sie darunter leiden, ihren Partner emotional nicht erreichen zu können und Süchtige erzählen häufig, dass sie sich wie unter einer Käseglocke fühlen. Diese Verhaltensweisen zeigten sich in der Familie meines Klienten in Form eines „Spieles wie folgt: Sie versuchte, so gemein wie möglich zu ihm zu sein, um ihn zu verletzen. Erst dann konnte sie spüren, dass sie ihn wenigstens auf diese Weise noch irgendwie emotional erreichen konnte. Seine Reaktion darauf war, so schnell so betrunken zu sein, dass er über alles lachen konnte, was sie sagte. Wenn sie gewann, trank er noch eine Flasche mehr und schlug sie dann. Wenn er gewann, machte er sie so wütend und hilflos, dass sie Geschirr zerschmiss und die Pfanne an die Wand schlug. Wir setzten uns an den Esstisch in der Küche. Von nun an liefen für mich parallel zwei Filme auf unterschiedlichen Ebenen ab: Auf der ersten Ebene bekam ich einen Kuchen angeboten. Er war noch vom Kindergeburtstag übrig geblieben, schmeckte süß und war mit vielen bunten Smarties bedeckt. Ich wurde gefragt, ob ich Zitrone oder Milch in den Tee haben wollte, und wurde freundlich bedient. Auf der zweiten Ebene setzten sich das pausenlose Beschimpfen von ihr und das Lachen von ihm fort. Die Routine von beiden in diesem Spiel war groß. Die Hässlichkeiten, die sie äußerte und seine Abwehrstrategien steigerten sich kontinuierlich. Ich versuchte, diesen Besuch möglichst kurz zu halten. Ich trank meinen Tee zu schnell und verbrannte mir die Zunge. Ich aß den Kuchen hastig, ohne ihn zu schmecken. Dann stand ich auf und verabschiedete mich mit den Worten: „Tut mir leid, ich habe keine Zeit mehr, ich muss jetzt gehen. Beide schienen ernsthaft enttäuscht zu sein und sagten: „Bleib doch noch da und besuch uns doch noch mal. Abhängige führen ein Leben, das nüchtern nicht zu ertragen ist Auf dem Hausflur blieb ich stehen und atmete erst mal tief durch. Meine Zunge brannte, meine Knie zitterten leicht und das Stück Kuchen fühlte sich sehr unangenehm in meinem Magen an. In diesem Moment musste ich intuitiv lachen, weil ich nun endlich kapiert hatte, was Sucht bedeutet. Ich hätte diese Situation nicht länger als 15 oder 20 weitere Minuten durchgestanden, ohne nicht wenigstens soviel Alkohol getrunken zu haben wie er oder so viele Medikamente genommen zu haben wie sie. Dieses Klima von Gemeinheit und Beziehungslosigkeit wäre nüchtern nicht länger zu ertragen. Was uns von Süchtigen unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir uns in Lebensbezügen befinden, die nüchtern erträglich sind. Bei Obdachlosen kann das offensichtlich nicht der Fall sein, wenn solche Menschen in Kälte und Dreck, mit diversen Hautkrankheiten und Parasiten behaftet zwei Liter Wein in sich hineinschütten müssen, um überhaupt eine Nacht im Freien durchstehen zu können. Diese Erkenntnis gilt 2007/2010 KMDD e.V. 2 Alkohol: Was bedeutet Sucht wirklich? jedoch ebenfalls für die Reichen und Schönen – auch unter diesen Menschen sind viele süchtig. Deren Sucht kann man nur verstehen, wenn man davon ausgeht, dass ihr Leben subjektiv nicht nüchtern zu ertragen ist. Showstars aus jedem Genre, Modells, Topmanager und Spitzensportler berichten über Einsamkeit und tiefste Depressionen. Aufgrund der Tatsache, dass sie immer volle Leistung bringen müssen und sich dabei nicht in der Lage sehen, eine normale Beziehung führen zu können, entsteht ein kaum auszuhaltender Stress für diese Menschen. 2007/2010 KMDD e.V. 3