Arbeitsblatt: Luzerner Sagen

Material-Details

eine kleine Auswahl an Sagen für den Deutsch oder M/U-Unterricht
Deutsch
Vorlesen / Vortragen / Erzählen
5. Schuljahr
14 Seiten

Statistik

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940
16
08.02.2014

Autor/in

Jerry Duss (Spitzname)
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

DIE FRAU DES TÜRSTEN Vor hunderten von Jahren herrschten harte Zeiten. Ein Mädchen war vom Vater verstossen worden, weil es von ihrem geliebten Burschen ein Kind bekommen hatte. Das armselige Mädchen suchte Unterkunft, Arbeit und Hilfe bei wohlgesinnten Leuten und gelangte alsdann bei Alberswil an den reichen Burgherrn vom Kastelen. Doch der verruchte Herr, kinderlos verheiratet, nahm ihr nur das Kind weg und jagte die junge Mutter ohne ihr Mädchen vondannen. Die Frau eilte die Wigger abwärts und durchstreifte schluchzend die Gegend am Fusse des Santenberges. Sie hielt dem Armensünderchäppeli in Egolzwil zu, um die Heiligen anzuflehen. Vor der Kapelle aber stand ein stattlicher Mann mit stechenden Adleraugen und sprach sie ihrer verweinten Augen wegen an. Die Frau spürte, dass dieser Mann mehr als nur Brot essen konnte. Es war der Türst. Er bot ihr seine Hilfe an für das Versprechen allerdings, dass ihr Töchterlein später mit siebzehn Jahren seine Geliebte werde. In ihrer Not willigte die arme Frau ein, konnte sie doch wenigstens ihre Tochter für viele Jahre wieder bei sich haben und ausserdem, wer weiss, in siebzehn Jahren würden einetwegen nur noch der Mond und die Sterne am selbigen Orte stehen. Türst aber war niemand anders als der heidnische Wodan, der Beherrscher der Lüfte, der sich zur selbigen Zeit als Jäger unter die Menschen gesellt hatte und die Wälder des Santenberges nach Wild durchstreifte, aber auch als Wildhüter. Die Mutter erhielt ihr Kind auf wundersame Weise zurück, ohne dass ihr der geheimnisvolle Held auch nur eine Frage nach dem Wie und dem Womit beantwortet hätte, und heiratete bald einen lieben Mann, einen Köhler vom Cholirütiwald. Als das Kind erwachsen war, klopfte eines frühen Morgens tatsächlich der Türst an die Türe des Köhlers, der schon zur Arbeit aufgebrochen war, und verlangte von der überraschten Frau die Einlösung des Versprechens. Sie erbleichte. Doch ihre Tochter fand sogleich Gefallen an dem stattlichen Manne, der zum Erstaunen der Mutter kein Bisschen gealtert schien. Die Mutter blieb nun ohne ihre Tochter zurück. Zu ihrem Troste hatte sie inzwischen drei Söhne von ihrem Manne und verkraftete so den Verlust ihrer unehelichen Tochter. Diese Geliebte des Türst war eine barmherzige Frau und eine begnadete Hellseherin, die vor grossen Stürmen, Erdbeben und Wasserfluten irgendwo um den Santenberg auftauchte, um gefährdete arme Leute vor dem nahenden Unheil zu warnen, die sonst Leib, Kinder oder Gut verloren hätten. Sie soll auch den Ruf einer wundersamen Heilerin gehabt haben. DIE MORDNACHT VON LUZERN Als auch Luzern dem ewigen Bunde der Eidgenossenschaft beigetreten war, da wohnten doch noch östreichisch Gesinnte in der Stadt, die erkannten sich an den roten Ärmeln, die sie trugen. Diese Rotärmel versammelten sich eines Nachts unter dem Schwibbogen, willens, die Eidgenossen zu überfallen. Und wiewohl sonst niemand um so späte Zeit an den Ort zu gehen pflegte, geschah es damals durch Gottes Schickung, daß ein junger Knabe unter dem Bogen gehen wollte, der hörte die Waffen klirren und den Lärm, erschrak und wollte fliehen. Sie aber holten ihn ein und drohten hart: wenn er einen Laut von sich gebe, müsse er sterben. Drauf nahmen sie ihm einen Eid ab, daß er keinem Menschen sagen wolle; er aber hörte alle ihre Anschläge und entlief ihnen unter dem Getümmel, ohne daß man auf ihn achtete. Da schlich er und lugte, wo er Licht sähe; und sah ein grosses Licht auf der Metzgerstube, war froh und legte sich dahinten auf den Ofen. Es waren noch Leute da, die tranken und spielten. Und der gute Knabe fing laut zu reden an: »O Ofen, Ofen!« und redete nichts weiter. Die andern hatten aber kein Acht drauf. Nach einer Weile fing er wieder an: »O Ofen, Ofen, dürft ich reden.« Das hörten die Gesellen, schnarzten ihn an: »Was treibst du hinterm Ofen? Hat er dir ein Leid getan, bist du ein Narr, oder was sonst, dass du mit ihm schwatzest?« Da sprach der Knabe: »Nichts, nichts, ich sage nichts«, aber eine Weile drauf hub er an zum dritten mal und sagte laut: »O Ofen, Ofen, ich muss dir klagen, ich darf es keinem Menschen sagen;« setzte hinzu, dass Leute unterm Schwibbogen stünden, die wollten heut einen grossen Mord tun. Da die Gesellen das hörten, fragten sie nicht lange nach dem Knaben, liefen und taten jedermann Kund, dass bald die ganze Stadt gewarnt war und konnten so ein grosses Blutvergiessen in dieser Nacht verhindern. DER KÜFER VON LUZERN UND DIE DRACHEN Im Herbst des Jahres stieg ein Küfer von Luzern ganz allein gegen den Pilatus hinauf. Er wollte Holz für seine neuen Fässer suchen. Wie er über wilde Felsen hinaufkletterte, fiel er unversehens in eine tiefe Spalte. Doch er hatte Glück im Unglück! Benommen sah er sich in der Dunkelheit um und bemerkte neben sich zwei grosse Drachen, die sich eben für den nahenden Winter einrichteten. Der Küfer erschrak und verhielt sich ganz still. Die Drachen zeigten sich sanft und zahm und taten dem Küfer kein Leid an. Er sah, wie sie immer wieder am Felsen leckten und sich von deren salzigen Absonderungen ernährten. In dieser Weise fristete auch der Küfer sein Leben und brachte den Winter zu, ohne unter Frost zu leiden. Wie nun der Frühling ins Land zog, rüsteten sich die Lindwürmer zum Ausflug. An einem schönen Tage krochen sie langsam aus dem Felsenloch. Da setzte sich der Küfer auf den langen Schwanz des einen Drachen und konnte sich so befreien. Glücklich kehrte er in die Stadt zurück. Doch, wie erstaunt war er, als er bemerkte, dass ihn kein Mensch mehr kannte. Man erzählte ihm, vor hundert Jahren sei ein Küfer am Pilatus verunfallt und nie mehr zurückgekehrt. Und tatsächlich: In seinen altmodischen Kleidern wirkte er wie ein Mensch aus einer vergangenen Welt. STRÄGGELEJAGEN Vielerorts im Lande war es früher Übung, dass junge Burschen in bestimmten Nächten eine Sträggelejagd nachahmten, indem sie einen von ihnen jauchzend und lärmend verfolgten. Der Rat von Luzern musste oft gegen dieses Sträggelejagen einschreiten. Im Entlebuch ahmten einst sieben Burschen am Schüpfer Berg die Sträggelenacht nach. Als sie des Treibens müde waren, beschlossen sie, in Türsts und der Sträggelen Namen auf einem Schlitten zu Tal zu fahren. Sie setzten sich auf den Schlitten und glitten ab. Wie einer zur Seite blickte und im weissen Schnee die Schatten zählte, sah er, dass acht Gestalten auf dem Schlitten sassen. Einer warf einen riesengrossen Schatten. Auch die andern zählten, als er sie darauf aufmerksam machte, dass einer zuviel unter ihnen sass. Der Schlitten fuhr unterdessen immer schneller. Die Burschen spürten, dass er den Boden nicht mehr berührte, und dass die Fahrt nun hoch in den Lüften ging. Da vergingen ihnen Übermut und Lustigkeit, Todesangst befiel sie, und sie gelobten, wenn Gott sie aus dieser Not erlöse, so wollen sie zum Dank eine Kapelle errichten. Kaum hatten sie das Gelübde getan, verloren sie die Besinnung. Als sie langsam wieder zu sich kamen, lagen sie neben dem umgestürzten Schlitten tief im Schnee, und als sie sich in der Gegend umsahen, fanden sie sich zu Füssen des Hügels, auf dem ihr Heimwesen stand. Die sieben Burschen gingen bedrückt nach Hause und machten sich unverzüglich an die Erfüllung des Gelübdes. Als sie den Grund zu der Kapelle zu legen begannen, stiessen sie auf einen ansehnlichen vergrabenen Schatz. Es war ein Topf voll alter Berner Taler. Sie verwendeten das Geld zum Bau der Kapelle, die darob schöner und grösser wurde, als die Gründer es vorgesehen hatten. Die Kapelle ist St.Josef geweiht und steht am Fuss des Schüpfer Berges. DER BRUDER FRITSCHI UND SEINE FRAU Vor den Toren der Stadt Luzern wohnte einst ein Bauer mit seiner Frau auf seinem Hof in der Halden, also draussen beim Kursaal am See. Eigentlich hiess er Fridolin. Er wurde aber im Volk nur Fritschi genannt. Um das Jahr 1480 soll er gestorben sein. Der freundliche Mann lebte zurückgezogen auf seinem Landgut und war nie in den Wirtshäusern zu sehen. Nur jedes Jahr am Schmutzigen Donnerstag kam Bruder Fritschi in das Zunfthaus zu Safran in die Stadt. Diese Zunftstube sagte ihm besonders zu, und hier genehmigte er sich mit lustigen Gesellen einen Trunk. So geschah es Jahr um Jahr, bis zu seinem Tod. In seinem Testament vermachte er der Safranzunft eine stattliche Summe Geldes und legte folgendes fest: Wenn sich die Gesellschaft zu Safran am Schmutzigen Donnerstag versammle, solle sie einen grossen Pokal mit Wein füllen lassen. Dieser solle mit Spielleuten begleitet im fröhlichen Zug durch die Stadt getragen werden. Jeder, der es begehre, ob arm oder reich, ob jung oder alt, solle aus dem Pokal trinken können. Und der Wein solle immer nachgefüllt werden. Alles solle auf Kosten der Gesellschaft zu Safran und zum Gedächtnis an den Bruder Fritschi geschehen. So wurde es denn gehalten. Der Tag wurde Fritschitag genannt. Zu Ehren des Bauern Fridolin liess die Gesellschaft zu Safran die Gesichter des Bruders Fritschi und seiner Frau als Masken schnitzen, damit sie im Umzug mitgetragen werden konnten. DIE WILDLEUTE AM PILATUS In den Höhlen des Pilatus wohnten vor Zeiten überall kleine Wildmannen. Bei schönem Wetter zogen sie aus und stiegen bis in das Tal hinab, um den Bauern beim Heuen in den steilen Matten und Wiesen zu helfen. Wenn der Abend nahte, riefen sie sich zu: „Es will Abend werden und eilten hurtig davon. War das Wetter windig, sah man sie nicht. Als einst die Pest im Lande wütete, hörte man weithin vernehmlich die Wildleute rufen: „Esst schwarze Astrenzen und Bibernellen, dann sterbt ihr nicht alle. Die Menschen, die es gewohnt waren, sich an die Warnungen der Wildmannen zu halten, taten wie geheissen und blieben grösstenteils von der Pest verschont. Die Wildleute hielten sich die Gemsen wie Ziegen und melkten sie des Abends. Einst begegneten sie im Frühherbst ein paar Jägern, die zur Gemsjagd gingen und baten sie, ihre Ziegen nicht zu schiessen. Sie versprachen den Jägern ein Geschenk, das für sie alle ausreiche, solange sie keinem andern ein Stück davon geben. Die Jäger verzichteten tatsächlich auf die Jagd und erhielten von den Wildmannen einen Gemskäse, von dem sie allezeit gemeinsam essen konnten, ohne dass der Käse kleiner wurde. So brauchten sie lange Zeit nie Hungen leiden. Aber aus Neugier liessen sie Jahre einst Jahre später einen andern Mann davon kosten, und da schwand der Käse rasch. DER BERG PILATUS Pontius Pilatus war römischer Landpfleger von Judäa. Er war es, der Jesus den Juden zur Kreuzigung ausgeliefert hatte. Kaiser Tiberius liess ihn nach Rom holen und ins Gefängnis werfen. Dort beging er Selbstmord. Seine Leiche wurde in den Fluss Tiber geworfen, und sofort brach ein gewaltiges Gewitter über die Stadt herein. Darum fischte man den Leichnam wieder aus dem Tiber, verbrachte ihn nach Frankreich und warf ihn in die Rhone. Doch auch in jener Gegend verwüsteten Unwetter die Ländereien. Gleiches geschah wiederum in Lausanne, wohin der Leichnam überführt worden war. Darum beschloss man, den toten Pilatus in das wilde Gebiet des mächtigen Berges Frakmont bei Kriens zu schaffen und den Leichnam auf der Oberalp in den düsteren kleinen See zu werfen. Doch auch hier gab Pilatus keine Ruhe. Erst, als ein fahrender Schüler aus Salamanca auf den Berg stieg und Beschwörungsformeln über den See rief, war Pilatus gebannt. Doch sobald jemand Steine in den See warf oder laut sprach, brachen erneut die schrecklichsten Gewitter los. 1370 verbot die Luzerner Regierung darum jegliche Begehung des Pilatus. Erst 1594 hob sie dieses Verbot wieder auf. Denn der Luzerner Stadtpfarrer Johannes Müller war auf den Berg gestiegen, hatte Steine in den See werfen und Stadtknechte durch das Wasser waten lassen, und kein Unwetter brach aus. So nahm der Aberglaube, der dem Berg den Namen gegeben hat, ein Ende. DER DRACHENSTEIN Im Jahre 1421 war der Sommer brennend heiss. Damals war ein Bauer in Rothenburg mit all seinen Leuten auf den Wiesen am Heuen. Bald nach Mittag, als die Sonne am stärksten brannte, sah er über sich in der Luft einen scheusslichen Drachen dahinziehen. Der Drache kam von der Rigi her und flog gegen den Pilatus. Er verbreitete flammendes Feuer und einen schrecklichen Gestank. Das Untier senkte sich so nahe zum Erdboden nieder, dass der Bauer ohnmächtig zusammensank. Als er sich wieder erholt hatte, blickte er um sich und sah auf dem Boden etwas Eigenartiges liegen. Sicher hatte es der Drache auf die Erde fallen lassen. Vorsichtig ging der Bauer auf dieses unförmige Etwas zu. Der Drache etwas ausgestossen, das wie geronnenes Blut aussah. Der Bauer berührte ihn mit einem Stock und breitete das Ding, das wie Sulze aussah, auseinander. Da fand er darin einen Drachenstein. Von der Kraft des Drachensteines ist viel gesprochen worden. Wer ihn berührte, wurde von Krankheiten geheilt. Er ist schön glatt und rund, mit wunderlichen Flecken geziert, und wiegt ungefähr 250 Gramm. Dem Bauern, der den Stein fand, und seinen Nachkommen, wurde für diesen Stein viel Geld angeboten. Selbst Kaiser und Könige wollten den Stein als Wunder der Natur in ihre Schatzkammern aufnehmen. Nochheute wird er im Naturmuseum Luzern aufbewahrt. DIE SCHRATTENSAGE Was heute eine karge und schwer begehbare Steinwüste ist, war einst die schönste Alp des Entlebuches. Die sonnige Südseite der Schrattenfluh wurde von saftigen Matten und blumigen Wiesen geziert und wurde als Alp bewirtschaftet. Hannes und Jost, zwei Brüder, erbten die Alp von ihren geliebten Eltern. Doch Hannes war unersättlich, was seinen Erbteil anging und beraubte seinen blind geborenen Bruder Jost jedes Jahr um ein Stück von seinem Erbanteil. Die Raffgier und die Bosheit von Hannes verstand auch seine früh verstorbene Frau nicht. Gemeinsam hatten sie eine Tochter, die wunderschöne und zierliche Rösi. Zum Leidwesen aller erbte sie jedoch den bösen, hochmütigen und raffgierigen Charakter ihres Vaters. So verlangte sie von ihren zahlreichen Verehrern das Unmögliche – das Besteigen des Schibengütsch. Nicht wenige von ihnen stürzten dabei zu Tode. Trotz der Empörung und Erbitterung des Volkes über die Rücksichtslosigkeit von Hannes und seiner Tochter Rösi, änderten beide ihr Tun nicht. Eines Tages konnte ein guter und treuer Knecht nicht länger mit ansehen, wie der gemeine Hannes den blinden Bruder Jost um sein Land betrog und entschied sich dem Blinden davon zu berichten. Empört stellt Jost seinen Bruder zu Rede aufgebracht fluchte jener: „Der Teufel soll die ganze Alp von Grund auf verwüsten, wenn ich eine Krume meiner Scholle unrechtmässig erworben habe. Zeitgleich mit seinem Schwur brachen Donner und Blitz über die Matten und eine schwarze unheilvolle Wolkenwand türmte sich über dem Schibengütsch auf. Der Berg zitterte, als würde er in tausend Stücke zerschellen. Das Verderben brach über die Schrattenalp herein. Der Teufel riss mit seinen gewaltigen Klauen die blühenden Wiesen und saftigen Weiden von den Felsen und packte Hannes und Rösi und schleuderte sie in die Höhle unter dem Schibengütsch. Seit damals ist die Südseite der Schrattenfluh eine karge Steinwüste. Auch heute sieht man noch die Klauenspuren des Höllenfürsten und auch heute noch sind Hannes und Rösi in der Höhle gefangen. Nur einmal im Jahr – in der Karwoche, wenn in Marbach die Glocken zum Gloria läuten – können sie am Eingang der Gruft beobachtet werden. DER WETTERGEIST Einem reichen Bauern in Kottwil starben über Nacht alle Tiere im Stall. „Oh, nein, was soll ich bloss machen? All die schönen Kühe sind tot!, dachte er verzweifelt. Doch half ihm kein Wehklagen und Jammern und so schaffte er sich einen neuen Viehbestand an, doch auch die frischen Tiere gingen ein. Wieder war der Bauer sehr betrübt, wurde gar wütend. Trotzig kaufte er sich zum dritten Mal Vieh, welches jedoch am nächsten Morgen ebenfalls tot im Stall lag. Der Bauer stand vor einem Rätsel. Als er an den toten Kühen Spuren schwarzer Handabdrücke entdeckte, holte er einen Kapuziner namens Johannes. „Bruder Johannes, du musst mir unbedingt helfen! Ich weiss nicht mehr ein noch aus!, begann der entnervte Kottwiler. Beruhigend wollte der Mönch wissen: „Was ist denn los, mein Sohn? So erklärte der Bauer dem Gottesmanne die ganze mysteriöse Angelegenheit, dass seine Tiere schon zum dritten Male eingegangen wären und er sich keinen Rat mehr wisse und drum an ihn gelangt sei. Ob nicht der Kapuziner ihm helfen könne. Dieser versprach auf dem Hof vorbeizukommen und sein Bestes zu geben. Der Kapuziner begann im Stall mit seinen Beschwörungen und Gebeten und es gelang ihm, mit der unbekannten Kraft, die hinter dem Viehsterben stand, in Kontakt zu kommen. Der Geist liess sich dazu bewegen, zu berichten, wie er in einem Unwetter von Freiburg hergekommen und durch das offene Fenster in den Stall gelangt war. „Oh Geist, bitte erzähle mir, warum du hier in diesem Stall wohnst? Bitte, bitte, sage mir, was dahinter steckt! Ich verspreche dir auch, dir dabei zu helfen, wieder nach Freiburg zu gelangen., versprach der gottesfürchtige Kapuziner mit lauter und bebender Stimme. „Während eines heftigen Gewitters hat mich ein starker Windsturm gegen meinen Willen übers Land getragen. Wie war ich froh, ein offenes Fenster zu entdecken. ‚Nichts wir rein! ,dachte ich, ‚da drin ist es bestimmt schön warm. Aber ehrlich gesagt, ich habe Heimweh. flüsterte die Stimme von überall her. Der Kapuziner frage ihn nun, wie er wieder vertrieben werden könnte und der Geist antwortete: „Das kann ich nur wieder in einem Gewitter! Beim nächsten Gewitter, das sich gegen Westen verzog, trieb der Kapuziner den Geist aus dem Stall und bannte ihn in das Gewitter, das ihn schliesslich nach Freiburg zurückbrachte. Jetzt war wieder Ruhe im Stall des Kottwiler Bauern. DER UNTERGANG DER KASTELENALP Im Eigental lebte einst eine Mutter mit ihrer erwachsenen Tochter Magdalena. Die beiden bewirtschafteten ein kleines Gütlein. Als die Mutter schwer erkrankte, gerieten sie in grosse Not. Die Mutter hatte einen reichen Vetter namens Klaus, dem die Kastelenalp gehörte. Unverzüglich eilte die Tochter über die Oberlauelen zu ihrem Verwandten, doch der reiche Senn hatte kein Gehör und verspottete sie nur. Beim Abstieg traf sie einen jungen Burschen, der auf der Bründleralp arbeitete. Als er vom harten Schicksal der Frau erfuhr, gab er ihr ein Stück Käse, das einzige, das er gerade bei sich trug. Kurz darauf ging ein gewaltiges Unwetter über dem Eigental nieder. Nachdem das Gewitter vorüber war, setzte sie den Heimweg hastig fort. In der Eile glitt sie auf dem nassen Gras aus, und der Käse sauste auf Nimmerwiedersehen den Abhang hinunter. Nun brach für Magdalena die Welt völlig zusammen. Heulend blieb sie im Gras sitzen und vergrub den Kopf in ihre Arme. Da zupfte sie plötzlich ein Erdmännchen an den Haaren und sprach zu ihr: „Ich weiss von deinem Unglück. Hier hast du einen Strauss Kräuter. Wenn du damit einen Tee braust und ihn deiner Mutter zum Trinken gibst, wird sie sofort wieder gesund. Und hier hast du ein Stück Käse. Damit werdet ihr euch gut ernähren können. Der hartherzige Klaus von der Kastelenalp wird euch in Zukunft nie mehr verspotten. Er hat nämlich bereits seine verdiente Strafe erhalten! Kaum hatte das Erdmännchen dies gesagt, war es auch schon verschwunden. Magdalena fasste neuen Mut, trug Kräuter und Käse sorgfältig nach Hause und kochte, wie sie das Erdmännchen geheissen hatte, einen Kräutertee. Kaum hatte die schwerkranke Mutter davon gekostet, ward sie sogleich gesund. Nun wollten beide ihren Hunger stillen und nahmen den Käse hervor. Zu ihrem grossen Erstaunen stellten sie fest, dass der Käse sich in pures Gold verwandelt hatte. Dank diesem unverhofften Reichtum waren sie endgültig alle Sorgen los. Sie erwarben die Bründleralp und Magdalena heiratete den jungen Senn, der ihr einen Käse zugesteckt hatte. Dem hartherzigen Klaus aber war es, wie das Erdmännchen vorausgesagt hatte, sehr übel ergangen. Während des gewaltigen Unwetters hatten sich Felsen über der Kastelenalp gelöst und waren lawinenartig auf die Alp nieder gepoltert. Die einst so fruchtbaren Weiden waren von meterhohem Geröll zugedeckt. Dem stolzen Besitzer der Kastelenalp war es zwar gelungen, noch rechtzeitig aus seiner Alphütte zu fliehen, er wurde aber von einem niederstürzenden Felsblock so wuchtig getroffen, dass seine Beine zermalmt wurden. Zeitlebens konnte er sich nur mühselig an Krücken fortbewegen und war auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. DAS GESPENST IN DER FURRENGASSE In den Sommernächten des Jahres 1607 wurde in Luzern ein sonderbares Gespenst gesehen. Im Schein der Laternen erschien es als menschliche Gestalt und glich einem hageren, hochgewachsenen Mann mit schwarzem Haar und auffallend langer Nase. Dann veränderte es sein Aussehen und wuchs in die Höhe, bis es das Mass eines Landsknechtsspiesses, also fünf Meter, überragte. Als man vernahm, das Gespenst gehe um, achtete man auf seinen Weg und verfolgte es sorgfältig. Man fand heraus, dass es unerwartet unter der Egg auftauchte, die Eggtreppe emporstieg, den Kornmarkt durchquerte und dann in die Furrengasse schritt. Es zog einen grausigen Schwanz hinter sich her, der so lang war wie der Kornmarktplatz. Es wandelte durch die Furrengasse zum Kapellplatz, wendete sich und ging die Kapellgasse hinauf. Beim kleinen Gässchen zwischen der Kapellgasse und der Eisengasse verschwand es so plötzlich, wie es aufgetaucht war. Im nächsten Jahr sah man das Gespenst von neuem. Aber nun war es, als höre man eine frohe Gesellschaft mit allerlei Saitenspiel, mit Harfen, Lauten, Geigen, Zithern, Violinen und Triangeln vorüberziehen. DER STIEFELREITER In stürmischen Lenznächten reitet der gespenstige Stiefelreiter auf schneeweissem Schimmel mit verkehrtem Kopf durch Berg und Tal. Einst, vor vielen Jahren, hatte das reiche Kloster Muri einen gar schlimmen Vogt zu seinem Hüter bestellt. Dem Abte schien es der tüchtigste Mann von der Welt zu sein, denn er mehrte den Wohlstand des Klosters von Jahr zu Jahr. Aber der gute Abt war mit Blindheit geschlagen, denn er wusste nicht, was für ein ganz anderes Gesicht der Vogt den Leuten ums Kloster zeigte. Da war er in allem der bösartigste Mensch, den man sich denken kann. So quälte er die Leute auf alle Art. Das Heu stahl er nachts den Bauern von ihren Matten, liess ihre Holzscheiter wegtragen, schüttelte mit seinen Knechten ihr Obst von den Bäumen und riss den Kranken selbst das Bettlaken unterm Leibe weg. Er trug gewaltige Stulpstiefel, die ihm bis weit über die Knie reichten. Wenn nun die Leute den bösen Klostervogt daher reiten sahen, versteckten sie sich ängstlich hinter den Häusern und Scheunen; die Kinder aber schrien entsetzt: Der Stiefelreiter kommt, der Stiefelreiter kommt! und liefen davon. Nahe bei Schongau im Luzernerland wohnte eine fromme Frau. Die hatte auf ihr Ableben hin dem Kloster Muri ihr Gut vermacht. Das gefiel dem Stiefelreiter. Er ritt zu der alten Frau, um ihr Besitztum zu besehen. Aber dann sagte er zu ihr, sie müsse auch noch das kleine Gut, das den Besitz des grossen unterbreche, durch einen Zusatz im Testament dem Kloster vermachen. Da wurde die Frau böse und schickte den Stiefelreiter zum Hause hinaus, denn jenes kleine Gütchen gehörte ihrer Nichte, die in einer ärmlichen Strohhütte darauf wohnte. Gerade ihretwegen hatte die fromme Frau ihr grosses Gut dem Kloster vermacht, damit die arme Nichte das angesehene Kloster Muri zum alleinigen Schutznachbarn habe. Doch der Stiefelreiter gab das Gütchen der Armen nicht auf. Er stahl das Testament der frommen Frau, und mit verstellter Schrift setzte er in jene Schenkungsurkunde noch die Worte hinein: samt dem Hüttlein und dem Gute, das bis dahin meines Bruders Tochter innegehabt. Als nun die fromme Frau gestorben war, ritt der Stiefelreiter zum Gericht und zeigte das Testament der Frau vor. Voll Schrecken lief auch die arme Nichte hin und wehrte sich gegen das lügnerische Testament. Aber der Stiefelreiter anerbot sich, auf die Schenkungsurkunde den Eid abzulegen. Sie gingen beide mit dem Richter auf das strittige Grundstück und nun schwor der Stiefelreiter, so wahr sein Schöpfer und Richter über ihm sei, so wahr stehe er auf Klosters Grund und Boden. Kaum hatte er den Schwur getan, stieß er einen schrecklichen Schrei aus und fiel tot zusammen. Als man ihm schnell die Kleider auftat, sah man mit Entsetzen, dass er einen falschen Schwur getan hatte. In seinen dickroten Haaren fand man nämlich Schöpfer und Richter (Löffel und Kamm) verborgen und seine grossen Stulpstiefel waren in den Füßen mit Erde aus dem Klostergarten angefüllt. So hatte ihn Gott auf der Stelle gerichtet. Heute noch, wenn die Kinder in jenen Gegenden unartig sind und nicht gehorchen wollen, rufen die Erwachsenen in die Dunkelheit hinaus: Stiefelreiter, komm und hol mein böses Kind!, worauf sich die Kleinen rasch ins Ofenloch verkriechen. DER KÜHNE MELKER Im grünen Entlebuch wohnte einmal ein junger Melker. Der hörte, dass es auf einer Alp hinter Escholzmatt gar unheimlich zugehe, also dass dort kein Hirt mehr mit seinem Vieh die Alp besteigen wollte. So oft es einer gewagt hatte, musste er und sein Vieh es mit dem Leben bezahlen. So mied denn alle Welt die gespenstige, todbringende Alp. Nur der junge Melker fürchtete sich nicht. Er erklärte offen, dass er auf die verrufene Alp hinauf wolle. So stieg er eines Tages mutterseelenallein auf die Escholzmatter Alp. Als er an der Sennhütte angelangt war, rief er mit lauter Stimme, die gar wunderlich im Felsgewände widerhallte, ob denn niemand da sei. Alles blieb mäuschenstill und so klopfte er an die Türe. Da ging sie von selber auf und er trat ohne weiteres in die Hütte. Im Herd flackerte ein Feuerlein und der Käskessel hing darüber. Doch er hörte weder das Holz knistern noch sonst einen Laut. Da erblickte er eine Seitentüre. Er machte sie auf und befand sich nun in einer sauber hergerichteten Alpstube. Der Tisch war mit Speisen bedeckt und an der Wand stand ein reinliches Bett, aber vergeblich rief er nach den Leuten, für die der Tisch gedeckt war. Nun wurde es ihm aber doch zu dumm. Ich will euch schon zu sehen bekommen, sagte er bei sich und schlüpfte geschwind unter die Bettdecke. Wie er eine lange Weile so dalag, hörte er auf einmal schwere Schritte gegen die Hütte kommen und dann ging die Hüttentüre auf. Er guckte durch einen Spalt unter der Decke hervor und sah eine fürchterliche Gestalt eintreten. Sie hatte einen ungeheuerlichen Kopf und eine grausige Fratze. Das Ungetüm rief mit furchtbarer Stimme: Das Totengericht ist fertig, es fehlt nur noch der Teller für jenen, der dort im Bette liegt! Jetzt erschrak der junge Melker. Doch mit ganz anderer, schier sanfter Stimme redete das Ungetüm weiter. Fürchte dich nicht, sagte es, ich will dir das Leben lassen. Ja, ich will dir unsäglich dankbar sein, wenn du mich erlöst. Jedoch der Melker hatte sich rasch erholt, guckte aus der Decke und versprach alles zu wagen, um seine Erlösung zu vollbringen. Das Gespenst führte ihn an den Tisch und befahl: Iss! Tu du selber, sagte der Melker, ich habe nichts eingebrockt und brocke nichts aus. Jetzt holte der Geist Schaufel, Licht und einen Eimer herbei, legte alles dem Burschen zu Füssen und schnauzte ihn an: Hebs auf und trag alles in den Keller! Ich hab nicht heraufgetragen, so trag ich auch nicht hinunter, antwortete der Melker. Da ergriff der Geist die Sachen selber und winkte dem andern, ihm nachzukommen. Im Keller zeigte der Geist in einen Winkel und rief mit dröhnender Stimme: Da, grab heraus! Nein, machte der Bursche, ich hab nicht verlochet, ich grab da nicht heraus. Jetzt grub das Gespenst selber, bis ein Kessel zum Vorschein kam. Heb ihn heraus! brüllte das Ungetüm. Tu selber, sagte der Melker, ich hab ihn nicht hineingetan, ich heb ihn nicht heraus. Nun hob der Geist den schweren Kessel selber heraus. Dann teilte er das darin befindliche Geld in zwei Haufen und sprach: Nun wähle dir einen Haufen! Triffst du den rechten, so ist dein zeitliches Glück und mir das ewige gesichert, sonst aber musst du sterben. Flink umarmte der Melker beide Haufen und rief: Einer wird wohl der rechte sein! Da gab es einen Donnerschlag, das Ungetüm verwandelte sich in einen schönen Mann, der ihm dankbar zulächelte und dann ward er zur weissen Taube, die durchs Hüttenloch entschwand. Der kühne Melker aber hatte einen grossen Schatz gewonnen und die Alp von dem Ungetüm befreit.