Arbeitsblatt: Hooligan in Deutschland
Material-Details
Steilpass Blog Tagesanzeiger, 29.11.11
Deutsch
Gespräche
8. Schuljahr
2 Seiten
Statistik
88835
1010
2
29.10.2011
Autor/in
Marmei (Spitzname)
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Dynamo Dresden – ein Fussballklub in Geiselhaft der Krawallmacher – Steilpass Blog Tagesanzeiger, 29.11.11 Knall und Rauch: Dresden-Fans auswärts in Dortmund. (Bild: Keystone) Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Dynamo Dresden hören? Wahrscheinlich an stiernackige Krawallmacher, Knallpetarden oder Strassenschlachten mit der Polizei. Und als Dynamo-Fan kann ich Ihnen das noch nicht einmal verübeln. Schliesslich hat die gewalttätige Fraktion der Dresdner Anhängerschaft den Ruf des Klubs anlässlich des DFB-Pokalspiels in Dortmund wieder einmal gehörig besudelt. Vor einem Millionenpublikum und von den Kameras des ZDF gekonnt ins Bild gerückt. Nicht nur Spieler und Vereinsführung von Dynamo hatten den Auftritt beim deutschen Meister als Festtag in ihrem Kalender angestrichen, sondern auch die Unbelehrbaren, die den achtfachen DDR-Meister in Geiselhaft halten. Wieder war nur von ihnen die Rede und nicht von den rund 15000 friedlichen Supportern, die unter der Woche je 400 Kilometer Hin- und Rückreise auf sich nahmen, um den ungleichen sportlichen Kampf gegen den ChampionsLeague-Teilnehmer zu sehen. Es geht auch friedlich: Heimspiel gegen Leverkusen. (Bild: Keystone) Das Umfeld der Dresdner ist ein ganz besonderes – im Positiven wie im Negativen. Dynamo kann nicht ohne seine Fans, weil die hohen Zuschauerzahlen dem finanziell angeschlagenen Verein das Überleben sichern, und Dynamo kann nicht mit seinen Fans, da deren Gewaltexzesse all jene potenziellen Grosssponsoren abschrecken, die den früheren Europapokal-Halbfinalisten wieder aufs internationale Parkett führen könnten. Dynamo-Geschäftsführer Volker Oppitz war in Dortmund deutlich anzumerken, wie satt er es hat, ständig Auskunft über schwarzgelb gekleidete Randalierer geben zu müssen. Und Stürmer Robert Koch, der massgeblich am sensationellen 4:3-Triumph über Bayer Leverkusen in der ersten Pokalrunde beteiligt war, bekannte, er schäme sich für die Krawallmacher unter den Dresdner Zuschauern. Kochs Aussage ist ehrenhaft. Die Sportgemeinschaft Dynamo Dresden kann sich aber drehen und wenden, wie sie will, das Hooliganproblem wird sie so schnell nicht los. Der Klub hat das, was man in der Wirtschaft als Standortnachteil bezeichnet. Im strukturell schwachen Osten der Bundesrepublik ist ein ungleich grösseres Gewaltpotenzial vorhanden als im wohlhabenden Süden. Das ist keine Entschuldigung für die ständigen Krawalle bei Dynamo-Partien, aber eine Erklärung. Ruhig und familienfreundlich geht es im wilden Fussball-Osten eigentlich nur zu und her, wenn der Retortenverein RB Leipzig in der viertklassigen Regionalliga Nord gegen die Reserveteams der Bundesligisten VfL Wolfsburg oder Hamburger SV spielt. Die Existenz des Red-Bull-Satelliten ist dennoch nicht unproblematisch: Die Anhänger der anderen Klubs aus der Region betrachten ihn als Provokation und empfangen ihn bei Auswärtsspielen entsprechend gereizt. Nun hat in den beiden Bundesligen längst nicht nur Dynamo Dresden ein Problem mit pöbelnden Fans, sondern auch Eintracht Frankfurt oder der FC St. Pauli. Krawalle bei Dynamo-Spielen passen aber ins Bild vom Problemverein, das die deutschen Medien seit Jahren beflissen transportieren. «Wenn in Dresden einer einen Knaller fallen lässt, sind sofort 15 Fernsehteams vor Ort. Das steht in keinem Verhältnis», drückte es der frühere DynamoSpieler und Bundesliga-Torschützenkönig Ulf Kirsten pointiert aus. Auch am Pokal-Dienstag war im ZDF nur von den Zündeleien der Dresdner die Rede und nicht von jenen der Fans aus Köln oder Bochum, obwohl es in deren Blocks ebenso lichterloh brannte. Die reisserische Berichterstattung, der sich selbst die öffentlich-rechtlichen Sender nicht verschliessen, ist für die Hooligans überdies eine Bestätigung für ihr elendes Treiben. Wer im Fernsehen kommt, ist schliesslich relevant und wichtig. Während es Spieler, Funktionäre und echte Fans schmerzt, dass sich die Gegner vor Dynamo regelrecht fürchten, berauschen sich die Gewalttäter an der Tatsache, dass sie als böseste Buben der Republik gelten. Das ZDF hat ihrer Eitelkeit im Rahmen des Pokalspiels in Dortmund die perfekte Bühne geboten. Man hatte den Eindruck, als hofften die Reporter regelrecht auf eine Eskalation. Diese hätte die Quote in die Höhe gejagt und einen besonderen voyeuristischen Schauer in die sicheren Wohnzimmer getragen. Einer brach eine Lanze für Dynamo Dresden: Dortmunds Trainer Jürgen Klopp. «Es ist kein Problem von Dynamo Dresden, sondern von ein paar Schwachköpfen», sagte der Meistercoach zu den Randalen. Klopp fürchtet aber, dass die «Schwachköpfe» die Dresdner um Kopf und Kragen bringen könnten: «Der nächste Schritt wird sein, Spiele abzubrechen und alle nach Hause zu schicken.» Für die friedlichen Anhänger von Dynamo hilft wohl nur noch eines: beten.