Arbeitsblatt: Leseverstehen über Zürich

Material-Details

ein Leseverstehen über Zürich in eher literarischer Sprache
Deutsch
Textverständnis
8. Schuljahr
3 Seiten

Statistik

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999
17
09.01.2013

Autor/in

Sarah Stucki
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Der Architekt und Musiker Jürg Grau über seine Jahre an der Zürcher Langstrasse Zürich: Warum ich die Fahnenflucht ergriff Meine Überzeugung ist, dass die Langstrasse schlicht und einfach die schönste und lebendigste Strasse von Zürich ist. Es ist mitunter hektisch hier, der Verkehr 5 manchmal zermürbend, doch das Leben mit seinen vielen fremden Gesichtern und Kulturen ist hier so dicht wie an keinem anderen Ort in der Schweiz. An der Langstrasse spürst du ein Häuchlein von New York, aber im intimeren, quasi im dörflichen Massstab. Trotzdem gibt es keinen provinziellen Mief, keine Nachbarn, die sich hinter dem Stubenvorhang gegenseitig beobachten. Wilde und 10 extravagante Typen hat man im Kreis 4 schon immer angetroffen, aber für verrucht hielt ich die Gegend im Grunde nie. Sie ist bloss nicht so bünzlig wie viele Schweizer Quartiere. Sicher, das mögen Bilder aus dem Klischeekasten sein, und doch treffen sie einen Teil der Langstrassenrealität, meiner Langstrassenrealität. 15Ich bin 1975 in dieses Quartier gezogen, genauer: an die Anwandstrasse, eine der vielen kleinen Seitenstrassen der grossen Aorta Langstrasse. Das ist, für Kreis-4Verhältnisse, eine durchaus privilegierte Wohnlage, denn sie ist kein Abgaskanal wie die Langstrasse, und auch das Bermudadreieck der Huren und Freier liegt nicht direkt vor unserer Haustüre. Meine Wohnung ist ein Glücksfall: wunderschön, 20 grossartig gelegen. Und erst noch bezahlbar. Das heisst: Sie war wunderschön und grossartig. Denn vor einem Jahr bin ich, nach 18 schönen Jahren im Kreis 4, mit meiner Familie ausgezogen. Jetzt wohnen wir am Friesenberg, einer sehr ruhigen Gegend am Stadtrand. Und seither erwache ich einmal pro Nacht, gerade weil es so ruhig ist. Offenbar fehlt mir der vertraute 25 Geräuschteppich des Kreises 4, auch wenn mich der Verkehr so manches Mal grausam genervt hat. Ursprünglich wollten wir einfach eine grössere Wohnung. Die hätten wir in dieser Gegend wohl auch gefunden. Doch wollten wir gar nicht mehr dort bleiben, und zwar ganz einfach deshalb, weil wir die Nase voll hatten von der Invasion der 30 Dealerbanden. Die waren rund um die Uhr vor unserem Haus präsent in Zugsstärke. Ich hätte sie alle wunderbar von meiner Wohnung aus filmen können, wie sie ihre Päckli und ganze Notenbündel untereinander tauschten. Diese Dealer traten unglaublich arrogant und selbstsicher auf, zu zweit, zu dritt. Diese Arroganz ist eine Beleidigung für jeden Anwohner. Das Spiessrutenlaufen zwischen diesen 35 Typen, die vor unserem Hauseingang lungerten, das war alles andere als lustig. Da darf sich, wer keine Schlägerei oder Schlimmeres riskieren will, einfach nichts erlauben. Meinen damals 12jährigen Trompetenschüler, dem ich am Feierabend Musikunterricht erteilte, wagte ich schon gar nicht mehr vor dem Übungslokal warten zu lassen. 40Für meine Frau, ja generell für die Frauen im Quartier, war alles noch viel unangenehmer als für mich. Die Dealerszene ist auch weit aggressiver als zum Beispiel das Sexgewerbe. Verharmlosen will ich dieses sozusagen traditionelle Milieu überhaupt nicht, doch Huren und Zuhälter haben schon immer zur Langstrasse gehört. 45 Kaum etwas anderes hat die Entwicklung der Dealerszene im oberen Teil der Langstrasse so sehr begünstigt wie die Schliessung des Kanzleizentrums. Solange dieser Quartiertreff noch existierte, waren vor allem am Abend noch alle möglichen Leute auf den benachbarten Strassen anzutreffen. Das vermittelte auch Sicherheit. Dann kam der negative Volksentscheid, und der war eine Katastrophe für den Kreis 4, denn von einem Tag auf den anderen war die Umgebung des Zentrums tot. Drei Monate später nisteten sich die Dealer in diesem unheimlichen nächtlichen Vakuum ein. Eines Nachts standen diese bestens organisierten und mit Funktelefonen ausgerüsteten Typen plötzlich da. Und sind seither geblieben. 50 55Ich bin nun weiss Gott nicht einer, der schnell nach der Polizei ruft. Aber irgendwann hat jeder genug. Was soll tun, wer, um nur ein Beispiel zu nehmen, im Nachbarhaus eine Frau derart schreien hört, dass man glaubt, jetzt wird sie von ihrem Mann umgebracht. Die Polizei kam dann auch eine Stunde später. Da hätte sie es auch bleiben lassen können. Gerade was die Dealer betrifft, vermag die 60 Polizei an diesen Zuständen so gut wie nichts zu ändern. Nicht, dass sie nicht wollte. Sie ist vielmehr überfordert, zwar nicht desinteressiert, aber demotiviert. Immerhin hat die Polizei mehrmals das Eckcafé in unserer Strasse gefilzt, das von den Drogenhändlern zeitweilig völlig okkupiert war, weil es strategisch günstig liegt. Alles in allem habe ich den Eindruck, dass das Klima im Kreis 4 kippen könnte, wenn die aktiven Leute immer mehr unter Druck geraten und sich aus dem Quartierleben immer mehr zurückziehen. Oder gleich ganz ausziehen. Das hinterlässt ein Vakuum und löst einen Teufelskreis aus. Ich bin ja durchaus nicht ein Einzelfall. In letzter Zeit sind etliche Leute weggezogen, vor allem solche mit schulpflichtigen Kindern. Auch in meinem Fall war das mit ein Grund. Unser älterer Sohn war der 70 einzige Schweizer unter 30 Schülerinnen und Schülern. Bei allem Goodwill gegenüber einem multikulturellen Ambiente: Unter solchen Umständen wird die Sache schon ziemlich schwierig. 65 Die einen oder anderen unter unseren Freunden haben uns den Wegzug als Fahnenflucht ausgelegt. Die waren regelrecht schockiert. Der Vorwurf, man lasse 75 seine Bekannten im Stich, trifft natürlich schmerzlich, doch was willst du denn machen, wenn die Lebensqualität derart mit Füssen getreten wird. Dieser Schritt muss doch erlaubt sein, obschon ich jene Leute, die im Kreis 5 ausharren, der noch viel stärker von der Drogenszene am Letten drangsaliert wird, nur bewundern kann. Meine Seele habe ich mit dem Umzug allerdings nicht verloren. Denn ich habe immer noch Wurzeln an der Langstrasse. Und vor allem hoffe ich auf eine gegenläufige Veränderung des Quartiers. So wäre durch aus denkbar, dass ich wieder einmal in den Kreis 4 ziehe. Aufgegeben habe ich die Langstrasse jedenfalls noch lange nicht. 80 85 Test Leseverstehen 8a 22. August 2012 Name:_ / 19 Punkten Note: Unterschrift: 90 Richtig oder falsch? A) Lies die Aussagen 1 8. Überprüfe dabei, ob die folgenden Behauptungen dem Text entsprechen. Kreuze richtig oder falsch an und trage die Zeilenzahl ein, auf die du Bezug nimmst. Zusätzlich musst Du die falschen Teile auf den leeren Zeilen 95 korrigieren. (10p) richtig falsch richtig falsch An der Langstrasse ist der Duft der weiten Welt vermischt mit einer eher dörflichen und familiären Atmosphäre. 2) Zeile: Jetzt erwache ich einmal in der Nacht, weil der Verkehr, den ich im Kreis 4 immer über alles schätzte, mir so richtig fehlt. 3) Zeile:_ Vor der Haustüre auf der Strasse zu warten, ist wegen der Dealer bereits ein Risiko. 4) Zeile: Für meine Frau war alles noch viel schlimmer, weil das Sexgewerbe im Quartier noch aggressiver ist als die Drogenszene. Zeile: 5) Die Polizei kann gegen die Dealer kaum etwas ausrichten, da diese so gut organisiert sind. Zeile:_ 6) Das Klima wird auch nicht besser, wenn die vielen pensionierten Ehepaare im Quartier das Weite suchen. 7) Zeile:_ Wegen der Drogenszene am Letten ist im Kreis 5 das Leben und Ausharren noch viel schlimmer als an der Langstrasse. 8) Zeile: Obwohl mein Herz für die Langstrasse weiter schlägt, würde ich nie mehr ins Quartier zurückziehen. Zeile: 100 105 110 B) Beantworten dann die Fragen 9 und 10 in Stichworten. (4p) 115 9) Nenne je zwei Argument für und gegen den Verbleib in der alten Wohnung im Kreis 4, so wie der Autor dies im Text schreibt. 10) Im Text wird das aktuelle Problem der „offenen Drogenszene aufgegriffen. Welches sind Merkmale dieser Szene? Zähle 2 Merkmale auf. C) Erkläre die folgenden Begriffe aus dem Textzusammenhang. (5p) Zeile 5 zermürbend . 120 . Zeile 8 provinziellen Mief . 125 . Zeile 16 privilegierte . 130 . Zeile 60 okkupiert . 135 . Zeile 75 drangsaliert . 140 . 5