Arbeitsblatt: Gekonnt Erzählen

Material-Details

Erzähltraining für Lehrpersonen
Deutsch
Vorlesen / Vortragen / Erzählen
klassenübergreifend
32 Seiten

Statistik

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1181
10
19.11.2011

Autor/in

Vanessa Aeschbach
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Gekonnt Erzählen Ein Erzähltraining für Lehrpersonen Vanessa Aeschbach Vanessa Aeschbach 1 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 INHALT EINLEITUNG 3 1. THEORETISCHE GRUNDLANGEN DES ERZÄHLENS . 4 1.1 BEGRIFFSDEFINITION: ERZÄHLEN . 4 1.2 MERKMALE DES ERZÄHLENS . 4 Erzählen als Dialog 5 1.3 BEDEUTUNG DES ERZÄHLENS 5 Bedeutung der Alltagserzählung . 5 Bedeutung des Geschichtenerzählens. 5 1.4 ERZÄHLKOMPETENZ 6 1.5 FORMEN DES ERZÄHLENS . 7 Zwei Grundformen: Erzählen 1 und Erzählen 2 . 7 Genres des Erzählens 8 Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Erzählen 8 Episches und dramatisches Erzählen 9 1.6 GESCHICHTEN-BAUPLÄNE 10 Geschichtenschema. 10 Geschichtengrammatik . 11 2. KOMPONENTE VON GUTEM ERZÄHLEN . 14 2.1 ATMUNG 14 2.2 STIMME . 16 Entstehung des Tones . 16 Eigenton und Indifferenzlage 17 2.3 ARTIKULATION . 19 2.4 KÖRPERSPRACHE 22 2.5 PARAVERBALE AUSDRUCKSMITTEL . 24 2.6 DER ROTE FADEN . 25 2.7 SINNLICH ERZÄHLEN: DIE FÜNF GEWÜRZE 25 2.7 ABSCHLIESSENDE ÜBUNGEN ZUM GESCHICHTENERZÄHLEN . 27 LITERATUR 29 ÜBUNGSVERZEICHNIS Übung 1: Tiefenatmung 15 Übung 2: Atemminute 15 Übung 3: Den Eigenton finden . 18 Übung 4: Sprechen in der Indifferenzlage 18 Übung 5: Deutlich artikulieren durch die Korkenübung . 19 Übung 6: Deutlich artikulieren durch die Zungenübung 20 Übung 7: Deutliche Aussprache durch Schnellsprechübungen 20 Übung 8: Körperbewusstsein und aufrechte Haltung 23 Übung 9: Sätze verschieden gestalten . 24 Übung 10: Der rote Faden 25 Übung 11: Sinnlich erzählen . 26 Übung 12: Videofeedback 27 Vanessa Aeschbach 2 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Einleitung Erzählen ist überall und in praktisch allen Lebensbereichen und in jedem Alter präsent. Durch Erzählen ordnen wir unsere Eindrücke, interpretieren die Welt und stellen Sinn her. Erzählen ist für das menschliche Zusammenleben von grundlegender Bedeutung. Neben diesem Erzählen in alltäglichen Situationen kommt dem Erzählen von Geschichten gerade in unserer heutigen Zeit der Medien eine grosse Bedeutung zu. Das Erzählen der Lehrperson in der Schule ist daher etwas grundlegend Wichtiges. Neben entwicklungs- und persönlichkeitsfördernden Aspekten des Erzählens kommt der erzählenden Lehrperson eine Vorbildfunktion für das eigene Erzählen der Kinder zu. Daher richtet sich die vorliegende Arbeit an Lehrpersonen und angehende Lehrpersonen und soll helfen, ihre Erzählkompetenzen zu verbessern. Dazu gebe ich jeweils eine kurze theoretische Einführung zu den einzelnen Komponenten des Erzählens, bevor ich dazu passende praktische Übungen aufführe. In einem ersten Kapitel wird auf den Begriff des Erzählens und der Erzählkompetenz eingegangen und verschiedene Formen des Erzählens werden voneinander differenziert. Das zweite Kapitel befasst sich mit den darbietenden Komponenten des Erzählens. Verschiedene Studien belegen, dass beim Sprechen nur ca. sieben bis zehn Prozent des Gesagten durch die gesprochenen Worte übermittelt werden, wo hingegen 90 Prozent durch die Stimme und die Körpersprache vermittelt werden. (vgl. Dyckhoff 2001: 12) Worte sind zwar als Grundgerüst unersetzlich, aber um diesen die erwünschte Bedeutung zu geben, bedarf es gezielter stimmlicher und körperlicher Gestaltungsmittel. Das Wie des Erzählens ist folglich wichtiger als das Was des Erzählens. Aus diesem Grund werde ich vertieft auf die darstellenden Komponenten des Erzählens eingehen. Das dritte Kapitel geht auf Erzählinhalte ein und gibt dabei einen Überblick über den Aufbau von Geschichten. Vanessa Aeschbach 3 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 1. Theoretische Grundlagen des Erzählens 1.1 Begriffsdefinition: Erzählen Der Begriff des Erzählens wird verschiedenartig verwendet und bezieht sich auf unterschiedliche Dinge. Als eine erste grobe Annäherung kann Erzählen als Mitteilung und Darstellung von Geschehnissen bezeichnet werden. Dies kann in mündlicher, schriftlicher oder visueller Form geschehen. Zum anderen umfasst Erzählung den Akt des Erzählens selbst, die Narrativität (Leubner, Saupe 2009: S.8)1. Weiter präzisiert bezeichnet Erzählung zum einen jene literarische Gattung, welche sich durch die Darstellung realer und fiktiver Geschehnisse auszeichnet. Daneben wird Erzählung auch für nicht literarische Formen der Darstellung von Geschehnissen im alltäglichen, pragmatischen Kontext verwendet. Auf diese verschiedenen Formen des Erzählens werde ich nach einem Überblick über die allgemeinen Merkmale des Erzählens unter ‘1.3 Formen des Erzählens‘ genauer eingehen. 1.2 Merkmale des Erzählens Entscheidend dafür, ob es sich um eine Erzählung handelt oder nicht, ist dabei das Vorliegen der zentralen Merkmale der Narrativität: Ein Erzähler erzählt eine Erzählung. Erzähler und Erzählung sind dabei durch die Handlung des Erzählens, welche durch formale und stilistische Mittel erreicht wird, miteinander verbunden. Das Erzählte besteht aus strukturiert erzählten Geschehnissen, welche an eine Figur, die eine Veränderung durchlebt, gebunden sind. (vgl. Leubner, Saupe 2009: S.8) Diese Struktur des Narrativen bezieht sich sowohl auf narrative Prosatexte wie auch auf direkte pragmatische Erzählsituationen. In schriftlichen Werken wird das Geschehene immer durch einen Erzähler vermittelt, welcher als auktorialer Erzähler, der Geschehnisse kommentiert und andeutet, Gefühle und Gedanken der Personen schildert und reflektiert besonders deutlich spürbar oder als neutraler Erzähler kaum wahrnehmbar ist. Erzählsubjekt und Erzähler sind hierbei durch formale und stilistische Mittel wie z.B. vorwegnehmenden Andeutungen des auktorialen Erzählers oder der Rahmenhandlung des alten IchErzählers, welcher vom Sterbebett aus die Abenteuer seines jungen Ichs erzählt und kommentiert. 1 Vanessa Aeschbach 4 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Erzählen als Dialog In direkten Erzählsituationen ist Erzählen immer ein Dialog zwischen Erzähler und Zuhörer. Erzählen ist somit nicht ein einseitiger Akt des Erzählers, sondern findet in der Interaktion statt. Im Unterschied zum Gespräch ist die Erzählung ein in sich abgerundetes und zusammenhängendes Gebilde und der Dialog wird allein vom Erzählenden geführt. Dieser kann jedoch auf seine Zuhörerschaft eingehen, indem er deren Gesichts- und Körperausdruck liest und gegebenenfalls deren Fragen beantwortet. Eine mündlich erzählte Geschichte ist nicht starr, sondern kann den Reaktionen der Zuhörer entsprechend im Prozess des Erzählens verändert werden. (Hoppe 2001:S.7) Die vorliegende Arbeit befasst sich vorwiegend mit dieser letzten Form, der Erzählung als Dialog. 1.3 Bedeutung des Erzählens Bedeutung der Alltagserzählung Erzählen ist überall und in praktisch allen Lebensbereichen und in jedem Alter präsent. Durch alltägliches Erzählen ordnen wir unsere Eindrücke, interpretieren wir die Welt und stellen Sinn her. (Abraham 2008: S. 45) Erzählen ist für das ‚menschliche Zusammenleben, unser Selbst- und Fremdverstehen, unserer Fähigkeit zur Interaktion, Verständigung, Interessenausgleich, Meinungsbildung, Konsensfindung‘, dem Herstellen und Aufrechterhalten sozialer Beziehungen u.a. von grundlegender Bedeutung. (Abraham 2008: S. 45) Bedeutung des Geschichtenerzählens Das Erzählen von Geschichten war einst, bevor sich die Schriftkultur und die darauf fussende Hochliteratur ausbreiteten und das Erzählen verdrängten, jedermanns Sache. Der Erzähler wurde immer mehr durch den Roman ersetzt. Hinzu kommt, dass die heutige Informationsgesellschaft das Geschichtenerzählen immer mehr aus dem Alltag verdrängt. Ein Bereich, der davon ausgenommen ist, ist die Kinderliteratur, in welcher das mündliche Erzählen von Geschichten, sei dies in der Familie, dem Kindergarten oder der Schule, immer noch von grosser Bedeutung ist. (vgl. Ewers 1991: 100) Gerade in der heutigen Medienzeit gewinnt die erzählte Geschichte an Gewicht, denn die digitalen Medien wecken das Verlangen nach direkter Begegnung und persönlicher Zuwendung. (vgl. Schwarz 2009: 6) Im Gegensatz zum Fernseher, welcher eine einseitige Kommunikation darstellt, ist das direkte Erzählen immer ein Dialog, denn der Erzähler kann auf seine Zuhörer eingehen und die Zuhörer können wiederum den Erzähler durch ihr Zuhörverhalten beeinflussen. Vanessa Aeschbach 5 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Hinzu kommt, dass das Fernsehen Bilder vorgibt, wo hingegen das Folgen einer Erzählung eine höchst aktive Tätigkeit ist. Der Zuhörer ist gefordert, aufgrund der Sprache eigene innere Bilder zu kreieren, wodurch die bildhafte Phantasie und die Kreativität angeregt werden. (vgl. Schwarz 2009: 6f) In einem weiteren Punkt wirkt das Erzählen für die Zuhörer körperlich wie psychisch entspannend. Denn beim Erzählen kommt es zu einer Rhythmisierung der Körperbewegungen zum einen vom Erzählenden mit seinem Sprechrhythmus und seinen Bewegungen und zum anderen folgen die Bewegungen der Zuhörer dem Rhythmus des Sprechers. Letztere sind dabei unterhalb der Schwelle bewusster Wahrnehmung. Condon und Ogston sprechen in diesem Zusammenhang vom ‚gestischen Tanz‘ welcher die Grundlage der menschlichen Kommunikation schlechthin darstelle. (vgl. Ewers 1991: 88ff) Der Grund dafür, dass diese Rhythmisierung als befriedigend erlebt wird, liegt in der Entwicklung des Kindes. Bereits im Mutterleib haben die ungeborenen Kinder rhythmische Wahrnehmungen wie des Gehens, des Herzrhythmus oder der Atmung der Mutter. Von der Geburt an kommt es zwischen Baby und Umwelt zu einer lautlich-rhythmischen Verständigung, wobei Studien nachwiesen, dass sich die Bewegungsrhythmen zwischen Mutter und Säugling gegenseitig beeinflussen. (vgl. Ewers 1991: 91fff) All diese Gründe zeigen, wie wichtig das Geschichtenerzählen für Kinder ist. 1.4 Erzählkompetenz Beim Erzählen werden Geschichten und Geschehnisse mitgeteilt. Der Erzähler muss dabei so erzählen, dass seine Zuhörer den Hergang der Geschehnisse nachvollziehen können oder sogar emotional beteiligt werden. Dabei bedarf es seitens des Erzählers gewisse Fähigkeiten. Zum einen bedarf es der Kompetenz, Geschichten zu erfinden. Dies beinhaltet das Wissen davon, was eine Geschichte ist und wie sie erfunden werden kann. Damit dabei eine Geschichte entsteht, müssen Geschehnisse als zusammenhängende Abfolge organisiert werden. Zum anderen bedarf es der Kompetenz des wirkungsvollen Darbietens von Geschichten. (Hoppe 2001: S.8) Erzählkompetenz Kompetenz zum Erfinden von Geschichten/ Strukturieren von Geschehnissen Vanessa Aeschbach Kompetenz zum wirkungsvollen Darbieten von Geschichten 6 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 1.5 Formen des Erzählens Zwei Grundformen: Erzählen 1 und Erzählen 2 Nach Ehlich können zwei Grundformen des Erzählens unterschieden werden, welche er als Erzählen 1 und Erzählen 2 bezeichnet (vgl. Abraham 2008: 43). Erzählen 1 meint dabei die alltagssprachliche Kommunikation und umfasst Erzählakte wie das Berichten, Mitteilen, Schildern, Beschreiben, Wiedergeben, Darstellen, etc. Erzählen 2 dagegen meint das literarische Erzählen. Dieses umfasst das Erzählen realer und fiktiver Geschichten und Begebenheiten, welche nach bestimmten Strukturen aufgebaut sind und lässt sich nach Wagner in zwei Typen unterteilen: in die Höhepunkt-Erzählung sowie die Geflecht-Erzählung. Die Geflecht-Erzählung ist ein dialogisches Erzählen, bei dem gemeinsam erzählt wird und sich die Erzählung beim Darüber-Sprechen entwickelt. Es gibt dabei keine klare Trennung von Erzähler und Zuhörer, denn jeder Zuhörer ist potentiell ein Erzähler und kann die Geschichte mitgestalten. Die Höhepunkt-Erzählung ist ein monologisches Erzählen, bei dem klar zwischen Erzähler und Zuhörern unterschieden wird, wobei das Monopol des Rederechts auf der Seite des Erzählers liegt. Die Höhepunkterzählung folgt dabei immer dem Schema von Einleitung, Höhepunkt und Schluss. (vgl. Abraham 2008: 48fff) 2 Grundformen des Erzählens Erzählen 1 Alltagserzählen • berichten • mitteilen • schildern • beschreiben • etc. Erzählen 2 Literarisches Erzählen Geflecht-Erzählung • dialogisches Erzählen • Zuhörer erzählen mit Höhepunkt-Erzählung • monologisches Erzählen • Struktur: Einleitung, Hauptteil, Schluss Die vorliegende Arbeit befasst sich vorwiegend mit dem Erzählen 2. Vanessa Aeschbach 7 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Genres des Erzählens Neben der Unterteilung in alltägliches Erzählen und literarisches Erzählen lassen sich vier Genres des Erzählens unterscheiden: (vgl. Abraham 2008: 48) • • • • Bildergeschichte Fantasieerzählung Erlebniserzählung Nacherzählung Die Bildergeschichte und die Nacherzählung stellen dabei die rezeptiven Formen des Erzählens dar, wobei bei der Bildergeschichte der Erzählinhalt visuell aufgenommen wird, wo er bei der Nacherzählung akustisch aufgenommen wird. Die Fantasiegeschichte und die Erlebniserzählung sind im Gegensatz dazu produktive Formen, wobei die Fantasiegeschichte einen höheren Grad an Fiktionalität aufweist. Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Erzählen Wie bereits erläutert wurde, umfasst Erzählen schriftliche wie auch mündliche Formen. Erzählung in schriftlicher Form meint die erzählende Literatur der Epik, d.h. den konkreten Text, der in Prosa oder Vers geschriebenen Geschichte. Mündliches Erzählen bezieht sich auf den konkreten Sprechakt, das Erzählen einer Geschichte. Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Erzählen lassen sich jedoch nicht so klar trennen, wie dies auf den ersten Blick scheinen mag. Nach Koch und Oesterreicher umfasst Mündlichkeit nicht jeden akustisch vermittelten Text. So kann Erzählen medial mündlich sein, konzeptionell jedoch schriftlich (das Analoge gilt für die Schriftlichkeit). Der Begriff der Konzeption meint, dass ein Text in und für die Mündlichkeit (bzw. die Schriftlichkeit) gedacht und gemacht ist und die typischen Merkmale der Mündlichkeit (bzw. der Schriftlichkeit) aufweist, unabhängig davon, ob der Text nun über das Medium der akustischen Sprache oder über die Schrift vermittelt wird. (vgl. Abraham 2008: 15ff) Eine Gegenüberstellung der Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit soll dies verdeutlichen: Konzeptionell mündlich Situativ: immer situationsbezogen, der Kontext ist gegeben Dialogisch Kann paraverbal und nonverbal unterstützt werden Parataktische Sätze Kurze Sätze Abgebrochene, verkürzte Sätze Vanessa Aeschbach Konzeptionell schriftlich Nicht an Situation gebunden Der Kontext muss umschrieben werden Monologisch Hypotaktische Sätze Vollständige, längere, formal korrekte Sätze 8 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 So sind z.B. Nachrichten oder Lesungen medial mündlich, konzeptionell jedoch schriftlich, wo das Telefonat mit einem Freund medial und konzeptionell mündlich sind. Zwischen den beiden Polen der konzeptionellen Mündlichkeit und der konzeptionellen Schriftlichkeit gibt es jenste Zwischenformen. Das Erzählen einer Geschichte kann konzeptionell eher schriftlich sein, wenn sich der Erzähler stark an den schriftlichen Text hält und konzeptionell eher mündlich sein, wenn der Erzähler frei erzählt und sich (auch wenn er monologisch erzählt) auf einen Dialog mit seinen Zuhörern einlässt, sei dies durch Blickkontakt, paraverbale Gestaltungsmittel oder gar dem Abändern der Geschichte aufgrund der Reaktionen der Zuhörer. Episches und dramatisches Erzählen Die obgenannten Formen des Erzählens beziehen sich überwiegend auf die inhaltliche bzw. formale Ebene des Erzählens. Auf der Ebene der Darbietung können grundsätzlich zwei Formen des Erzählens unterschieden werden: das epische und das dramatische Erzählen. Episches Erzählen Beim epischen Erzählen wird mit ruhiger, rhythmischer und gleichmässiger Sprache erzählt. Auf Körpersprache wird grösstenteils verzichtet und direkte Reden werden kaum gestaltet. Der Erzähler erzählt die Geschichte mit Abstand. Durch diese Form des Erzählens steht die Geschichte und nicht der Erzähler im Vordergrund. (vgl. Seidl 1999: S. 37; Unterlagen aus dem Seminar DV Deutsch) Dramatisches Erzählen Beim dramatischen Erzählen werden Sprechrhythmus, Stimme und Lautstärke variiert. Der Erzähler arbeitet mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik und gestaltet die direkte Rede aus. Der Erzähler erzählt mit viel innerer Beteiligung, schauspielert und steht dadurch im Vordergrund. (vgl. Seidl 1999: S. 32; Unterlagen aus dem Seminar DV Deutsch) Vanessa Aeschbach 9 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 1.6 Geschichten-Baupläne Neben den darbietenden Kompetenzen zählt zur Erzählkompetenz die Fähigkeit Erzählinhalte zu strukturieren und in eine kohärente Reihenfolge zu bringen, Geschichten nacherzählen und erfinden zu können. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, den allgemeinen Aufbau und die Struktur von Geschichten zu kennen, den ‚Bauplan‘ einer Geschichte. Daher werde ich an dieser Stelle einen Überblick über das Geschichtenschema, welches die äussere Gliederung einer Geschichte beschreibt sowie die Geschichtengrammatik, welche sich auf die innere Struktur einer Geschichte bezieht, geben. Geschichtenschema Eine Geschichte lässt sich in ihrer äusseren Gliederung klassisch in Einleitung, Hauptteil und Schluss unterteilen. Einleitung Die Einleitung klärt das Setting der Geschichte, indem sie den örtlichen und zeitlichen Rahmen setzt, die Figuren bzw. die handlungstragende Figur vorstellt und schildert die Ausgangslage. Die Einleitung beantwortet die Fragen nach Wann? Wo? Wer? und Was? Hauptteil Im Hauptteil erfolgt ein Ereignis, eine Überraschung, wodurch es zu einer Komplikation kommt. Dieses Ereignis, der plötzliche Wendepunkt, stellt dabei den Höhepunkt der Geschichte dar. Schluss Im Schlussteil kommt es nach dem Höhepunkt der Geschichte zur Klärung der Situation bzw. es wird eine Lösung für das Problem gefunden. Der Hauptteil umfasst mengenmässig den grössten Anteil der Geschichte, wo Einleitung und Schluss so knapp wie möglich gehalten werden sollten. Vanessa Aeschbach 10 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Geschichtenschema Einleitung • • • • Wer? Was? Wann? Wo? Hauptteil Plötzlicher Wendepunkt (Ereignis, Überraschung, Problem, Schädigung, Mangel) Schluss Lösung des Problems/ Klärung der Situation Geschichtengrammatik Nach dem Konzept der Geschichtengrammatik liegt einer Geschichte ebenso wie einem Satz eine bestimmte Grammatik zugrunde. Dies bedeutet, dass Geschichten auf einer konventionellen Struktur basieren, die allen Geschichten zugrunde liegt und ihr Aufbau gewissen Regeln unterliegt. Geschichten weisen dabei eine Struktur einer gewissen Anzahl geordneter Elemente auf. Die Struktur hilft dem Erzähler eine Geschichte zu gliedern. Vanessa Aeschbach 11 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Bereits Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, Geschichten jedoch vom mündlichen Erzählen her kennen, wenden die Geschichtengrammatik unbewusst an. (vgl. Leubner, Saupe 2009:44ff) Zu den unerlässlichen Grundelementen einer Geschichte gehören erstens die Handlung, zweitens das Setting und drittens die Figuren. Neben diesen Elementen ist eine Geschichte aufgebaut in Einleitung, Hauptteil und Schluss. Grundmodell einer Geschichtengrammatik Setting Figuren Handlung Setting Die Handlung nimmt an einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit ihren Anfang (Ausgangslage). Der Ort des Geschehens kann im Verlaufe der Zeit ändern. Dreieck des Settings Ausgangslage Ort Zeit Handlung Eine Geschichte weist ein Ereignis, eine Komplikation auf, die den Helden/ die Heldin zum Handeln zwingt. Eine Komplikation besteht dabei immer entweder aus einer Schädigung, in dem z.B. ein Überfall, jemand verzaubert wird, ein Feuer ausbricht oder einem Mangel wie z.B. dem Verlieren eines besonderen Gegenstandes oder einer Hungersnot. Vanessa Aeschbach 12 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Auf diese Notsituation muss der Held/ die Heldin reagieren und die Geschichte endet mit der Lösung des Problems. Damit ein Text als Geschichte gilt, müssen die einzelnen Geschehnisse zu einer Handlung geordnet sein. Die Geschehnisse können dabei nach verschiedenen Ordnungskonzepten strukturiert sein: Ordnungskonzepte Zeitliche Abfolge: Motivierte Handlung: Gegensätzlichkeit: Ähnlichkeit: chronologisch final, kausal, kompositorisch arm-reich; schön-hässlich; Glück-Pech Figuren ähneln sich Dreieck der Handlung Komplikation Ereignis Lösung Figuren Eine Geschichte braucht einen Helden/ eine Heldin d.h. eine Person, die als hauptsächlicher Handlungsträger dient. Neben dem Helden weist der Gegenspieler des Helden, der weitgehend die Komplikation verursacht, eine zentrale Funktion innerhalb der Geschichte auf. Daneben kommt häufig ein Helfer vor, welcher zur Auflösung der Komplikation beiträgt. Figurendreieck Held Helfer Vanessa Aeschbach Gegenspieler 13 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2. Komponente von gutem Erzählen In diesem Kapitel werde ich auf das Wie des Erzählens eingehen. Als erstes werde ich in diesem Kapitel auf physische Voraussetzungen des Sprechens und Erzählens wie der Atmung und der Stimme eingehen und dazu hilfreiche Übungen geben, bevor ich auf weitere darbietende Komponente, wie der Stimmgestaltung, Körpersprache, paraverbale Sprech- und weitere Methoden wirkungsvollen Erzählens aufführen werde. Verschiedene Studien haben ergeben, dass in der Kommunikation bloss ca. sieben bis zehn Prozent durch die gesagten Worte übermittelt werden und 90 Prozent durch die Art und Weise wie die Botschaft vermittelt wird. (vgl. Dyckhoff 2002: S. 12f) Aus diesem Grund werde ich an dieser Stelle ausführlicher auf dieses Wie des Erzählens eingehen. 2.1 Atmung 2 Die Atmung ist die Grundlage der Stimme und der Stimmführung, da diese über den Ausatemstrom erfolgen. Für das Sprechen sowie für sämtliche Lebensbereiche ist die Tiefenatmung (auch Voll- und Zwerchfellatmung genannt) die korrekte Atmung. Merkmale der Tiefenatmung Der Bauch bewegt sich beim Einatmen nach aussen und beim Ausatmen nach innen. Die Flanken dehnen sich beim Einatmen. Die Schultern bewegen sich nicht Zwischen Ein-und Ausatmung gibt es eine kurze Pause in der Atemleere. 2 Grafik: Vanessa Aeschbach 14 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Muskulär gesteuert wird die Atmung durch das Zwerchfell, einem Muskel unterhalb des Rippenbogens. Bei der Tiefenatmung zieht sich das Zwerchfell beim Einatmen zusammen, wodurch ein Unterdruck im Körper entsteht, was bewirkt, dass zum Ausgleich Luft aus der Umgebung in die Lungen einströmt. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell, es wölbt sich nach oben. (vgl. Dyckhoff 2002: S. 19f) Die Tiefenatmung hat eine beruhigende Wirkung auf das autonome Nervensystem, trägt zu einem grösseren Stimmvolumen bei und vermeidet Stimmstress durch die Atmung, da bei dieser Atmung die Schulter- und Halsmuskeln keinen Druck auf den Kehlkopf ausüben, wie dies bei der Hochatmung (Schultern bewegen sich beim Atmen, Bauch und Flanken bewegen sich nicht) der Fall ist. Die Hochatmung sollte daher vermieden werden. (vgl. Dyckhoff 2002: 18fff; Aderhold 1963: 90ff) Beim Sprechen sollte die Atmung ruhig sein, damit das Sprechen ruhig und entspannt und nicht kurzatmig wirkt. Die Ruheatmung sollte daher eine Frequenz von maximal 20 Atemzügen pro Minute nicht überschreiten. Übung 1: Tiefenatmung Stehen oder sitzen Sie mit entspannt aufgerichtetem Oberkörper. Atmen sie normal durch die Nase. Beobachten Sie ihren Atem ohne ihn dabei zu verändern. Bewegt sich der Bauch beim Einatmen nach aussen und geht beim Ausatmen wieder nach innen? Sie können dazu gerne eine Hand auf den Bauch legen. Legen Sie dann Ihre Hände auf ihre Flanken. Spüren Sie, wie sich diese mit dem Einatmen ausdehnen? Übung 2: Atemminute Stehen oder sitzen Sie mit entspannt aufgerichtetem Oberkörper. Atmen sie normal weiter. Zählen Sie Ihre Atemzüge während einer Minute. Aus- und Einatmen zählen dabei als eines. Diese Übung hat eine beruhigende Wirkung und Hilft, in die eigene Ruheatmung zu gelangen. Vanessa Aeschbach 15 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2.2 Stimme Entstehung des Tones Beim Ausatmen strömt die Ausatemluft durch den Kehlkopf. Der Kehlkopf ist ein Knorpelgerüst, in dessen Innern sich zwei Gewebefalten, die Stimmlippen, befinden. Die Stimmlippen bzw. deren Innenseiten, die sogenannten Stimmbänder, können geschlossen, verengt oder geöffnet werden (siehe weiter unten). Die Öffnung zwischen den Stimmbändern nennt sich Glottis oder Stimmritze. Der Ton der Stimme entsteht dadurch, dass die Stimmbänder durch den Ausatemstrom in Schwingung versetzt wird. Die Schwingung der Stimmbänder versetzt wiederum die Ausatemluft in Schwingung sowie Resonanz- und Hohlräume im Körper. (vgl: Dyckoff 2002: 3 Position des Kehlkopfes Stimmlippen im Innern des Kehlkopfes Stellungen der Stimmlippen 4 Ruheatmung: Wenn wir nicht sprechen, befinden sind die Stimmlippen entspannt, die Glottis ist weit geöffnet und die Atemluft kann ungehindert ein- und ausströmen. Verschluss: Die Stimmlippen sind in ihrer gesamten Länge eng aneinander gepresst und verschliessen die Glottis. Phonationsstellung: Beim Sprechen sind die Stimmlippen gespannt, liegen locker aneinander und werden durch den Ausatemstrom zum Schwingen gebracht. 3 4 Grafik: Grafik: Vanessa Aeschbach 16 PH FHNW: DV Deutsch Flüstern Gekonnt erzählen 2011 In der Flüsterstellung verschliessen die Stimmlippen die Glottis bis auf eine kleine Öffnung, das Flüsterdreieck. Auf den Stimmlippen herrscht dabei eine grosse Spannung, was als eine Anspannung im Kehlkopf gespürt werden kann. Flüstern beansprucht die Stimme stark und sollte möglichst vermieden werden. Eigenton und Indifferenzlage So wie eine Gitarrensaite höher klingt, je mehr sie gespannt ist, erzeugen auch die Stimmlippen umso höhere Töne, je mehr sie angespannt sind und umso tiefere Töne, je entspannter sie sind. Es gibt eine Lage der natürlichen Grundspannung der Stimmlippen, die sich beim Sprechen angenehm anfühlt und für den störungsfreien Gebrauch der Stimme unerlässlich ist. Der Ton, der bei dieser natürlichen Grundspannung entsteht, wird Eigenton genannt. Er hängt von der Länge der Stimmlippen, bzw. der Grösse des Kehlkopfes ab und befindet sich im unteren Drittel des gesamten Stimmumfangs. Beim Sprechen wird nicht nur auf einem Ton, sondern auf mehreren Tönen gesprochen. Im Deutschen wird auf fünf Halbtonschritten gesprochen, der sogenannten Sprechquinte. In der Indifferenzlage ist der tiefste Ton dieses Intervalls der Eigenton. Andere Sprachkreise haben andere, erweiterte Indifferenzlagen. So umfassen z.B. im Französischen Ausdrücke wie ‚mais oui‘ oftmals eine Septime, im Englischen Ausdrücke wie ‚oh my god‘ können in der Kopfstimme beginnen und eine Oktave tiefer enden oder im Italienischen kann das di in ‚incredibile‘ bis zur Dezime steigen. (vgl. Storz 2011) Aber zurück zur Indifferenzlage der deutschen Sprechquinte. Auf der Indifferenzlage sollte möglichst oft gesprochen werden. Viele Menschen sprechen oftmals zu hoch. Dies ist häufig psychologisch bedingt aus Gründen wie Nervosität, Angst, Unsicherheit oder einfach eine Angewohnheit. Studien haben ergeben, dass das Sprechen auf dem Eigenton eine beruhigende und entspannende Wirkung auf den Sprecher selbst hat und auf den Zuhörer angenehm wirkt. (vgl. Dyckhoff 2002: S. 54) Vanessa Aeschbach 17 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Übung 3: Den Eigenton finden Mit den folgenden Übungen wird man zu seinem Eigenton hingeführt. Es ist sinnvoll, den Ton mit Hilfe eines Instruments (Tasten- oder Saiteninstrument) genau zu bestimmen. Wer selbst kein geeignetes Instrument spielt oder zur Verfügung stehen hat, kann eine online Klaviertastatur verwenden. (z.B. Wenn Sie glauben, ihren Eigenton mit den unten aufgeführten Übungen gefunden zu haben, suchen Sie den Ton auf dem Instrument, indem Sie verschiedene Töne anspielen und auf die Resonanz achten. Das Bestimmen des exakten Tones hat den Vorteil, dass man seinen Eigenton vom Instrument oder einer Stimmgabel holen kann und seine Sprechlage beim Sprechen überprüfen und justieren kann. Die Einzählmethode Stehen oder sitzen Sie mit entspannt aufgerichtetem Oberkörper. Zählen Sie dann ganz entspannt von eins bis zehn. Wiederholen Sie den Zählvorgang drei bis vier Mal und verlangsamen Sie dabei das Sprechtempo immer mehr. Nach einigen Zähldurchgängen landet man auf seinem Eigenton. (Dyckhoff 2002: S. 54ff) Die Kaumethode Stehen oder sitzen Sie mit entspannt aufgerichtetem Oberkörper. Machen Sie mit Kiefer und Mund entspannte Kaubewegungen und sagen Sie, wie wenn Sie etwas Leckeres gegessen hätten: mnjam, mnjem, mnjim, usw. (vgl. Aderhold 1963: S.141) Die Vibrationsmethode Stehen oder sitzen Sie mit entspannt aufgerichtetem Oberkörper. Legen Sie sich eine Hand auf den Brustkorb und sprechen oder summen Sie in unterschiedlichen Lagen. Dort, wo es am stärksten vibriert, befindet sich Ihr Eigenton. Übung 4: Sprechen in der Indifferenzlage Ziel ist es, den Eigenton im Stimmgedächtnis zu verankern. Dazu ist es wichtig, immer wieder in der eigenen Indifferenzlage zu sprechen und dabei den Ton wenn nötig von einem Instrument zu holen. Lesen Sie immer wieder einen Text in Konversationslautstärke monoton auf ihrem Eigenton. Falls Sie während des Sprechens unsicher werden, ob Sie noch in Ihrer Indifferenzlage sprechen, können Sie zur Überprüfung währenddem Sie sprechen Ihren Eigenton auf dem Instrument anspielen. Je häufiger Sie dies tun, desto schneller prägt sich der Eigenton auditiv und wegen der angenehmen Sprechlage im Kehlkopf auch im Körperempfinden ein. Vanessa Aeschbach 18 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2.3 Artikulation Der Begriff Artikulation stammt aus dem Lateinischen und heisst so viel wie Gliederung. In der Linguistik bezeichnet Artikulation den physiologischen Prozess, durch den Sprachlaute entstehen. Dies geschieht dadurch, dass der Luftstrom im Ansatzrohr, welches Rachen-, Mund- und Nasenraum umfasst, durch die Artikulationsorgane Lippen, Kiefer, Zunge, Gaumen und Rachen beeinflusst wird. Deutlichkeit und Klarheit beim Sprechen ist eine wichtige Grundvoraussetzung und sollte eine selbstverständliche Angewohnheit von Lehrpersonen sein. (Bertschin 2011: S.10) Übung 5: Deutlich artikulieren durch die Korkenübung Stecken Sie sich einen Weinkorken ca. einen halben Zentimeter zwischen die Schneidezähne und halten Sie den Korken mit diesen fest. Sprechen Sie nun irgend etwas z.B. ‚Diese Sprechübung macht mir richtig Spass‘ oder lesen Sie einen Zeitungsartikel laut und möglichst präzise. Die Artikulation wird mit dem Korken wenig zufriedenstellend klingen. Nehmen Sie nun den Korken aus dem Mund und lesen oder sprechen Sie dasselbe nochmals ohne Korken und Sie werden merken, dass Ihnen die Artikulation leichter fällt und sich die Aussprache hörbar verbessert hat. (vgl. Troy 2008) Dyckhoff kritisiert an dieser Methode, dass sie den Nachteil bringt, zum Teil gerade das zu verhindern, was sie fördern soll, nämlich das Training der Sprachmuskulatur, da durch das Festhalten des Korkens mit den Zähnen der Kiefer und die Kiefermuskulatur festgehalten werden. Die folgende Artikulationsübung kommt ohne Fremdkörper im Mund aus und fördert die Durchblutung und Aktivierung der gesamten Sprechmuskulatur und leitet Impulse ans Gehirn, wodurch diese künftig auch unbewusst besser genutzt werden kann. (vgl. Dyckhoff 2002: 111ff) Vanessa Aeschbach 19 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Übung 6: Deutlich artikulieren durch die Zungenübung Sprechen Sie einen einfachen Satz wie ‚Diese Sprechübung macht mir richtig Spass‘ in verschiedenen Variationen aus, bei denen die Zunge jeweils an einem anderen Ort im Mund plaziert wird: • Zunge am linken hintersten Backenzahn oben • Zunge am rechten hintersten Backenzahn oben • Zunge am linken hintersten Backenzahn unten • Zunge am rechten hintersten Backenzahn unten • Zunge zwischen Lippen und Vorderzähnen oben • Zunge zwischen Lippen und Vorderzähnen unten • Zunge nach oben am Gaumen ein wenig eingerollt • Zunge herausstrecken über die Lippen nach unten Sprechen Sie denselben Satz, indem Sie sämtliche Vokale durch a, danach durch e, i, o, u, ä, ö und ü ersetzen (Dese Sprechebeng mecht mer rechteg Spess) Sprechen Sie nun den Satz nochmals normal aus und bemerken Sie den Unterschied in Ihrer Aussprache im Vergleich zu vor der Übung (vgl. Dyckhoff 2008: 111ff) Übung 7: Deutliche Aussprache durch Schnellsprechübungen Bei den folgenden Zungenbrechern werden Sie selbst merken, bei welchen Buchstaben, Buchstabenkombinationen und Wörtern Sie am häufigsten stolpern. Durch diese Übung wird die Sprechfertigkeit verbessert und die Zunge gewinnt an Beweglichkeit. (vgl. Ebeling 2005: 149ff) Sprechen Sie die Sätze mit gewissem Tempo möglichst klar und verständlich aus und sprechen Sie dabei möglichst vorne im Mund. Zungenbrecher Auf dem Türmchen steht ein Würmchen mit dem Schirmchen unterm Ärmchen. Kommt ein Stürmchen, bläst das Würmchen mit dem Schirmchen unterm Ärmchen von dem Türmchen. Bald blüht breitblättriger Wegerich, breitblättriger Wegerich blüht bald. Bismarck biss Marc, bis Marc Bismarck biss. Brautkleid bleibt Brautkleid und Blaukraut bleibt Blaukraut. Der Flugplatzspatz nahm auf dem Flugplatz platz, auf dem Flugplatz nahm der Flugplatzspatz platz. Der Leutnant von Leuthen befahl seinen Leuten, nicht eher zu läuten bis der Leutnant von Leuthen seinen Leuten das Läuten befahl. Vanessa Aeschbach 20 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Der Potsdamer Postkutscher putzt den Potsdamer Postkutschkasten. Der Cottbuser Postkutscher putzt den Cottbuser Postkutschkasten. Der Potsdamer und der Cottbuser Postkutscher putzen den Potsdamer und den Cottbuser Postkutschkasten. Der Potsdamer Postkutscher putzt den Potsdamer Postkutschkasten, Der Cottbuser Postkutscher putzt den Cottbuser Postkutschkasten. Der Zweck hat den Zweck, den Zweck zu bezwecken; wenn der Zweck seinen Zweck nicht bezweckt, hat der Zweck keinen Zweck. Die Katzen kratzen im Katzenkasten, im Katzenkasten kratzen Katzen. Dreiunddreissig rosenrote Ritter ritten dreiunddreissigmal rund um den Berg Ararat herum, und als die dreiunddreissig rosenroten Ritter dreiunddreissigmal rund um den Berg Ararat herumgeritten waren, ritten die dreiunddreissig rosenroten Ritter noch dreiunddreissigmal rund um den Berg Ararat herum. Ein sehr schwer sehr schnell zu sprechender Spruch ist ein Schnellsprechspruch, auch ein nur schwer zu sprechender Spruch heisst Schnellsprechspruch. Es kann vorkommen, dass die Nachkommen mit dem Einkommen nicht auskommen und daran umkommen. Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen Fritz-Franz Fräderich fragt nach Fritz-Frank Flederwisch In Ulm, um Ulm und um Ulm herum, summen drei Hummeln um Ulmen herum. Messwechsel – Wachsmaske – Wachsmaske – Messwechsel. Nachbars Hund heisst Kunterbunt, Kunterbunt heisst Nachbars Hund. Nicht alle Leute können es ertragen, wenn Lautenspieler laut die Lauten schlagen, drum spielen heute laute Lautenspieler leise Laute, weil manchen Leuten vor den lauten Lautenlauten graute. Schneiderschere schneidet scharf, scharf schneidet Schneiderschere. Sie stellte das tschechische Streichholzschächtelchen auf den Tisch, auf den Tisch stellte sie das tschechische Streichholzschächtelchen. Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen, fliegen Fliegen Fliegen nach. Wenn mancher Mann wüsste, wer mancher Mann wär, tät mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr. Da mancher Mann nicht weiss, wer mancher Mann ist, drum mancher Mann manchen Mann manchmal vergisst. Wer nichts weiss und weiss, dass er nichts weiss, weiss mehr als der, der nichts weiss und nicht weiss, dass er nichts weiss. Witzblatt – blitzblank – blitzblank- Witzblatt. Zwischen zwei spitzen Steinen sitzen zwei zischende Schlangen lauernd auf zwei zwitschernde Spätzchen. Vanessa Aeschbach 21 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2.4 Körpersprache Der Dialog zwischen Erzähler und Zuhörern findet vor allem über die Körpersprache und die paraverbale Sprache statt. Auf diese beiden Bereiche werde ich in diesem und im folgenden Kapitel eingehen. Die Zuhörer sind genauso Zuschauer. Denn eine Erzählung wird über die Ohren sowie die Augen aufgenommen. Der Körpersprache kommt daher eine entscheidende Bedeutung zu. Die Körpersprache setzt sich dabei zusammen aus: • • • • Körperhaltung Blickkontakt Mimik Gestik Körperhaltung Die Haltung des Oberkörpers ist massgebend dafür, ob eine Person selbstbewusst wirkt oder nicht. Ein aufgerichteter Oberkörper vermittelt den Ausdruck von Stärke und einer aufrichtigen Persönlichkeit. Das Herz und das Innere werden dabei ohne Scheu gezeigt. Personen mit eingesunkener Haltung und zusammengesunkenem Brustkorb mit nach vorne geneigten Schultern wirken schwächlich und nicht selbstbewusst, da es scheint, als müssten sie sich schützen. (vgl. Kmoth 2007: 36) Wird im Stehen erzählt, so sollten die Füsse hüftweit auseinander stehen. Dadurch strahlt man Standfestigkeit und Selbstsicherheit aus.(vgl. Kmoth2007:75f) Im Sitzen sollte darauf geachtet werden, die Beine nicht zu überkreuzen, denn dies wirkt als Barriere. Auch hier sollten die Füsse gut auf dem Boden stehen. Blickkontakt Der Blickkontakt ist ein sehr wichtiger Aspekt der nonverbalen Sprache, denn durch ihn wird die Beziehung zu den Zuhörern hergestellt. Der Blick sollte direkt auf die Zuhörer gerichtet werden. Bei kleineren Gruppen sollten alle Zuhörer im Laufe der Erzählung mehrere Male angesehen werden. (vgl Kmoth 2007: 166ff) Mimik Das Erste, was uns an einer Person überzeugt, ist ein freundlicher und lächelnder Gesichtsausdruck. Lächeln wirkt dabei als Türöffner. Menschen haben normalerweise eine Standardmimik, welche in der Alltagskommunikation eingesetzt wird. Zuhörer fühlen sich durch eine gleichbleibende Standardmimik emotional wenig angesprochen, denn der Erzählende wirkt monoton und langweilig. Die Mimik ist jedoch schwer zu kontrollieren und kann schnell maskenhaft und nicht authentisch wirken. Es ist daher sinnvoll, das eigene Lächeln gelegentlich zu überprüfen. (vgl. Kmoth 2007: 163ff) Vanessa Aeschbach 22 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Gestik Die Gestik kann dem Erzählten mehr Ausdruck verleihen und ist gleichzeitig Ausdruck der momentanen Gefühlsverfassung und Gedanken. Worte und Gesten sollten dabei zusammenpassen, d.h. kongruent sein. Während des Sprechens sollte nicht an Gesten gedacht werden, denn dadurch werden diese künstlich und wirken nicht authentisch. Üben Sie deshalb im täglichen Leben Hände beim Sprechen mitreden zu lassen. (vgl. Kmoth 2007: 11ff) Die Hände sollten sich bei der Gestik im Bereich zwischen Unterleib und Hals bewegen. (vgl. Kmoth 2007: 120) Kommen die Hände gerade nicht zum Einsatz, werden die Arme am besten locker hängen gelassen oder die Hände werden auf der Höhe des Bauchnabels ineinander gefaltet. Vermieden werden sollte, die Arme vor der Brust zu verschränken, da dies eine Barriere ist. Übung 8: Körperbewusstsein und aufrechte Haltung Es ist sehr schwierig, die eigene Körperhaltung zu verändern, denn diese ist sowohl psychisch wie auch physisch in den Muskeln und Gelenken eingeprägt. Es gilt daher zuerst, sich seiner eigenen Haltung bewusst zu werden. Stehen Sie dazu normal hin, so wie Sie es sich aus ihrem Alltag gewohnt sind und betrachten Sie dabei Ihre Haltung im Spiegel. Ist Ihr Oberkörper dabei aufgerichtet oder leicht zusammengesunken? Sind die Schultern breit und entspannt, sind sie nach vorne geneigt oder leicht hochgezogen und angespannt? Ist der Brustkorb offen oder zusammengesunken? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Füsse und Beine. Sind Ihre Füsse geschlossen oder stehen sie mit leicht geöffneten Füssen? Haben Sie auf einem Bein mehr Gewicht als auf dem anderen? Wenden Sie sich dann vom Spiegel ab und experimentieren Sie mit einer neuen Haltung (falls diese nicht bereits Ihre natürliche Haltung ist). Stehen Sie mit Ihren Füssen in Hüftbreite. Bemerken Sie, was für eine Wirkung dies auf Sie hat. Richten Sie dann Ihren Oberkörper auf. Achten Sie darauf, dass Ihr Becken neutral ist, d.h. weder nach vorne noch nach hinten gekippt ist. Die Taille ist lang, der Oberkörper richtet sich aus dem Becken heraus auf. Legen Sie je eine Hand auf die vorderen und eine auf die hinteren Rippen. Achten Sie darauf, dass Vorder- und Rückseite des Oberkörpers ausgeglichen sind, d.h. die Brust wird nicht rausgedrückt. Die Schultern sind breit und entspannt. Der Nacken ist lang und der Blick geradeaus gerichtet. Lassen Sie diese Haltung auf sich wirken. Wie fühlt es sich für Sie an? Bemerken Sie den Unterschied zu Ihrer normalen Haltung. Nehmen Sie sich immer wieder einmal die Zeit, um Ihren Körper auf diese Weise auszurichten. Dadurch verbessert sich Ihr Körperbewusstsein und Ihre Haltung kann sich langsam verändern. Vanessa Aeschbach 23 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2.5 Paraverbale Ausdrucksmittel Unter den paraverbalen Signalen versteht man alle nicht verbalen Ausdrucksmittel, die an die Sprache gebunden sind. Dazu zählen: • • • • • • Lautstärke Tempo Intonation Stimmführung Sprechweise Rhythmus Lautstärke und Tempo Variationen in Lautstärke und Tempo lassen eine Geschichte spannender und dynamischer erscheinen. An einer besonders spannenden Stelle kann z.B. eine Verzögerung eingebaut werden (und plötzlich.), ein markanter Wechsel zu lautem bzw. leisem Sprechen betont ein Geschehnis, leiseres Sprechen verleiht einen geheimnisvollen Ausdruck, etc. Intonation Je nachdem, wie betont wird, erhält ein Satz eine andere Bedeutung. Der Satz ‚Meinst du den Stuhl?‘ bedeutet mit Betonung auf den ‚Meinst du diesen einen Stuhl hier?‘ und mit Betonung auf Stuhl ‚Du meinst den Stuhl und nicht z.B. den Tisch‘. Stimmführung Bei der Stimmführung sollte darauf geachtet werden, auf dem Eigenton zu sprechen. Studien haben ergeben, dass Sprechen auf dem Eigenton Sympathie erzeugt und beruhigend und entspannend auf den Sprecher wie die Zuhörer wirkt. (vgl. Dyckhoff 2001: 53f) Sprechweise Die Sprechweise umfasst den Dialekt sowie allfällige Sprechauffälligkeiten wie beispielsweise Lispeln. Eingebaute Dialekte und Sprachfehler können als bewusste Gestaltungsmittel innerhalb der direkten Rede beim Erzählen von Geschichten eingesetzt werden. Rhythmus Auch der Rhythmus kann als Gestaltungsmittel eingesetzt werden. Sprüche wie ‚Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss.‘ wirken besonders, wenn diese rhythmisch gesprochen werden. (vgl. Notizen aus dem Seminar DV Deutsch HS 11) Übung 9: Sätze verschieden gestalten Wählen Sie einige Sätze der Schnellsprechübung aus und variieren Sie diese in Lautstärke, Tempo, Intonation, Stimmführung, Sprechweise und Rhythmus. Vanessa Aeschbach 24 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2.6 Der rote Faden Eine Geschichte braucht eine Grundstruktur, die es dem Zuhörer erst ermöglicht, der Handlung zu folgen. Die Struktur von Geschichten wurde im ersten Kapitel kurz erläutert. Um eine Geschichte frei erzählen zu können, ohne sie abzulesen und dabei den roten Faden nicht zu verlieren, ist es empfehlenswert, sich die Meilensteine, d.h. die wichtigsten Stationen einer Geschichte stichwortartig zu notieren. Beim freien Erzählen dürfen natürlich Abschweifungen, Umwege und detailliertere Beschreibungen eingebaut werden, der Verlauf des Geschehens muss jedoch immer noch verständlich bleiben. Hinweis: Machen Sie die nun folgenden Übungen für sich, erzählen Sie die Geschichten wenn möglich Ihren Kindern oder arbeiten Sie mit Videofeedback, indem Sie sich selbst beim Erzählen aufnehmen und es sich anschliessend ansehen. Übung 10: Der rote Faden Lesen Sie das Märchen ‚Rotkäppchen‘ durch (siehe Anhang) und notieren Sie dabei die wichtigsten Meilensteine. Versuchen Sie nun die Geschichte nur anhand der Stichworte zu erzählen. 2.7 Sinnlich erzählen: die fünf Gewürze Es gibt Leute, denen wir beim Erzählen stundenlang zuhören können, bei anderen wiederum ermüden wir nach kurzer Zeit und hängen innerlich ab. Wer seine Zuhörer mitreissen und in die Welt seiner erzählten Geschichte eintauchen lassen will, der muss diese Welt erfahrbar machen. Dabei kommt es darauf an, dass der Erzähler die Geschichte miterlebt, denn nur so kann sie auch der Zuhörer mitleben. Folgende fünf Elemente bzw. ‚Gewürze‘ helfen beim sinnlichen Erzählen und lassen eine Geschichte besonders lebendig wirken: Die fünf Gewürze • • • • • Vanessa Aeschbach Gespräche einbauen Gefühle ausdrücken Gedanken erläutern Geräusche schildern Genaue Beschreibungen 25 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Gespräche einbauen Wo immer möglich, sollte die direkte Rede vor der indirekten bevorzugt werden. Besonders wirkungsvoll ist es, wenn die wörtliche Rede dabei gestaltet wird, indem verschiedenen Charakteren unterschiedliche Stimmen gegeben werden. Variiert werden kann dabei mit der Höhe der Stimmlage, dem Sprechtempo, dem Akzent, ev. wird ein Sprachfehler eingebaut. Dadurch wird jeder Person einer Geschichte eine persönliche Note gegeben und sie beginnt zu leben. Gefühle ausdrücken Die Gefühle der Charaktere können verbalisiert werden, über die Körpersprache ausgedrückt und/oder paraverbal vermittelt werden. Gedanken erläutern Gedanken von Charakteren werden besonders ausdrucksstark, wenn diese in der wörtlichen Rede ausgedrückt werden und stimmlich gestaltet werden. Angstgedanken werden z.B. mit zittriger, leiser Stimme ausgedrückt. Geräusche schildern Geräusche können verbalisiert werden und durch paraverbale Ausdrucksmittel betont werden, indem z.B. ‚es klirrte‘ besonders schrill ausgesprochen wird, oder durch direktes Nachahmen betont werden, indem zu ‚es klopfte an der Türe‘ auf den Stuhl oder den Tisch geklopft wird. Genaue Beschreibungen Eine Geschichte wirkt besonders lebendig, wenn Personen und Umgebung genau beschrieben werden und dabei die Beschreibungen verschiedene Sinne ansprechen. Der Zuhörer kann sich dadurch lebhaft z.B. in die warme, heimelige Küche mit dem grossen Holztisch und dem knisternden Kaminfeuer, in der es nach bereits fertig gebackenen Weihnachtskeksen duftet, hineinversetzen. Übung 11: Sinnlich erzählen Erzählen Sie abermals das Märchen ‚Rotkäppchen‘ anhand der notierten Stichworte und versuchen Sie dabei möglichst viele der ‚fünf Gewürze‘ einzubauen. Zur Hilfestellung können Sie zur Vorbereitung die Geschichte erneut durchlesen und dabei die direkten Reden und Gedanken in verschiedenen Farben anzeichnen, Gefühle, Geräusche und Beschreibungen markieren und Stellen markieren, bei denen diese ausgebaut und lebendiger gestaltet werden könnten. Vanessa Aeschbach 26 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 2.7 Abschliessende Übungen zum Geschichtenerzählen Übung 12: Videofeedback Nehmen sie abermals die Geschichte von Rotkäppchen oder wählen Sie eine eigene Geschichte und schreiben Sie sich zur Vorbereitung die Meilensteine heraus. Erzählen Sie dann die Geschichte und versuchen Sie dabei möglichst viel von dem zu integrieren, was Sie in den Erzählübungen gelernt haben. Achten Sie auf Ihre Atmung, Ihre Artikulation, Körpersprache und Ihren paraverbalen Ausdruck, sprechen Sie in Ihrer Indifferenzlage und versuchen Sie sinnlich zu erzählen. Filmen Sie sich beim Erzählen und geben Sie sich anschliessend selbst ein Feedback mit Hilfe des untenstehenden Beobachtungsbogens. Vanessa Aeschbach 27 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Beobachtungsbogen /- Atmung Tiefenatmung Stimmführung Indifferenzlage Artikulation Deutlichkeit der Aussprache Körpersprache Offene Haltung Blickkontakt Mimik Gestik Paraverbaler Ausdruck Variation mit Lautstärke Variation mit Tempo Intonation Sprechweise Sinnlich erzählen Gespräche werden eingebaut Gedanken werden verbalisiert Gefühle werden ausgedrückt Geräusche werden geschildert Es wird genau beschrieben Roter Faden Die Geschichte ist gut nachvollziehbar Vanessa Aeschbach 28 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Literatur Abraham, U. (2008): Sprechen als reflexive Praxis: Mündlicher Sprachgebrauch in einem kompetenzorientierten Deutschunterricht. Freiburg: Fillibach Aderhold, E. (1998): Sprecherziehung des Schauspielers. Berlin: Henschel Albes, C. u. Saupe, A. (2010) Vom Sinn des Erzählens. Geschichte, Theorie und Didaktik. Frankfurt: Peter Lang Bernhard, B. (2003): Sprechen im Beruf. Der wirksame Einsatz der Stimme. Wien: öbv &hpt Verlag Bettelheim, B. (1980): Kinder brauchen Märchen. München: dtv Verlag Brehler, R. (2000):Der moderne Redetrainer: Sicher auftreten, überzeugend vortragen. Niederhausen: Falken Verlag Claussen, C. u. Merkelbach, V.( 2003): Erzählwerkstatt mündliches Erzählen. Braunschweig: Westermann Coblenzer, H. u. Muhar, F. (1998): Atem und Stimme- Anleitung zu gutem Sprechen). Wien: öbv&hpt Verlag Dyckhoff, K. u. Westerhausen, T. (2002): Stimme: Instrument des Erfolgs. Berlin: Metropolitan Verlag Ebling, P. (2005): Rhetorik – Der Weg zum Erfolg. Baden-Baden: Humboldt Verlag Ewers, H.(1991): Kindliches Erzählen – Erzählen für Kinder. Weinheim und Basel. Beltz – Grüne Reihe Heilmann, C. (2009): Körpersprache richtig verstehen und einsetzen. München: Reinhardt Kmoth. N. (2007): Erfolgsfaktor Körperrhetorik. Heidelberg: Redline Leubner, M. u. Saupe, A. (2009): Erzählungen in Literatur und Medien und ihre Didaktik. Schneider Hohengehren Rohr, P. (2008): Reden wie ein Profi. Zürich: Beobachter Ratgeber Seidel, C. 1999): Erzähl mir die Welt. Linz: Sabe Verlag Steinbuch, U. (2005): Raus mit der Sprache. Frankfurt: campus concret Storz, E. (2010): Die Indifferenzlage. URL: (Stand: 10.10.2011) Troy, P. (2008): Verbesserung der Artikulation. URL: (Stand: 18.10.2011) Vanessa Aeschbach 29 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Anhang Rotkäppchen Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Wege ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in allen Ecken herum! Ich will schon alles richtig machen, sagte Rotkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. Guten Tag, Rotkäppchen! sprach er. Schönen Dank, Wolf! Wo hinaus so früh, Rotkäppchen? Zur Großmutter. Was trägst du unter der Schürze? Kuchen und Wein. Gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit stärken. Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter? Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen, sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: Das junge, zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte. Du mußt es listig anfangen, damit du beide schnappst. Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er: Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen. Warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig draußen in dem Wald. Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme, lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief danach und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradewegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. Wer ist draußen? Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf! Drück nur auf die Klinke! rief die Großmutter, ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen. Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor. Vanessa Aeschbach 30 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 Rotkäppchen aber, war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, daß die Tür aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte: Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir heute zumut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter! Es rief: Guten Morgen, bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren! Daß ich dich besser hören kann! Ei, Großmutter, was hast du für große Augen! Daß ich dich besser sehen kann! Ei, Großmutter, was hast du für große Hände! Daß ich dich besser packen kann! Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul! Daß ich dich besser fressen kann! Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen. Wie der Wolf seinen Appetit gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben an dem Haus vorbei und dachte: Wie die alte Frau schnarcht! Du mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt. Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er, daß der Wolf darinlag. Finde ich dich hier, du alter Sünder, sagte er, ich habe dich lange gesucht. Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten, schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: Ach, wie war ich erschrocken, wie war so dunkel in dem Wolf seinem Leib! Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel. Da waren alle drei vergnügt. Der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder; Rotkäppchen aber dachte: Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir die Mutter verboten hat. Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf es angesprochen und vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging geradefort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: Wenn nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen. Komm, sagte die Großmutter, wir wollen die Türe verschließen, daß er nicht hereinkann. Bald danach klopfte der Wolf an und rief: Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes. Sie schwiegen aber und machten die Türe nicht auf. Da schlich der Graukopf etlichemal Vanessa Aeschbach 31 PH FHNW: DV Deutsch Gekonnt erzählen 2011 um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Hause ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinne hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, Da sprach sie zu dem Kind: Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog! Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase. Er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfing zu rutschen; so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und von nun an tat ihm niemand mehr etwas zuleide.5 5 Quelle: Vanessa Aeschbach 32