Arbeitsblatt: Mundart

Material-Details

Mundart
Deutsch
Gespräche
8. Schuljahr
10 Seiten

Statistik

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238
7
19.02.2019

Autor/in

Alice Mosimann
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

KULTUR Der Sonntag Nr. 20 22. Mai 2011 Seite 41 WISSEN LIFESTYLE De gross Dialäkt-Report Entscheid am Spitalbett Räppen, tschätten und die kreative Willkür Marie Leuenberger überrascht mit schwarzem 45 Humor. Im Final der Barkeeper Dialekt oder Hochdeutsch? Die Frage ist falsch, denn Sprachen machen eh, was sie wollen. Und das ist auch gut so. Denn ein Blick auf die Deutschschweizer Sprachlandschaft zeigt: Sie lebt! Peach Keller zaubert den besten Long 50 drink. Sapperlot! Besuch bei Paul Riniker ist Feuer im Dach. Eine Petition soll die Behörde umstimmen. Auch dieses Beispiel zeigt: Sobald die Obrigkeit in die Niederungen der Alltagssprache steigt, weckt sie Unmut – in Graubünden wie Zürich, in Basel und anderswo. VON MARCO GUETG Wenn Leserbriefe ein Seismograf sind für die Erschütterungen der Volksseele, dann haben wir in den vergangenen Wochen zwei erlebt. Eine hatte ihr Epizentrum in Zürich, die andere in Basel. Der Grund für die in den Zeitungsspalten manifestierte Empörung: Zwei Initiativen, durch die der Stellenwert des Dialektes im Kindergarten geregelt werden soll. BILDER:E.FREUDIGER,A.SPICHALE, PHOTOSELECTION Der Filmemacher lebt mit seiner Ex-Frau unter einem Dach. 51 DIE ABSTIMMUNG IST VORBEI, das Thema aber ist noch längt nicht vom Tisch. Denn etwas hat sich in diesem emotional geführten Diskurs erneut zeigt: Es gibt nur wenige gesellschaftliche Bereiche, die die Volksseele derart in Wallung bringen können. Hunde gehören dazu – und die Sprache, genauer: die gesprochene Sprache. Das spürte man hierzulande bereits vor fünf Jahren, als nach einer spielerischen Erhebung eine Rangliste der beliebtesten Schweizer Dialekte veröffentlicht wurde. Obenauf schwang das Berndeutsche, gefolgt vom Bündnerdeutschen, während die Ostschweizer Dialekte abgeschlagen mit den letzten Positionen bestraft wurden. Kaum publiziert, kam die Reaktion. Das sei ein «unverschämter, frecher Angriff auf Regionen und Dialekte unseres Landes», empörte sich in der NZZ am Sonntag ein Leserbriefschreiber. Er wohnte am Bodensee. Die Sprache steht unter Heimatschutz. Mit ihr darf weder gespielt noch darf an ihr herumgedoktert werden. Dieses Gefühl des Unantastbaren sitzt tief im Volk. Ein weiterer Beweis liefert Graubünden, wo seit 1982 die Standardsprache Rumantsch Grischun als Klammer für die fünf Idiome angeboten wird. Das funktionierte einigermassen – allerdings nur so lange, wie Rumantsch Grischun lediglich für offizielle Verlautbarungen oder die Beschriftung der Banknoten verwendet wurde. Seit Rumantsch Grischun aber als Schulfach dekretiert worden ist, Gefährdete Wörter Wir suchen gefährdete Mundart-Wörter. Mailen Sie uns Ihre Beispiele an: DIE ANGST UM DEN VERLUST der Dialekte ist alt. Erste Befürchtungen wurden bereits im 19. Jahrhundert laut mit dem Aufkommen der Eisenbahn. Das hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch die stark gesteigerte Mobilität noch verstärkt und zu einem herrlichen Synonym für den befürchteten dialektalen Mischmasch geführt: «Bahnhofbüffet Olten». In der globalisierten Welt ist die Sprachverwendungsgrenze durch die Landesgrenze aufgehoben. Und weil alles fliesst, haben sich in diesem Fluss der Verunsicherungen auch Nischen aufgetan und zu eigenständigen Territorien entwickelt. Die letzten 60 Jahre Schweizer Kulturgeschichte sind denn auch wesentlich eine Kulturgeschichte des Dialektes. Das nachhaltigste Zeichen eines sprachlich-kulturellen Neuanfangs setzte in den 1960er-Jahren Mani Matter (1936–1972) mit seinen Liedern in Berner Mundart. In Matters Schlepptau formierten sich die «Berner Troubadours». Der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti rief mit dem aufsehenerregenden Buch «Rosa loui, vierzg Gedicht ir Bärner Umgangssprach» 1967 die moderne Mundartbewegung ins Leben. Andere dichteten ihm nach. Ernst Burren (67) schliff seinen lyrischen Ausdruck im Solothurner Dialekt. Der begnadete Performer Pedro Lenz hat die Dialekt-Prosa veredelt und erhielt dafür geadelt: Sein «Dr Goalie bin ig» schaffte es 2010 auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis. Marti Co. traten noch in Berner Altstadtkellern auf. Nach und nach wurden die von Boutiquen verdrängt, und Dichter entwickelten sich zu Mundart-Rockern: Polo Hofer, Kuno Lauener, Büne Huber – bis hin zu Gölä. Doch als dieser Überflieger sich auf Englisch versuchte, stürzte er ab. Sina rockte aus dem Wallis daher, Baschi aus dem Baselbiet. Musicals versprechen «Ewigi Liebi», Rapper räppen auf Dialekt; Slam-Dichter slämmen, Chatter tschätten, und das alles in Mundart; in der Werbung oder in Briefen unter Jugendlichen, auf Plakaten und in SMS kommt der Dialekt als «zweite Schriftsprache» empor, geschrieben ohne verbindliche Orthografie, weil es die im Dialekt schlicht nicht gibt. Im Schweizer Dialekt herrscht eine kreative Willkür. Erlaubt ist, was verstanden wird. Daher sterben die Schweizer Dialekte nicht aus. Wörter verschwinden, weil Dinge verschwinden. Dialekte passen sich an und nähern sich hier und dort dem Bahnhofbüffet Olten. Wer Dialekt spricht, stolpert ab und an durch Falsches, lehnt sich gelegentlich an der hochdeutschen Syntax an, weil ihm zum Beispiel Nachrichtensprecher das so vorquasseln oder Vorabendserien sprachbildend sind. Das nervt. Doch das Futur wird deshalb umgangssprachlich noch lange nicht zum Prinzip. UND WEM DER ZUSTAND des Dialektes dennoch der Schlaf raubt? Der kann zumindest statistisch etwas Ruhe finden beim schweizerischen Idiotikon (www.dialektwoerter.ch). Dort nämlich werden seit 1881 Dialektwörter erfasst und erklärt. 150 000 Stichwörter sinds inzwischen. Nächstes Jahr erreichen die Linguisten auf ihrer Reise durchs Alphabet das Z. Bis sie allerdings bei der Zwetschgä angelangt sind, wird es noch einige Zeit dauern. Und dann? Dann fängt ein neues Kapitel der Schweizer Dialektgeschichte an. Eine Million Nachträge liegen bereits zur weiteren Bearbeitung bereit. Der Dialektfreund nimmt das zur Kenntnis und fragt: So what? SEITEN 42/43/44 MUNDART Der Sonntag Nr. 20 22. Mai 2011 Seite 42 «Wer mitreden und mitbestimmen will, muss den Schweizer Dialekt beherrschen» uns Personalpronomen, betont Kinder müssten auch die Mundart richtig lernen, sagt Dialektforscher Walter Haas VON DENISE BATTAGLIA Herr Haas, für Sie als Dialektforscher muss der vergangene Abstimmungssonntag ein Freudentag gewesen sein: In Zürich und Basel dürfen die Kindergärtler wieder Mundart reden. Walter Haas: Ein Freudentag wäre es ge- wesen, wenn keine Abstimmung nötig gewesen wäre. Wie meinen Sie das? Ich finde es absurd, dass wir per Gesetz festhalten müssen, wann und wie lange fünfjährige Kinder Dialekt sprechen dürfen. Warum kann man nicht ganz pragmatisch entscheiden, wann im Kindergarten Mundart und wann Hochdeutsch gesprochen wird? Also diesen Entscheid den Kindergärtnerinnen überlassen? Ja, dass man im Kindergarten in der Regel Mundart spricht, aber in gewissen Situationen den Wechsel auf Hochdeutsch veranlasst, zum Beispiel bei Rollenspielen, oder wenn die Kindergärtnerin ein Buch vorliest. Diese Tendenz, alles in Prozenten regeln und verwalten zu wollen, finde ich furchtbar. Die Pädagogen wollen möglichst früh mit der Sprachförderung beginnen. Aber Hochdeutsch, sagen die Pädagogen, ist auch für die Ausländerkinder einfacher und hilft ihnen, sich zu integrieren. Wird der Schweizer Dialekt denn derzeit nicht vor allem von der Politik missbraucht, um damit Ausländerpolitik zu betreiben? Ich behaupte das Gegenteil: Wenn wir mit den Ausländerkindern hauptsächlich Hochdeutsch reden, stigmatisieren wir sie ihr Leben lang. Sie können sich dann nämlich auch 40 Jahre später noch nicht gut in Mundart ausdrücken. Der Ausländer bleibt ein Ausländer. Diesen Eindruck habe ich nicht. Die Mundartinitiativen in Zürich und Basel waren Gegenreaktionen von Leuten, die befürchteten, die Verwaltung wolle den Dialekt beseitigen. Im Initiativkomitee gab es viele Kindergärtnerinnen. Die SVP ist erst spät auf den Mundartzug aufgesprungen. Mir scheint eher umgekehrt, dass nun jene, die sich für die Mundart einsetzen, von Leuten, die es sich einfach machen, sofort den Stempel «Rechts aussen» erhalten. Warum pochen denn die Pädagogen so sehr auf Hochdeutsch? Chrüsimüsi Durcheinander Hochdeutsch ist enorm wichtig, sie pochen zu Recht! Aber sie pochen auf Kosten des Dialekts, und das meinen sie zu dürfen, weil für viele der Dialekt halt immer noch als weniger «wertvoll» gilt. Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir alle nur noch Hochdeutsch miteinander sprechen würden? Nichts – aber das Bedürfnis nach Unterscheidung kann man damit nicht ausmerzen. Wir würden bei einer gemeinsamen Standardsprache einfach mehr auf Nuancen achten, wie in Frankreich oder in der Romandie, wo es praktisch keine Dialekte mehr gibt. Die Leute dort ordnen dann jemanden einfach aufgrund anderer Merkmale, vor allem aufgrund des Akzents, einer bestimmten Region zu. Auch soziale Unterscheidungen sind in einer Standardsprache viel einfacher auszumachen. Der Dialekt dagegen wirkt nivellierend: Wenn jemand seltsam oder holprig spricht, dann ordnen wir dies in der Regel dem Dialekt zu, nicht einer sozialen Schicht. Selbst Fehler fallen beim Dialekt weniger auf. Ja, dieses Mundart-Gesetz verdanken wir letztlich einer Büropädagogik, die vermutlich nur an die nächste Pisa-Studie denkt. Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich war einfach sehr unsensibel, als sie via Lehrplan das Hochdeutsch im Kindergarten einführte. Das sah für viele aus, als ob man den Dialekt ausrotten Walter Haas (69) und die Kinder schon im Kin- war bis zu seiner dergarten auf Leistung trim- Emeritierung Promen wollte. Weil die Bürger fessor für germanichts gegen Lehrpläne un- nistische Linguisternehmen können, mussten tik an den Universie zur Gesetzesinitiative sitäten Marburg greifen. und Freiburg. Er Wir wollen uns mit dem Dialekt also abgrenzen? Ja, es hat schon mit Identität zu tun. Wir legen nicht erst seit dem Nationalsozialismus Wert auf den Dialekt, um uns von den Deutschen abzugrenzen. Es geht sowieso nicht um «die Deutschen», arbeitete am das ist eine Idee der FeuilleSprachatlas der Ist es denn nicht wichtig, tonredaktionen. Es geht viel deutschen dass die Kinder möglichst mehr um die sprachliche Schweiz mit und früh Hochdeutsch lernen? Kinder müssen auch den Dia- leitete das natioGleichheit im Innern. Schon lekt richtig lernen, ihre Erst- nale Forschungsim 18. Jahrhundert hielt sprache. man an der Mundart fest. Sie programm «Sprawurde, zu Recht oder zu Unchenvielfalt und recht, als Symbol der bürgerDen Dialekt können sie doch Sprachkompetenz lichen Gleichheit verstanden in der Schweiz». ohnehin? Nein, eben nicht. Den korrekund als «Ausweis» der Zugeten Einsatz von Begriffen hörigkeit zu einer lokalen müssen wir auch in der Mundart lernen Gemeinschaft. Dieses Bedürfnis nach und uns auch um die Erweiterung des etwas Vertrautem wurde vermutlich Wortschatzes bemühen. Das lernt man durch die Globalisierung verstärkt. nicht nur auf dem Pausenplatz. Warum ist es wichtig, den Dialekt zu beherrschen? Weil wir in der Schweiz miteinander immer noch Mundart reden, sowohl auf der Strasse wie an der Gemeindeversammlung. Wer mitreden, diskutieren und mitbestimmen will, der muss argumentieren können, muss wortgewandt sein. Die Wissenschaft hat dem Dialekt aufs Maul geschaut Aber ein bisschen nationalistisch wirkt diese ganze Mundartdebatte schon. Es ist doch nicht schlecht, wenn wir uns auf eigene Traditionen und Werte besinnen und sie hochhalten. Gefährlich und nationalistisch wird es dann, wenn man die eigene Nationalität, also die Zugehörigkeit zu einem Volk, absolut setzt und damit per definitionem alle anderen Nationalitäten herabsetzt. Löwenzahn Manche Politiker möchten aber Mundart zur Nationalsprache erklären. Das ist Blödsinn. Welchem der vielen Schweizer Dialekte soll diese Ehre denn zukommen? Berndeutsch natürlich. (lacht) Ich bin für den Luzerner Dialekt, die Mundart der Mitte. Sie sehen: Diese Idee ist ein Hirngespinst. Wir in der Schweiz haben eigentlich das Nationalsprachenproblem sehr kostengünstig gelöst. Der Dialekt befriedigt das Bedürfnis nach Heimat und Identität, deckt die patriotischen Gefühle ab. Und die Standardsprache, das Hochdeutsche, deckt unser Bedürfnis nach Kultur und internationalem Austausch, unser Bedürfnis nach «Literalität» ab. Ist die Schweiz mit dieser Dialektvielfalt denn einzigartig? Nicht die Vielfalt der Dialekte macht die deutsche Schweiz besonders, sondern die Stellung, welche die Dialekte im Alltagsleben einnehmen. Viele beklagen den Verlust an Mundartausdrücken. Wird der Dialekt aussterben? Natürlich gehen Wörter verloren, das ist aber normal. Sprache ist immer in Bewegung. Wörter gehen auch verloren, weil sich unsere Lebensweise verändert hat. Bonbon Haben Sie ein Beispiel? Das Wort «seechten» zum Beispiel kennt kaum jemand mehr, weil wir heute alle Waschmaschinen haben. «Seechten» bedeutet: Mit Lauge waschen – also von Hand und mit Asche als Waschmittel. Beim Wortschatz ist seit langem eine grosse Uniformierung im Gange, weil wir durch die Globalisierung viel gleichförmiger leben: Die Lebensstile haben sich weltweit einander angeglichen. Wir werden also weniger unterschiedliche Begriffe und Wörter aus der lokalen Sprachtradition haben. Dafür kommen viele, vermutlich viel mehr, Wörter aus internationalen Sprachschätzen dazu. Und an der Aussprache der Dialekte, denke ich, wird sich wenig verändern. Wir werden auch in Zukunft den schönen Berner Dialekt hören? Und auch den schönen Luzerner Dialekt. Die Berner und Luzerner werden mehr gemeinsame Begriffe und Wörter haben, aber sie anders aussprechen. KARTEN: KLEINER SPRACHATLAS DER DEUTSCHEN SCHWEIZ, HUBER-VERLAG Weil wir Schweizerdeutsch miteinander reden, sei es wichtig, dass Kinder Dialekt lernten, sagt Walter Haas. Wer mit Ausländerkindern vor allem Hochdeutsch spreche, stigmatisiere sie fürs ganze Leben. MUNDART Der Sonntag Nr. 20 22. Mai 2011 Seite 43 Flachkuchen mit Belag Schweizerdeutsch gehört niemandem Mundartschriftsteller Pedro Lenz über die Auswüchse der Sprachdebatte Es gibt keine bessere und unterhaltsamere Quelle für den Mundart-Reichtum als den «Kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz». Auf 120 Karten und mit erklärenden Texten werden regionale Unterschiede und Gemeinsamkeiten ausgelotet. Verlag Huber Frauenfeld, 324 S., Fr. 39.90. Schluckauf as Stimmvolk in den Kantonen Zürich und BaselStadt habe die Mundart gestärkt, die Dialekt-Befürworter verspürten Aufwind, hiess es in den letzten Tagen in den Medien. Braucht die Mundart Stärkung? Und was ist ein Dialekt-Befürworter? Bin ich als Autor, der unter anderem Texte in Mundart verfasst, ein DialektBefürworter? Nein. Ich bin ein Sprach-Befürworter. Der Umstand, dass nun das rechtsnationale Milieu im Land die erwähnten Sprachabstimmungen dazu missbraucht, eine Sprachdebatte im ausgrenzenden Sinn loszutreten, ist ein Skandal. Dass die politischen Gegner der Rechtsnationalen auf so eine Debatte eingehen, macht es nicht besser. Deutschschweizer Mundart ist nicht die Sprache derer, die sich abkapseln wollen. Deutschschweizer Mundart ist nicht die Sprache derer, die unsere Deutschen Mitbürger hassen und den Teufel der Überfremdung an die Wand malen. Deutschschweizer Mundart ist die Sprache aller, die sie sprechen und verstehen. terrichts in welcher Sprache geführt werden. Das Verbannen der eigenen Mundart aus dem Kindergarten und Schule ist genau so dumm und so kurzsichtig, wie das Erzwingen von Prozentquoten. Der freudvolle Umgang mit der eigenen und mit fremden Sprachen muss eine Selbstverständlichkeit werden. Die Sprachkompetenz der Kinder wird bestimmt nicht verbessert, wenn sie lernen, dass ihre eigene Sprache im Unterricht keinen Platz hat. Aber diese Sprachkompetenz wird genau so wenig verbessert, wenn die eigene Sprache mythisch überhöht oder als Sonderfall hervorgehoben wird. ne Fremdsprache und es wäre nichts als Anstand gegenüber den Fremden, wenn wir vermehrt Hochdeutsch redeten. Das ist eine andere Debatte. Sie ändert nichts an der täglich vernehmbaren Tatsache, dass wir in der Deutschschweiz nun mal Schweizerdeutsch reden. Das ist weder gut noch schlecht. Das hat auch nicht mit irgendeiner politischen Gesinnung für oder gegen Fremde zu tun. Wir behaupten ja auch nicht, der Gebrauch des Ukrainischen in der Ukraine richte sich gegen die Fremden. Als ich vor Jahren einmal eine längere Zeit in Schottland gelebt habe, wurde mir schnell bewusst, dass die dortige Variante des Englischen, die im Alltag überall gesprochen wird, wenig mit dem Englisch zu tun hat, das ich in der Schule gelernt hatte. Hätte ich deswegen behaupte sollen, alle Leute um mich herum seien mir feindlich gesinnt? Die Schotten sprechen so, weil sie alle immer so sprechen. Das ist kein Statement für oder gegen andere Menschen. Gerade weil es bei jeder Sprache und bei jedem Sprechen um die Selbstverständlichkeit der Kommunikation geht, scheint es mir opportun, dass wir die Sprache den gegenwärtigen politischen Kampfzonen entziehen. Schweizerdeutsch ist in der Deutschschweiz kein politisches Statement. So zu sprechen, wie wir sprechen, bedarf keiner politischen oder moralischen Rechtfertigung. Ich spreche nicht so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Mir ist bis heute kein Schnabel gewachsen, und ich hoffe, das bleibe auch so. Ich beziehe meine Identität nicht aus einer bestimmten Sprache. Sprachen sind keine unverrückbaren Identitätsmerkmale. Sprachen sind Kommunikationshilfen. Sprachen sind Musikinstrumente. Sprachen sind alles Mögliche, und sie gehören niemandem. Zum Glück! Bräusi Rösti In manchen Medien war in diesem Zusammenhang auch von einem neuen Mundart-Boom die Rede. Aber mit dem Ausdruck Mundart-Boom verhält es sich wie mit dem Ausdruck Dialekt-Befürworter. Es sind vollkommen sinnleere, ausDeswegen ist es unklug, im tauschbare und nutzlose BeZusammenhang mit griffe. Woran erkennen wir Deutschschweizer Mundart einen Mundart-Boom? Erkenvon einem sprachlichen Sonnen wir einen Mundart-Boom Der Schriftsteller derfall zu reden. Es ist ein Irrdaran, dass im Radio MundPedro Lenz (46) tum zu glauben, unsere Spra- ist in Langenthal artlieder erklingen oder darche, die Sprache die in der an, dass die Jugendlichen ihgeboren und lebt Deutschschweiz ständig und re SMS in Mundart verfassen? in Olten. Er ganz selbstverständlich geIn England sagt doch auch schreibt auch in sprochen wird, bedürfe einer kein denkender Mensch: «OuMundart. ausdrücklichen Reglementieouou, Vorsicht, jetzt bringen rung von welcher Seite auch die bei uns so viele englischimmer. Unsere Alltagssprache gehört sprachige Lieder im Radio, jetzt haben nicht den selbst ernannten Hütern der wir es eindeutig mit einem EnglischHeimat. Unsere Sprache gehört allen, die Boom zu tun.» Es ist nicht einsichtig, wasie brauchen, und sie gehört allen, die rum etwas so vollkommen Selbstversie verstehen. Die Definition von Heimat ständliches wie der Gebrauch der eigehat niemand für sich gepachtet. nen Sprache als Boom bezeichnet werWer sich mit Sprache befasst, wer Spraden soll. Natürlich höre ich jetzt schon che gern hat, sollte nun nicht in die Falle die Experten, die mir entgegenhalten, derer tappen, die versuchen, einen Graunsere Muttersprache sei das Deutsche ben zwischen Mundart und Hochin den beiden Varianten Hochdeutsch deutsch zu reissen. Es soll nicht darum und Schweizerdeutsch und so betrachgehen, wie viele Prozente des Schuluntet, sei das Hochdeutsche für uns gar kei- Das Bollwerk der Mundart Dialektologe Christian Schmid zum Mundart-Gebrauch auf den DRS-Sendern VON KURT-EMIL MERKI Überrest eines Apfels Der Spezialist für Mundart und Mundartkultur bei Radio DRS redet ein behäbiges, leicht altertümlich anmutendes Berndeutsch. Christian Schmid (64) sagt, er habe 1960 in Basel eine LaborantenLehre begonnen. «Wie dies bei ‹Auswanderern› häufig der Fall ist, habe ich meine Umgangssprache damals konserviert.» Aufgepasst: Schmid, längst Sprachwissenschafter, ist alles andere als ein Konservator! «Wir haben bei Radio DRS keinen Auftrag, für eine schöne Mundart zu sorgen.» Sagts – und lässt keinen Zweifel daran, dass er das für richtig hält. Aber selbstverständlich macht man sich beim Schweizer Radio Gedanken zum Sprachgebrauch. Christian Schmid tut es an vorderster Stelle. Klar ist: DRS 2 sendet mehrheitlich in Schriftdeutsch, auf den übrigen DRS-Sendern wird mehrheitlich in Mundart geredet. Klar ist aber auch, dass in allen Informationssendungen die Schriftsprache verwendet wird – die Regionaljournale sind die Ausnahme. Überlegungen zum Sprachgebrauch sind das eine. Das andere ist die Mundart-Kultur. Radio DRS versteht sich als wichtigster Partner für Mundart-Kulturschaffende. Seis im Hörspiel-, Feature- oder Comedybereich. Mit der «Schnabelweid» als Dreh- und Angelpunkt. AUCH WENN RADIO DRS unter den Mitarbeitern keine aktive Mundartpflege betreibt, gehört das Formulieren in Mundart zur Grundausbildung der Moderatorinnen und Moderatoren. Es geht nicht an, eine Moderation in Schriftdeutsch zu verfassen und dann ab Blatt in Mundart zu übersetzen. Der Grundsatz lautet: Was in Mundart geredet wird, wird auch in Mundart formuliert. DRS-Dialektologe Schmid begrüsst, «dass es heute zwischen reiner Mundart und reiner Schriftsprache keine Mauer mehr gibt»: «Wir können am Radio nicht eine Sprache bewahren, die nicht zu dieser Welt passt.» Andererseits ist Pfifolter Schmetterling Schmid «persönlich» dagegen, dass DRS 1 an der Spitze steht, wenn es darum gehe, Neologismen einzuführen. Schmid hat festgestellt, dass die Mundart-Grammatik in den letzten Jahren erodiert ist. Eine von vielen möglichen Erklärungen: «Wenn jemand öffentlich zeigen will, dass er sich als urbaner Zeitgenosse versteht, rückt er seine Mundart stärker in die Nähe des Schriftdeutschen.» So hat etwa die Zukunftsform, die es in der Mundart nicht gibt, Einzug in die Umgangssprache gehalten. Waren auf Radio Beromünster Zürich-, Basel- und Berndeutsch die vorherrschenden Moderations-Idiome, hört man heute die ganze Mundart-Palette. Schmid bestätigt die Beobachtung, betont aber, dass es keine sprachliche Minderheiten-Quote gebe. Schmid sagt, es habe in der Vergangenheit «Hörerproteste» wegen der Massierung von Walliser Stimmen gegeben. «Mittlerweile hat sich das Gschtürm aber gelegt.» Antimundart-Protest gibt es seit den Achtzigerjahren. Die bürgerliche Bildungsschicht hätte wegen der «Mundartwelle» Angst um das Schriftdeutsche gehabt, vermutet Schmid. Vielleicht weil damals die Lokalradios aufkamen. Sie verstärkten den Eindruck, Mundart habe die elektronischen Medien erobert.