Arbeitsblatt: Agression
Material-Details
Eine kurze Einführung in das Thema Agression (Sonderpädagogik). Ist als Hintergrundwissen für Lehrpersonen gedacht.
Administration / Methodik
Hilfen
klassenübergreifend
6 Seiten
Statistik
15760
2344
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15.02.2008
Autor/in
Samuel Bally
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Dossier Aggression 15.5.2006 Aggression Definition Aggression (lat. aggredi herangehen, angreifen) Verhalten: feindselige Haltung von Tier und MenschInstinkt. Völkerrecht: gewaltsames Vorgehen eines Staates gegen einen Anderen unter Verletzung der Gebietshoheit. Theoretische Erklärungsmodelle 1. das physiologische Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als Ergebnis physiologischer Fehlfunktionen im Nerven- und Hormonsystem. (Delgado, von Holst) 2. Das Trieb Instinkt Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als das Ergebnis virulenter Aktivitäten in Abhängigkeit von latenten, fundamentalen Trieben und/oder angeborenen Instinkten des Menschen. (Freud, Laurenz) 3. Das Frustrations Aggression Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als Ergebnis von Frustrationen und als Reaktion auf unbefriedigte Bedürfnislagen. (Dollard, Doob, Miller, Mowrer& Sears) 4. Das Charakter Defizit Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als Ergebnis fehlenden oder pervertierten ethischen Bewusstseins; gewissermassen als Ergebnis nicht vorhandener oder nicht ausdifferenzierter Wertorientierung. (Erich Fromm) 5. Das Bedrohungs Aggression Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als Reaktion auf Verhaltensweisen anderer in Situationen, die subjektiv als bedrohlich wahrgenommen werden. Probleme, Spannungen und Konflikte werden entsprechend dieser Wahrnehmung gewalttätig gelöst. Gewalt definiert sich als Abwehr tatsächlich oder vermeintlich drohender Angriffe. (Hovland und Sears) 6. Das Aggressions Attribution Erklärungsmodell 1 Dossier Aggression 15.5.2006 Gewalt wird erklärt als das Zusammenwirken ganz bestimmter psychischer Prozesse und ganz bestimmter sozialer Situationen. Die psychischen Prozesse werden dabei durch feindselige Zuschreibungen bestimmt, d.h. dem Gegenüber werde von vornherein aggressive Absichten unterstellt und zugeschrieben; bei den sozialen Situationen sind besonders die spezifisch gewaltlösend, die sich durch Uneindeutigkeit auszeichnen. Das bedeutet etwa, dass Menschen, die als aggressiv gelten, in einem Zirkel von feindseligen Zuschreibungen (Attributionen), gewalttätigem Verhalten und sozialer Etikettierung verfangen sind, der besonders dann wirksam wird, wenn soziale Situationen ungeklärt und mehrdeutig sind. (Dodge) 7. Das Segregations Aggression Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als Ergebnis sozialer Ausgrenzung und damit verbundener reduzierter Kommunikation und sozialer Interaktion, wobei durch die Verständnisbarrieren ein eskalierender, sich selbst stabilisierender Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt entsteht. (Newcomb und Sherif) 8. Soziale Desintegration als Erklärungsmodell Gewalt wird erklärt als das Zusammenwirken von Sozialisationsfaktoren, die allesamt eine soziale Entwurzelung und damit eine Orientierungslosigkeit für den einzelnen zur Folge haben. 9. Das Modell Lernen als Erklärungsansatz Gewalt wird erklärt als Ergebnis eines erlernten Verhaltensmodells, das sich entweder als erfolgreich bewährt hat oder zu dem (noch) keine als tragfähig sich erwiesene Alternative aufgebaut werden konnte. (Selg, Bandura) 10. Urteilskompetenz Defizit als Erklärungsmodell Gewalt – im Sinne von der hier zur Diskussion stehenden Alltagsgewalt von Kinder und Jugendlichen – wird erklärt als ein Verhalten, das stärker und spontane, emotionale und affektive Faktoren gesteuert wird als durch eine moral-kognitive Reflexion, die das eigene Handeln begründet und im Sinne einer entwickelten Urteilskompetenz an überindividuellen Werten und/oder Prinzipien sich orientiert. Ursachen von Aggression Nach Boppel lassen sich grundsätzlich zwei Ursachen aggressiven Verhaltens unterscheiden: 2 Dossier Aggression 15.5.2006 Die Selbsterhaltungsaggression betrifft angeborene Verhaltensweisen, wie sie sich durch Selektion und Mutation in der Evolution herausgebildet haben. Sie dienen der Selbst- und Revierverteidigung, der Fortpflanzung, der Nahrungsaufnahme, der LustFreude-Beschaffung, der Ermittlung der Rangposition und der eigenen Grenzen sowie dem Erreichen und Erhalten von Sicherheit, Selbstwertgefühl und des Selbststolzes. Diese Form der Aggression dient im evolutiven Prozess dazu, die Lebensrecourssen zu erhalten und zu erweitern. Die destruktive Aggression dagegen betrifft schädigendes Verhalten mit dem Zweck, durch Leidzufügung materiellen Gewinn, soziale Anerkennung und Macht, innere Befriedigung oder Stimulation zu erzielen. Dabei wird langfristig ein evolutiver Sinn nicht erkennbar, im Gegenteil: Erhaltenswerte und lebenswichtige Recourssen werden vernichtet, soziale Probleme werden nicht nur nicht gelöst, vielmehr werden Gewalt-Gegengewalt-Zirkelprozesse ausgelöst. Solchen destruktiven Prozessen stehen normalerweise Tötungshemmungen, Empathie, Moral und Gewissensbildung entgegen, die allerdings unter definierten Bedingungen ausser Kraft gesetzt werden können. Mögliche Ursachen von Aggressivität und Gewalt in der Schule Die Kinder und Jugendlichen ging es noch nie so gut wie Heute. Im sogenannten Westen sind sie in hohem Masse selbständig, geniessen eine freizügige Erziehung ohne autoritäre Allüren der Eltern und können sich in ihrer Lebensgestaltung nach eigenen Wünschen und Interessen entfalten. Gesundheitlich und finanziell stehen sie so gut da wie keine Generation vor ihnen. Jedoch stellt man sich bei weiterem überlegen immer mehr Fragezeichen. In den sozialen Bereichen fällt uns auf wie unsicher die Beziehungen und sozialen Kontakte von Kindern und Jugendlichen geworden sind. Sie können fast in gleichem Ausmass wie Erwachsene die Vorteile einer reichen Wohlfahrtsgesellschaft geniessen und damit verbunden tragen sie auch die psychosozialen Probleme der modernen Lebensweise. Sie leiden unter sozialen Unsicherheiten und psychischen Irritationen. Man geht davon aus, dass zirka 10% der Schulkinder unter psychischen Störungen in den Bereichen Leistung, Emotionen und Sozialkontakt leiden. Dazu gehören auch aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen. Für die Schule bedeutet das körperliche und psychische Belästigungen gegenüber Schülern und Lehrern. Waren früher ruppige aggressive und gewalttätige Schüler meistens Jungen, kann man heute nicht mehr eine geschlechtspezifische Aussage machen. Aggressivität, Dissozialität und Gewalt in der Schule umfassen das Spektrum von vorsätzlichen Angriffen und Übergriffen auf die körperliche, psychische und soziale Unversehrtheit, also Tätigkeiten und Handlungen, die psychische und physische Schmerzen oder Verletzungen bei Schülern und Lehrern innerhalb und ausserhalb des Unterrichtes zur Folge haben können. Dazu gehören auch Beschädigungen und Vandalismen im schulischen Raum. Dadurch darf der Schule aber nicht automatisch unterstellt werden, dass die Anlässe und Ursachen auch da zu finden sind. Die Schule spiegelt gesellschaftliche Strukturen wider, die sie als Institution selbst nicht beeinflussen kann. Die Ausgangsbedingungen für die Entstehung von 3 Dossier Aggression 15.5.2006 Aggressivität werden in den ausserschulischen Lebenskontexten gelegt und können von der Schule nur schwer verändert und beeinflusst werden. Aggressive Kinder werden nicht geboren, sie werden im Laufe ihrer Sozialisation zu solchen gemacht. Mögliche ausserschulische Ursachenherde: Familiäre Situation: Viele Familien sind heute in eine Existenzkrise geraten, in der sie psychisch und nervlich gestörte, sozial irritierte, verwahrloste, vernachlässigte und auch misshandelte Kinder produzieren. Der leistungsbezogene Aussendruck: Kinder stehen unter einen enormen Druck schulische und später Berufliche Leistungen nur mit bravourösem Erfolg zu meistern. Sie müssen den hohen Erwartungen und Ansprüchen der Eltern, Politikern und Arbeitgebern genügen. Daraus folgt der leistungsbezogene Innendruck: Kinder und Jugendliche überschätzen ihre Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten und fühlen sich dann durch eine niedrigere Leistungsposition in ihrer Perspektive drastisch beschnitten. Besonders empfindlich werden die Kinder ausländischer Familien getroffen: ihre schlechte wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgangssituation trägt in die Schule Bedingungen hinein, die dann zur Ursache eines Aggressionspotenzials werden können. Sie fühlen sich als strukturelle Verlierer der Wettbewerbsgesellschaft und reagieren darauf mit Aggression und Gewalt auf ihre Deprivation und Demoralisierung. (vgl. Hurrelmann, Prixius Schirp, Gegen Gewalt in der Schule, Weinheim und Basel, 1996) Erscheinungsformen Aggression und Gewalt in Schulen kann in ganz verschiedenen Erscheinungen und Konstellationen auftreten. Die wahrscheinlich häufigste und bekannteste Form ist die Gewalt von Schülern gegen Schüler, was einerseits konstant (Mobbing,.) sein kann, aber auch unregelmässig (Frustabbau, Wutausbrüche,.). Dies geschieht auf zweierlei Ebenen: Physische Gewalt wird in Schlagen, Rempeln, Stossen, und anderem ausgeübt, währenddem auf psychischer Ebene erpresst, beschimpft, ausgeschlossen, ausgelacht, verleumdet oder ähnliches wird. Man beobachtet in letzter Zeit auch vermehrt Aggressionen, die von Schülern an fremden Gegenständen ausgelebt wird (Vandalismus gegen Schuleigentum oder gegen Eigentum anderer Schüler. Auch oft, aber meistens eher auf der Oberstufe anzutreffen ist Gewalt von Schülern gegen Lehrer. Auch hier wird vor allem auf der psychischen Ebene agiert oftmals in der Suche und der Ausdehnung der vorgegebenen Grenzen, verbaler Provokation, bewusstem Stören des Unterrichtes, durch Lügen oder auch durch demonstratives Ablehnen von Aufgaben. Eher seltener zu beobachten sind physische Angriffe (wie Schlagen, Treten, Bewerfen mit Gegenständen.) der Lehrperson gegenüber (am Verbreitetsten noch in Oberstufen in Grossstädten). Oftmals vergessen, jedoch nicht zu unterschätzen, ist die Gewalt der Lehrkräfte den Schülern gegenüber. Was früher noch an körperlichen Strafen vorhanden war, ist zwar heute verboten, leider jedoch nicht ganz auszuschliessen. Heutzutage wird der 4 Dossier Aggression 15.5.2006 Druck in psychischer Weise auf die Kinder ausgeübt durch Beleidigen, Blossstellen, Beschimpfen oder nicht zuletzt durch das Verteilen von schlechten Leistungsnoten. Erkennen von Opfern und Tätern Opfer und Täter von Aggressionsdelikten zeigen oftmals ähnliche und somit typische Verhaltensmuster. Man sollte zwar stets vorsichtig sein mit zu schnellen Schlussfolgerungen, da Kinder sehr individuell reagieren, bei den meisten der Fälle lassen sich jedoch folgende Auffälligkeiten beobachten: Opfer verhalten sich oft sehr introvertiert ihren Mitschülern gegenüber, sie meiden deren Anwesenheit in Pausen und suchen in Pausen oftmals die Nähe von Lehrern, Erziehern oder allgemein Erwachsenen. Sie machen einen eher unsicheren Eindruck in Situationen, in denen sie etwas von sich preisgeben müssen (wie beispielsweise wenn sie vor der Klasse sprechen sollten) und neigen auch zu Leistungsverschlechterungen. Auch an ihrem Status in der Klasse kann man Opfer erkennen: zwar sind sie nicht zwingend Einzelgänger oder Aussenseiter, oftmals aber werden sie trotzdem von mehreren Schülern, von welchen viele neben dem Aggressor als Mitläufer fungieren, beschimpft, lächerlich gemacht oder gedemütigt. Den Betroffenen werden auch oftmals Sachen entwendet und verstreut, teilweise sogar beschädigt. Täter hingegen sind meist nicht besonders hilfsbereit, nicht kommunikationsfähig, nicht besonders solidarisch und haben kein Mitgefühl für ihre Opfer, welchen sie meistens körperlich oder im Alter überlegen sind. Sie sind in der Regel eher impulsiv und hitzköpfig, und haben Mühe, sich an feste Regeln zu halten. Sie sind zwar meistens sehr misstrauisch, treten aber sehr selbstsicher auf. Ausserdem besitzen sie oftmals die Gabe, sich aus schwierigen Situationen gut herauszureden. Prävention Man kann gezielt gegen Gewalt und Aggression vorgehen, um deren Entwicklung zu hemmen oder gar vorzubeugen. Am besten funktioniert dies mit Kommunikation und Aufklärung, am besten direkt mit den Kindern in der Schule. Es hilft bereits sehr viel, wenn man gemeinsam mit den Kindern gewisse Regeln festlegt und diese diskutiert. Auch über die Konsequenzen des Nichteinhaltens dieser Regeln sollte wenn möglich schon geredet werden. Man sollte als Lehrperson auch eine stete Präsenz markieren, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten. So sollte man beispielsweise stets eine Pausenaufsicht oder sonstige Überwachungsfunktionen festlegen. Mit zunehmend älteren Schülern der Oberstufe lassen sich auch etliche Situationen in Form von theatralischen Spielen üben. Somit erlangen die Schüler eine objektivere Sicht auf Streitsituationen und erhalten anderweitige Möglichkeiten zum Frustabbau oder entwickeln eigene, gewaltfreie und niederlagenlose Konfliktlösungsmöglichkeiten. Ebenfalls wichtig ist natürlich auch die Elternarbeit, man sollte die Eltern über allfällige Übungen aufklären und sie auf die Thematik sensibilisieren. Reagieren auf Gewalt 5 Dossier Aggression 15.5.2006 Wenn man feststellt, dass im eigenen Umfeld Gewaltakte vorkommen, sollte man natürlich nicht tatenlos dabei zusehen. Wichtig ist hier längerfristig die Konsultierung der Aussenwelt bei erstmaligem Auftreten sollte das Gespräch mit Eltern, Kollegium und auch anderen Schülern gesucht werden bei Wiederholungen sollte man sich mit dem schulpsychologischen Dienst in Verbindung setzen. Um direkt auf die Situation reagieren zu können, sollte man als erstes die Lage beruhigen, Informationen sammeln und dann erst auf deren Grundlage eine Entscheidung treffen. Man sollte hier auf den Ausgleich zwischen Täter und Opfer achten. Falls Konflikte nicht kurzfristig gelöst werden können, bietet sich als gute Streitschlichtmöglichkeit die Mediation an, bei der sich eine aussen stehende Person die beiden Seiten des Streites anhört, die Streitsituation möglichst objektiv zusammenfasst und dann zusammen mit den Betroffenen eine für alle Seiten zufrieden stellende Lösung sucht. Wichtig ist auch, dass man innerhalb einer Klasse jegliche Gewalt thematisch aufgreift und mit den Schülern behandelt so wird sie veröffentlicht und bleibt nicht unthematisiert. (Zusammenfassung aus: Hurrelmann, Klaus: Gegen Gewalt in der Schule; Korte, Jochen: Faustrecht auf dem Schulhof; www.verantwortung.muc.kobis.de/Gewalt/theorie.pdf) 6