Arbeitsblatt: Die Zeit, ein wunderlich Ding

Material-Details

Ein vereinfachter Artikel aus der Weltwoche zum Thema Zeit, Zeitgefühl. Mit Fragen zum Verständnis und Schreibanlass über eigene Erfahrungen mit Zeitgefühl
Deutsch
Textverständnis
9. Schuljahr
4 Seiten

Statistik

1756
1828
132
29.08.2006

Autor/in

Selma Haag
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Die Zeit welch wunderlich Ding! Die Zeit welch wunderlich Ding! Wir können sie, messen, jedoch niemals verändern. wir können sie spüren und haben doch kein Sinnesorgan dafür. Wir nennen sie die vierte Dimension, aber darin bewegen wie im Raum können wir uns nicht Was ist eigentlich Zeit? Die grössten Wissenschaftler haben vor dieser Aufgabe kapituliert. Albert Einstein (1879 1955), nach einer Definition gefragt, beliebte zu scherzen: „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest. Ein seltsamer Stoff, diese Zeit, so furchtbar abstrakt und doch so lebendig. Es ist, als ob es zwei grundverschiedene Zeiten gäbe: die objektive Zeit der Physik, universell und absolut und die gefühlte Zeit des Menschen: subjektiv und unzuverlässig. Rätselhaft sind sie beide. Warum etwa hat die physikalische Zeit eine Richtung, warum fliesst sie nie rückwärts? Und weshalb scheint die gefühlte Zeit so ungleichmässig zu ticken? Wie kommt es, dass wir in manchen Momenten, und gerade in den schönsten, die Zeit vergessen, während sie in unangenehmen Situationen so langsam dahinschmelzt? Aus den Rhythmus Am 16. Juli 1962 stieg der damals 23-jährige französische Geologe Michel Siffre mutterseelenallein in eine vergletscherte Höhle in den Südalpen ab, um dort unten während zweier Monate das zu tun, was uns auf der Erdoberfläche so schwer fällt: nichts. Wenn er nicht gerade in seinem Zelt schlief oder von seinem Proviant ass, sass er auf seinem Klappstuhl und starrte in die Dunkelheit. Siffre hatte keine Uhr dabei, und innert kürzester Zeit hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Seine einzige Verbindung zur Aussenwelt war ein Feldtelefon, über das er seinen Kollegen seine Schätzungen über die verflossene Zeit durchgab. Meist lag er völlig daneben: „Wenn ich zum Beispiel nach oben telefoniere, notierte er in sein Tagebuch, „und glaube, dass nur eine Stunde zwischen dem Aufstehen und dem Frühstück vergangen ist, kann es genauso gut sein, dass vier oder fünf Stunden vergangen sind. In Wahrheit folgte Siffre einem strengen Zeitplan: Sein Leben in der Dunkelheit war einem 24-Stunden-Rhythmus unterworfen, von denen er 16 Stunden wach und 8 Stunden schlafend verbrachte. Dies stellten Siffres Kollegen fest, die anhand seiner Anrufe Buch führten. Er selber, ohne Uhr, hatte diesen Rhythmus nicht im Geringsten bemerkt sein Zeitempfinden war völlig verschoben. Mit seinem Versuch war Siffre zwei Entdeckungen auf einen Schlag gelungen. Erstens: Irgendwo in uns tickt eine Körperuhr mit einem Rhythmus von etwas über 24 Stunden. Zweitens: Unser bewusstes Zeitempfinden, unsere mentale Uhr, hat auf diese Körperuhr keinen Zugriff. Die Zeit, die wir bewusst erleben, orientiert sich an äusseren Geschehnissen, und wenn diese ausbleiben, gerät sie völlig aus dem Takt. 1 Die Körperuhr Diese Körperzeit, oder Körperuhr ist keine Erfindung des Menschen. Mimosen rollen ihre Blätter morgens aus und abends wieder ein, selbst wenn man sie ins Dunkle stellt. Erdhörnchen halten auch dann Winterschlaf, wenn man sie in ein Labor mit konstanten Temperaturen und konstanten Hell-dunkel-Wechseln sperrt. Sogar ein Schimmelpilz an Bord des Spaceshuttles folgte bei einem Versuch einem 24-Stunden-Rhythmus weit weg von jeglicher Erdrotation. Offenbar handelt es sich bei den Körperuhren also um wirkliche Uhren, die unabhängig von äusseren Umständen funktionieren. Beim Menschen sitzt dieser Taktgeber in einer kleinen Hirnregion direkt hinter der Nasenwurzel. Dieser Nervenknoten gibt regelmässig elektrische Signale von sich und regelt damit den Hormonhaushalt, die Körpertemperatur, den Schlaf-wach-Rhythmus und vieles mehr. Er tut dies sehr präzise, allerdings mit einer von Mensch zu Mensch etwas unterschiedlichem Rhythmus. Damit der Tagesrhythmus und die Körperuhr nicht auseinanderlaufen, muss diese täglich anhand des Morgenlichtes neu eingestellt werden. Dieser Prozess erklärt den Unterschied zwischen „Morgenvögeln und „Nachteulen: Wer eine Körperuhr mit einem relativ kurzen Rhythmus von 24 Stunden und fünf Minuten hat, ist eher ein Frühaufsteher. Bei einem Körperrhythmus von 25 Stunden dauert der allmorgendliche Einstellprozess länger, weil man seine Uhr jeweils um eine ganze Stunde vorstellen muss. Solche Menschen sind meistens Morgenmuffel. Daran lässt sich nichts ändern: Der Rhythmus ist angeboren, und die Körperuhr richtet sich nach dem Sonnenlicht. Da nützen alle gutgemeinten Appelle à la „Geh doch früher ins Bett! nichts. Weitere Phänomene lassen sich mit der Funktionsweise der Körperuhr erklären. Jetlag: Die Körperuhr braucht bis zu zwei Wochen, um sich einem neuen Takt anzupassen. Häufige Arbeitsunfälle bei Schichtarbeitern: Man kann zwar seine Schlafphase willentlich verschieben, aber nicht den Zeiger der Körperuhr verstellen. Ein Schichtarbeiter mag nachts wach sein hormonell schläft er trotzdem. Schlechte Schulleistungen: Unsere Schüler müssen morgens schlicht zu früh zur Schule. Die hormonellen Wirbel der Pubertät machen die meisten Jugendlichen zu Morgenmuffeln. Nun sind aber die Maturazeugnisse der Frühaufsteher im Schnitt um eine halbe Note besser, wie ein Deutscher Biologe mit einer Untersuchung bewies. Versuche in den USA haben gezeigt, dass die Schulleistungen automatisch besser werden, wenn man nur den Schulbeginn um eine Stunde verschiebt. Erst nach dem 20. Altersjahr, wenn sich die Hormone beruhigt haben, mutiert ein Teil der Nachteulen wieder zu Morgenvögeln. Die mentale Uhr: die gefühlte, empfundene Zeit Während die Körperuhr also unbeirrt und hochpräzise vor sich hin tickt, sind die Verhältnisse bei der mentalen Uhr völlig anders: Sie ist ungenau, manipulierbar und lässt sich leicht aus dem Takt bringen. Unser Zeitgefühl entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel aller Hirnregionen, die mit Bewegungssteuerung und Bewegungswahrnehmung zu tun haben. Der Sinn für Bewegung und das Gefühl für die Zeit hängen untrennbar zusammen. Bewegungen sind die Taktgeber der mentalen Zeit, der gefühlten Zeit. Wenn nichts geschieht, wenn wir nichts wahrnehmen, 2 verlieren wir jegliches Zeitgefühl so wie Michel Siffre in seiner Alpenhöhle. Weil wir kein Sinnesorgan für die Zeit haben, brauchen wir äussere Massstäbe, an denen wir sie ablesen können. Die Verknüpfung des Zeitsinns an die Wahrnehmung hat allerdings seine Tücken. Die mentale Zeit wird dadurch fast beliebig dehn- und stauchbar je nachdem, worauf wir gerade achten. Ein Amerikanischer Psychologe hat dazu ein interessantes Experiment gemacht. Er setzte Versuchspersonen vor Bildschirme und zeigte ihnen einen schwarzen Ball, der im Sekundentakt aufleuchtete. Alle neun Sekunden blähte sich der Ball auf und verfärbte sich. Obwohl auch dieses Ereignis nur eine Sekunde dauerte, haben es die Versuchspersonen im Durchschnitt als beinahe doppelt so lange eingeschätzt. Wie kann man sich diesen Effekt erklären? Jedes unerwartete Ereignis steigert die Erregung und erhöht die Aufmerksamkeit. Darum nehmen wir viel mehr Informationen auf, wenn sich der Ball plötzlich bewegt und verfärbt. Diese Anhäufung an Informationen erzeugt im Gehirn den falschen Eindruck, es sei eine längere Frist verstrichen. Schöne und unangenehme Erlebnisse Im Extremfall kann ein Adrenalinstoss dazu führen, dass die empfunden Zeit fast angehalten wird und man ein Zeitlupenerlebnis hat. „Die Sekunden waren für mich wie fünf Minuten, schrieb der Schweizer Geologe Albert Heim, der im Frühling 1871 über eine zwanzig Meter hohe Felswand am Säntis gestürzt war. Bewusst wahrgenommene Bewegung verlangsamt die gefühlte Zeit. Mit dieser Regel lässt sich auch erklären, warum die Zeit umso langsamer vergehen scheint, je mehr man auf sie achtet. Dummerweise nehmen wir oft ausgerechnet in unangenehmen Situationen besonders viele Bewegungen wahr weil wir dann erregt sind und auf jedes Detail achten. Etwa wenn wir es pressant haben: Wir stehen schon an der Zugtüre und haben Angst, den Anschluss zu verpassen. Gewiss hat die Einfahrt in den Bahnhof noch nie so lange gedauert wie gerade jetzt. Oder wenn Gefahr droht: Fast alle Zeugen empfinden Überfälle als doppelt so lange, als sie tatsächlich dauern. Oder wenn wir warten müssen: Der Arzt, der kurz auftaucht und mit einem Papier hinter einer Tür verschwindet; das Telefon der Praxisgehilfin, das dauern läutet: Das sind die Zutaten, die uns die Minuten dehnen. „Jede Stunde erschien mir wie ein Jahr, schrieb Nelson Mandela über seine Zeit im Gefängnis. Umgekehrt vergeht die Zeit wie im Fluge, wenn es einem gut geht auf einem ausgelassenen Fest, beim Erkunden einer unbekannten Stadt oder über einem guten Buch. Indem man sich auf eine Sache ganz einlässt und die Welt darum herum vergisst, kann man die Zeit buchstäblich vertreiben. In solchen Momenten dringen zeitrelevante Informationen überhaupt nicht mehr ins Bewusstsein: Wir vergessen die Zeit. Schöne Augenblicke sind grundsätzlich zu kurz, unangenehme Momente wollen nicht enden. So könnte man alles zusammenfassen. Albert Einstein war zum gleichen Schluss gekommen: „Wenn man mit einem lieben Mädchen zwei Stunden zusammensitzt, hat man das Gefühl, es sei eine Minute. Wenn man aber eine Minute auf einem heissen Ofen sitzt, hat man das Gefühl, es seien zwei Stunden. (nach einem Artikel aus der Weltwoche Nr. 34/2006 von Mathias Plüss) 3 Auftrag • Lies den Artikel sorgfältig durch und markiere mit einem Leuchtstift in jedem Abschnitt die Sätze, die dir am wichtigsten erscheinen. • Beantworte folgende Fragen schriftlich: 1. Versuche mit wenigen eigenen Sätzen zusammenzufassen und zu erklären, was bei dem Experiment von Michel Siffre herausgefunden wurde. 2. Was ist die Körperuhr? Fasse kurz zusammen! 3. In welchen Situationen bemerkt man, dass der Körper nach einer inneren Uhr läuft? 4. Gehörst du zu den Morgenvögeln oder den Nachteulen? Woran merkst du das? 5. Was müsste man an der Schule ändern, damit viele Schüler bessere Noten hätten? 6. Die mentale Uhr die gefühlte und empfundene Zeit hängt stark mit der Situation zusammen, in der man gerade ist. Kannst du das mit Beispielen erklären? 7. Beschreibe eine Situation in deinem Leben, in der die Zeit extrem langsam verstrich. 8. Beschreibe eine Situation in deinem Leben, in der die Zeit extrem schnell verstrich. 4