Arbeitsblatt: Fachheft zur Bioakustik von Fledermäusen

Material-Details

Fundiertes Fachheft, das sich beispielsweise für die Unterrichtsvorbereitung oder für Vorträge von Schüler:innen eignet. Ein Fledermausspezialist zeigt auf, wie Fledermaus-Bioakustik funktioniert und wie sich diese in der Praxis einsetzen lässt, sowie welche Zukunftsaussichten ihr attestiert werden. Mit der Jahrtausendwende wurden in der Fledermausforschung bioakustische Methoden massentauglich, also die Erfassung von Fledermäusen über ihre Ultraschall-Echoortungsrufe. Dank grosser technischer Fortschritte war es von nun an möglich, Fledermäuse nachzuweisen und ihre Artzugehörigkeit zu bestimmen, ohne sie dafür fangen zu müssen. Das Fachheft Fauna Focus bietet fundierte Inhalte zu Wildtier-Themen. Unsere Autor:innen vermitteln anschaulich, wie sich Wildtiere und Menschen den Lebensraum teilen. Sie beleuchten Hintergründe und Zusammenhänge und diskutieren kontroverse Fragen. Fauna Focus verbindet Wissenschaft mit Praxis und fördert den Informationsaustausch.
Biologie
Tiere
klassenübergreifend
16 Seiten

Statistik

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06.01.2026

Autor/in

Claude Andrist
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Fauna Focus Nr. 104 Dezember 2025 Bioakustik Fledermäuse Bioakustik und Fledermäuse: Wie ausgeklügelte Technik hilft, die heimlichen Tiere zu erforschen 2 Wer an Fledermäuse denkt, macht meist automatisch eine Assoziation mit dunkler Nacht. In der Tat sind Fledermäuse vornehmlich nachts ausserhalb ihrer Quartiere unterwegs, entsprechend konzentrieren sich auch viele Arbeiten zur Erforschung und zum Schutz dieser Tiere auf die dunkle Zeit des Tages. Die nächtliche Lebensweise der Fledermäuse, gepaart mit dem oft fast identischen Aussehen unterschiedlicher Arten, führen dazu, dass sie nach wie vor deutlich weniger gut erforscht sind als beispielsweise Vögel. Nichtsdestotrotz hat sich das Wissen über Fledermäuse und ihre Ökologie in den letzten 20 Jahren vervielfacht. Mit der Jahrtausendwende wurden in der Fledermausforschung bioakustische Methoden massentauglich, also die Erfassung von Fledermäusen über ihre Ultraschall-Echoortungsrufe. Dank grosser technischer Fortschritte war es von nun an möglich, Fledermäuse nachzuweisen und ihre Artzugehörigkeit zu bestimmen, ohne sie dafür fangen zu müssen. Der vorliegende Artikel zeigt auf, wie Fledermaus-Bioakustik funktioniert, wie sich diese in der Praxis einsetzen lässt und was ihre Vor- und Nachteile sind, sowie welche Zukunftsaussichten ihr attestiert werden. 3 Foto Titelseite: Naturfoto Hofmann Christian Giese Text: Elias Bader Impressionen aus der Fledermaus-Feldarbeit Die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt an diesem Morgen im Juni. Auf der Nordseite des Passes in den Zentralalpen liegen noch letzte Reste von Firn, die umgebenden Berggipfel sind mit dichten Wolken behangen. Aus der Ferne könnte man den Mann mit seinen Zaunpfählen und seinem schweren Rucksack für einen Senn halten. Die Tiere, deretwegen er hier ist, sind jedoch deutlich kleiner als Schafe oder Rinder. Er ist Wissenschaftler und auf der Suche nach Fledermäusen. Nach fast tausend Höhenmetern Aufstieg zu Fuss oben angekommen, legt er seinen Rucksack ab und beginnt nach einer kurzen Verschnaufpause mit seiner eigentlichen Arbeit. Er entnimmt seinem Rucksack ein kleines, schwarzes, computerähnliches Gerät, schaltet es ein, überprüft die Einstellungen und ergänzt die Koordinaten des Standorts. Dann befestigt er es an einen Zaunpfahl, verbindet es über ein Kabel mit einem Mikrofon, welches er am oberen Ende des Pfahls fixiert, richtet das Mikrofon aus und fotografiert die Installation. Und schon macht er sich wieder an den Abstieg, um die Prozedur am selben Tag noch an ein bis zwei weiteren Standorten zu wiederholen. Bereits in rund einer Woche wird er seine Tour wiederholen, um die Geräte wieder abzubauen. Echoortung Mit der Ultraschall-Echoortung hat sich bei den Fledermäusen im Verlauf der Evolution ein aussergewöhnliches System entwickelt, um sich auch in völliger Dunkelheit zurechtfinden zu können. Nebst den Fledermäusen bedienen sich dieses Systems auch Zahnwale, verschiedene Kleinsäuger sowie einige höhlenbewohnende Vogelarten in Südostasien und Südamerika. Diese Echoortung hat sich mehrfach entwickelt – nicht nur in verschiedenen Wirbeltierordnungen, sondern auch innerhalb der Fledermäuse. Das System funktioniert denkbar einfach: Die Fledermaus stösst einen hochenergetischen Ton aus – meist durch den Mund, manchmal auch durch die Nase. Dieser trifft auf umliegende Objekte, welche ein Echo zurückwerfen, wobei dieses je nach Grösse, Oberflächenstruktur, Materialbeschaffenheit und Distanz der Objekte unterschiedlich ausfällt. Diese Echos werden von der Fledermaus über die Ohren aufgenommen und im Gehirn zu einem dreidimensionalen Hörbild verarbeitet. Diese Echoortungsrufe können sich je nach Art und je nach Umgebung, in welcher sich das Individuum aufhält, unterscheiden. Insbesondere der Verlauf der Frequenz (Tonhöhe) über die Zeit ist bei vielen Fledermäusen artspezifisch, sodass sich mit Der hochenergetische Ruf, den die Fledermaus ausstösst, trifft auf ein Objekt, hier ein Beutetier; das zurückgeworfene Echo wird im Gehirn zu einem dreidimensionalen Hörbild verarbeitet. Foto: Kathy Büscher 4 der erforderlichen Ausbildung und Erfahrung typische Rufe in vielen Fällen klar einer Art zuordnen lassen. Innerhalb eines bestimmten, artabhängigen Spektrums sind Fledermäuse in der Lage, die Ruflänge, die Frequenz und die Bandbreite (Differenz zwischen höchster und tiefster Frequenz eines Rufs) dem jeweiligen Ziel anzupassen. Während tiefe, laute Rufe eine grössere Reichweite haben, ermöglichen sie nur eine beschränkte räumliche Auflösung. Hohe Rufe eignen sich dagegen besser für kurze Distanzen und das Erkennen kleiner Objekte. Entsprechend ruft eine Fledermaus, die sich am freien Himmel aufhält, tiefer, als wenn sie sich in der Nähe von Hindernissen befindet. Zudem sind die Abstände zwischen ihren Rufen grösser, damit auch Echos von entfernteren Objekten ausreichend Zeit haben, zur Ruferin zurückzukommen. Eine Fledermaus, die sich am freien Himmel aufhält, ruft tiefer, als wenn sie sich in der Nähe von Hindernissen befindet. Im Bild ein grosser Abendsegler. Foto: Robert Hanggartner Ortungsrufe und Raumverhalten Anhand ihrer Rufeigenschaften lassen sich unsere Fledermäuse grob in drei Gruppen einteilen (siehe auch Abb. folgende Seite): Kurzstrecken-Orterinnen, Mittelstrecken-Orterinnen und Langstrecken-Orterinnen. sich generell in strukturreichen Lebensräumen auf, meiden das Licht und entfernen sich nur selten weit von der nächsten Deckung. Mittelstrecken-Orterinnen: Zu ihnen zählen Arten wie die Zwergfledermausverwandten (Pipistrellus spp.) oder die Alpenfledermaus (Hypsugo savii). Sie nutzen eine Vielzahl von Lebensräumen – offene, aber auch strukturreiche Wälder oder Siedlungen. Dabei scheuen sie auch die nächtliche Beleuchtung, z.B. durch Strassenlaternen, nicht. Kurzstrecken-Orterinnen: Zu ihnen zählen beispielsweise die Langohren (Plecotus spp.), die Mausohrverwandten (Myotis spp.) oder die Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus). Sie halten 5 Anhand ihrer Rufeigenschaften lassen sich unsere Fledermäuse grob in drei Gruppen einteilen: Bei Kurzstrecken-Orterinnen (links) ist die Frequenz über die Zeit oft stark moduliert, was die Rufe im Spektrogramm vergleichsweise stark abfallend erscheinen lässt. Die Rufe der Mittelstrecken-Orterinnen (Mitte) bestehen aus einem frequenzmodulierten Teil am Anfang und einem quasi-konstantfrequenten Teil am Ende. Bei Langstrecken-Orterinnen (rechts) verändert sich die Frequenz der Rufe nur sehr wenig und erscheint darum im Spektrogramm waagerecht. Abbildung: Elias Bader Langstrecken-Orterinnen: Zu ihnen zählen die Arten des freien Luftraums wie Abendsegler (Nyctalus spp.), die Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus) oder die Bulldoggfledermaus (Tadarida teniotis). Ihre schmalen Flügel ermöglichen einen schnellen Flug, der jedoch auf Kosten der Wendigkeit geht. Hindernissen weichen diese Arten deshalb meist grossräumig aus. also um mehr als 130 kHz ab, und das innert weniger Millisekunden. Die Rufe der Mittelstrecken-Orterinnen bestehen aus einem frequenzmodulierten Teil am Anfang und einem quasi-konstantfrequenten Teil am Ende, wobei, je nach Situation, der eine oder andere dominieren kann. Bei LangstreckenOrterinnen verändert sich die Frequenz der Rufe nur sehr wenig (einige kHz) über die Zeit und erscheint darum im Spektrogramm waagerecht. Eine Ausnahme zu den drei bisher beschriebenen Gruppen bilden die Hufeisennasen (Rhinolophus spp.): Es handelt sich bei ihnen zwar um Kurzstrecken-Orterinnen, aufgrund verschiedener verwandtschaftlicher und ökologischer Unterschiede sind ihre Rufe aber mehrheitlich konstantfrequent, erscheinen im Spektrogramm also waagrecht, wie die der Langstrecken-Orterinnen. Es handelt sich um eine spezielle Anpassung zur Ortung fliegender Insekten. Die drei Gruppen unterscheiden sich nicht nur in ihrem Raumverhalten, sondern auch in ihren Ortungsrufen. Bei Kurzstrecken-Orterinnen ist die Frequenz über die Zeit oft stark moduliert, was die Rufe im Spektrogramm vergleichsweise stark abfallend erscheinen lässt. Extremstes Beispiel unter den einheimischen Arten ist die Fransenfledermaus (Myotis nattereri): Ihre Rufe beginnen oft bei über 150 kHz und enden bei unter 20 kHz, fallen 6 Kurz vor dem Fang eines Beutetiers stossen Fledermäuse oft sogenannte «Feeding Buzzes» aus (Abb. unten). Durch die sich stetig verkleinernde Distanz zum Beutetier werden dabei die Ortungsrufe der Arten aller Gruppen immer kürzer und die Abstände zwischen den Rufen immer kleiner. Sobald die Fledermaus die Beute erwischt hat oder an ihr vorbeigeflogen ist, wechselt sie wieder in den normalen Ortungsmodus. Ein weiterer Spezialfall sind Sozialrufe. Fledermäuse benutzen Lautäusserungen nicht nur zur Orientierung, sondern auch zur Kommunikation. Dazu verfügen sie über ein grosses Rufrepertoire, dessen Umfang und Bedeutung wir erst ansatzweise verstehen. So können Sozialrufe dem Anlocken von Paarungspartnerinnen, dem Verjagen von Nahrungskonkurrenten, der Kommunikation zwischen Mutter und Kind, dem Warnen von Artgenossen und vielem mehr dienen. Bei verschiedenen Fledermausarten wird deshalb eine Fledermaussprache postuliert, die unserer menschlichen Sprache ähnlich ist. Durch die sich stetig verkleinernde Distanz zum Beutetier werden die Ortungsrufe immer kürzer und die Abstände zwischen den Rufen immer kleiner. Kurzstrecken-Orterinnen wie das Graue Langohr halten sich generell in strukturreichen Lebensräumen auf und entfernen sich nur selten weit von der nächsten Deckung. Abbildung und Foto: Elias Bader 7 Schall Als Schall bezeichnet man eine mechanische Schwingung, die sich in einem Übertragungsmedium wie einem Festkörper, Luft oder Wasser wellenförmig fortbewegt. Schall lässt sich charakterisieren über seine Frequenz (Anzahl Schwingungen pro Sekunde, Einheit Hertz Hz) und seine Amplitude (Auslenkung vom Mittelwert, Einheit Dezibel dB), welche den Schalldruckpegel definiert. Umgangssprachlich bezeichnet Schall diejenigen Schwingungen, die vom menschlichen Gehör als Töne wahrgenommen werden können. Die Frequenzen dieser Schwingungen liegen grob zwischen 20 Hz und 20000 Hz, also 20 kHz, wobei die Empfindlichkeit, insbesondere für hohe Töne, mit dem Alter stark abnimmt. Alles unterhalb dieses Bereichs wird gemeinhin als Infraschall bezeichnet, alles oberhalb als Ultraschall. Fledermaus-Ortungsrufe bewegen sich ungefähr zwischen 10 kHz und 200 kHz. Einige Arten wie die Europäische Bulldoggfledermaus (Tadarida teniotis) sind also für Menschen von blossem Ohr hörbar. Damit die hohen Rufe ausreichend Echos produzieren und somit die Echoorientierung funktioniert, müssen Fledermausrufe sehr laut sein. So können bei manchen Arten direkt vor ihrem Mund Lautstärken von über 130 dB gemessen werden – dies entspricht in etwa dem Schalldruck eines Flugzeugs beim Start. Technische Hilfsmittel Dank des Physikers Lazzaro Spallanzani ist bereits seit dem 18. Jahrhundert bekannt, dass sich Fledermäuse mit ihren Ohren orientieren. Trotzdem beschäftigt sich die Forschung erst seit den 1980er Jahren intensiv mit Fledermausrufen. Kurze Rufe und sehr hohe Frequenzen sind schwierig aufzuzeichnen, zu speichern und zu analysieren. Darum war die Fledermaus-Bioakustik längere Zeit universitären Einrichtungen mit entsprechendem Budget vorbehalten. Man bediente sich speziell hergestellter, sehr teurer Mikrofone und zeichnete die Rufe auf Tonband auf, von wo man sie dann, verlangsamt, wieder abspielen und somit hörbar machen konnte. Mit der fortschreitenden Digitalisierung wurden Speichermöglichkeiten benutzerfreundlicher und Auswertungsansätze vielfältiger. Geräte zur digitalen Aufzeichnung, welche Anfang der 1990er Jahre, insbesondere wegen der Stromversorgung, noch ganze Autokofferräume füllten, schrumpften schnell auf die handlichen Dimensionen einer Literflasche und darunter. Heutzutage gibt es viele verschiedene Geräte mit unterschiedlichen technischen Ansätzen, mit denen Fledermausrufe hörbar gemacht oder aufgezeichnet werden können. Foto: Elias Bader 8 Die Zweifarbfledermaus gehört zu den LangstreckenOrterinnen. Ihre schmalen Flügel ermöglichen ihr einen schnellen Flug, der jedoch auf Kosten der Wendigkeit geht. Foto: Stiftung Fledermausschutz Heutzutage gibt es viele verschiedene Geräte mit unterschiedlichen technischen Ansätzen (siehe Abb. Vorangehende Seite), mit denen Fledermausrufe hörbar gemacht oder aufgezeichnet werden können. Die wichtigsten werden im Folgenden kurz vorgestellt. Heterodyn-Detektor: Der klassische Ultraschall-Detektor und das wohl verbreitetste Gerät, um Fledermausrufe hörbar zu machen. Er bedient sich des Mischer-Prinzips: Durch das Mischen des Fledermausrufs mit einer bekannten Frequenz wird ein Ausschnitt des Fledermausrufs in eine für das menschliche Ohr hörbare Frequenz umgewandelt. Je nach Gerät lässt sich die Zielfrequenz manuell einstellen, oder das Gerät sucht automatisch nach der Ruffrequenz mit der grössten Energie. Diese Geräte sind kostengünstig (ca. 80 bis 350 CHF), einfach bedienbar und eignen sich perfekt, um wildlebende Fledermäuse direkt zu hören. Sie werden deshalb auch sehr gerne auf Fledermaus-Exkursionen eingesetzt. Für Artbestimmungen, autonomen Einsatz oder zur detailgetreuen Aufzeichnung von Rufen eignen sie sich dagegen weniger. Echtzeit-Aufnahmegeräte: Diese Geräte horchen in Echtzeit ein breites Frequenzspektrum ab und zeichnen Töne als Funktion von Zeit, Frequenz und Amplitude auf. Dadurch generieren sie hochauflösende Tondateien, welche man mit entsprechender Software analysieren, mit Referenzaufnahmen vergleichen oder zur Diskussion anderen Bioakustiker*innen weitergeben kann. Durch die oft hohe Detailtreue der Aufnahmen ermöglicht diese Methode in vielen Fällen, Rufe einer Art zuzuordnen. Echtzeit-Aufnahmegeräte werden oft für Schutz und Erforschung der Fledermäuse angewandt. Ihre Kosten sind sehr variabel (ca. 500 bis mehrere 1000 CHF), die meisten Geräte erlauben kein Mitverfolgen in Echtzeit, die Ausbeute zeigt sich erst danach am Computer. Mittlerweile gibt es aber auch Produkte, die sich direkt mit einem Smartphone oder Tablet verbinden lassen, sodass man die Fledermausrufe auch live anschauen und anhören kann. Zeitdehnungs-Geräte: Geräte, welche auf dem Prinzip der Zeitdehnung beruhen, zeichnen jeweils einen Abschnitt bestimmter Länge einer Fledermaus-Rufsequenz auf – meist eine Sekunde. Diese wird dann verlangsamt – meist um den Faktor 10 – wiedergegeben. Dadurch klingen die Rufe viel melodischer und es lassen sich deutlich mehr Details heraushören. Das Zeitdehnungsverfahren eignet sich deshalb besonders gut für stark auditive Personen, welche Fledermäuse direkt erleben wollen. Mit viel Erfahrung lassen sich mit diesem Verfahren zahlreiche Fledermausarten bestimmen, eine Validierung von Nachweisen ist jedoch deutlich anspruchsvoller als bei Echtzeit-Aufnahmen. Viele Echtzeit-Aufnahmegeräte lassen sich so programmieren, dass sie nur aufzeichnen, wenn auch tatsächlich begründeter Verdacht auf eine ortende Fledermaus besteht. Dies reduziert die Da- 9 tenmenge und damit auch die Arbeit im Vergleich zu Geräten, die kontinuierlich aufzeichnen. Um die Daten möglichst standardisiert zu erfassen und so auch die Möglichkeit zu haben, die Aktivität unterschiedlicher Standorte miteinander zu vergleichen, hat sich die Praxis etabliert, die Länge einzelner Aufnahmen auf 5 Sekunden zu beschränken. Solche Aufnahmen sind einerseits lang genug, um die Chancen auf ausreichend verwertbare Rufe darin zu steigern. Andererseits aber auch kurz genug, um das Risiko mehrerer Individuen oder gar Arten in einer Aufnahme auf ein Minimum zu reduzieren. Sind die Echtzeit-Aufnahmen einmal aufgezeichnet, beginnt die eigentliche Arbeit. Nun geht es darum, die Rufsequenzen einer Art zuzuordnen. Hierfür gibt es verschiedene Herangehensweisen. Die offensichtlichste ist die manuelle Auswertung, bei der jede Rufsequenz angeschaut und basierend auf der eigenen Erfahrung sowie mithilfe von Fachliteratur bestimmt wird. Insbesondere bei grösseren Datenmengen – pro Nacht und Standort können mehrere Tausend Rufsequenzen anfallen – ist dieser Ansatz jedoch kaum praktikabel. Eine grosse Hilfe bei der Auswertung sind deshalb automatisierte Bestimmungssoftwares, von denen es mittlerweile einige auf dem Markt gibt. Ihre Funktionsweise ist immer ähnlich: eine eingespeiste Rufsequenz, respektive ein einzelner Ruf, wird mit einer Bibliothek von Referenzrufen verglichen und der Art mit der höchsten Übereinstimmung zugeordnet. Der Output der Software wird dann noch manuell – meist stichprobenartig – auf seine Plausibilität überprüft. Solche Softwares können einem die Arbeit stark erleichtern – sie sind jedoch immer nur so gut wie die ihnen zugrunde liegenden Referenzbibliotheken; und alle haben ihre Stärken und Schwächen. Bis heute ist keine Software so zuverlässig, dass sie der manuellen Überprüfung der Resultate entbehren könnte. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch für die Arbeit mit automatisierter Arterkennung nach wie vor ein grosses Fachwissen nötig ist, um einschätzen zu können, wie plausibel die Resultate sind. Dieses stellt sich meist erst nach Jahren vertiefter Arbeit mit Fledermaus-Bioakustik ein. Darum fliessen akustische Fledermausnachweise nur dann in die nationalen Faunadatenbanken ein, wenn sie nach den Standards der Swiss Bat Bioacoustics Group validiert wurden. Fledermäuse benutzen Lautäusserungen nicht nur zur Orientierung, sondern auch zur Kommunikation. Sozialrufe können dem Anlocken von Paarungspartnerinnen, dem Verjagen von Nahrungskonkurrenten, der Kommunikation zwischen Mutter und Kind, dem Warnen von Artgenossen und vielem mehr dienen. Im Bild ein Braunes Langohr. Foto: Naturfoto Hofmann 10 Damit die hohen Rufe ausreichend Echos produzieren, müssen Fledermausrufe sehr laut sein. Im Bild ein grosser Abendsegler. Foto: Naturfoto Hofmann Vor- und Nachteile der Bioakustik Die Bioakustik hat viele Vorteile: Viele der eingesetzten Geräte arbeiten autonom – sie müssen lediglich installiert und wieder eingesammelt werden. Da diese Arbeiten auch tagsüber durchgeführt werden können, ist es möglich, auch Gebiete zu beproben, in denen eine Begehung nachts zu gefährlich oder zu schwierig wäre, beispielsweise in sehr steilem Gelände oder an entlegenen Alpenstandorten. Zudem können zahlreiche Geräte an unterschiedlichen Standorten gleichzeitig im Einsatz sein, was die Vergleichbarkeit gesammelter Daten stark verbessert. Für die bioakustische Erfassung müssen Fledermäuse nicht gefangen oder behändigt werden. Dadurch bewahrt man die Tiere vor Stress und Verletzungsrisiken. Das abgedeckte Luftvolumen ist im Vergleich beispielsweise zu Stellnetzfängen um ein Vielfaches grösser, je nach Fledermausart können Ortungsrufe auch noch aus mehreren Dutzend Metern Distanz registriert werden. Dies ist wichtig, insbesondere für den Nachweis von Arten, die sich hoch am Himmel, und damit ausserhalb der Reichweite von Stellnetzen, bewegen. Somit ergibt sich Dank Bioakustik ein deutlich vollständigeres Bild von Artenvielfalt und Fledermausaktivität als mit anderen Methoden. Im Vergleich zum Umgang mit behändigten Tieren bringt die Bioakustik aber auch ein paar Nachteile mit sich: Nicht jede Rufaufnahme lässt sich zweifelsfrei einer Art zuordnen. Einerseits sind die Rufe mancher Arten generell zu ähnlich für eine sichere Unterscheidung. Andererseits können Fledermäuse ihre Rufe je nach Umgebung so stark verändern, dass die Artbestimmung verunmöglicht wird – beispielsweise in sehr hindernisreichem Gelände oder kurz vor dem Ergreifen eines Beutetieres. Da man Fledermäuse anhand ihrer Rufe in den allermeisten Fällen nicht individuell unterscheiden kann, lässt die Anzahl aufgezeichneter Sequenzen keine Rückschlüsse über die Häufigkeit einer Art an einem Standort zu. 11 Praxisbeispiele profitieren. In 14 Gebieten, verteilt über ganz Panama, wurden jeweils vier verschiedene Lebensräume gleichzeitig mit bioakustischen Aufnahmegeräten beprobt: Alter Wald, Jungwuchsflächen, Weideland und Siedlungsraum. Um die aufgezeichneten Rufsequenzen Arten oder Artgruppen zuordnen zu können, wurden während zahlreicher Nächte Fledermäuse gefangen und bestimmt. Beim Freilassen wurden ihre Rufe aufgezeichnet, um eine Referenzbibliothek zu erstellen. Zudem wurden ihre Flügel fotografiert, um diese später am Computer vermessen zu können. Die Studie zeigte, dass, je breiter die Flügel einer Fledermausart und je grösser deren Fläche, desto stärker ist sie auf intakte Waldökosysteme angewiesen und desto schneller verschwindet sie, wenn diese Wälder abgeholzt werden. Arten mit schmalen, kleinen Flügeln dagegen, profitieren von offeneren Lebensräumen und teilweise sogar von der Urbanisierung. Synergien in der Förderung gefährdeter Waldarten Das Grosse Mausohr (Myotis myotis) ist eine Fledermausart, die sich zu einem grossen Teil von Laufkäfern ernährt. Es erbeutet diese im tiefen Flug über unterwuchsarmen Böden, beispielsweise in Hallenwäldern. Auf ähnliche Wälder ist auch der Waldlaubsänger angewiesen, ein kleiner, langstreckenziehender Singvogel. Beide Arten sind gemäss der jeweiligen Roten Listen als Verletzlich (VU) eingestuft. Ein möglicher Grund für ihre Gefährdung ist der Rückgang geeigneter Wälder wegen zunehmender Trockenheit, zu hoher Stickstoffkonzentration in der Luft und veränderter Waldbewirtschaftung. Um herauszufinden, wie die Arten gefördert werden können, wurde auf Initiative der Vogelwarte Sempach in einem Pilotprojekt auf acht Flächen der Unterwuchs entfernt und dadurch eine Waldstruktur wiederhergestellt, wie sie für den Waldlaubsänger geeignet ist. Auf diesen Flächen untersuchte der Autor, wie sich die Eingriffe auf die Aktivität Grosser Mausohren auswirkten. Hierfür wurden auf jeder Eingriffsfläche sowie einer direkt angrenzenden Kontrollfläche bioakustische Aufnahmegeräte installiert. Die Eingriffe wirkten sich auf beide Arten positiv aus: die Aktivi- Bald steht die Aktualisierung der Roten Liste der Fledermäuse der Schweiz an. Fest steht bereits jetzt, dass die Bioakustik in diesem Projekt eine wichtige Rolle spielen wird. Im Bild ein Grosser Abendsegler. Foto: Naturfoto Hofmann. Die Einsatzmöglichkeiten der Fledermaus-Bioakustik sind schier unbegrenzt. Im Folgenden werden zwei Beispiele vorgestellt, in denen bioakustische Methoden zum Einsatz kamen. Zusammenhang zwischen Flügelform und Lebensraumansprüchen verschiedener Fledermausarten in Panama Für seine Masterarbeit untersuchte der Autor, welche Fledermausarten in Mittelamerika stärker durch veränderte Landnutzung (sprich insbesondere Abholzung und Urbanisierung) gefährdet sind und welche Arten unter Umständen sogar davon 12 tät Grosser Mausohren (Anzahl Rufsequenzen pro Nacht und Fläche) war auf den Eingriffsflächen rund sechsmal höher als auf den angrenzenden Kontrollflächen. Mit wenig Aufwand könnten also ehemalige Jagdgebiete Grosser Mausohren wiederhergestellt werden. Blick in die Zukunft Die Bioakustik hat sich in den letzten zwanzig Jahren zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel zur Erforschung und zum Schutz unserer Fledermäuse gemausert. Die aktuellen Entwicklungen im IT-Bereich mit künstlicher Intelligenz, immer leistungsfähigeren Rechnern und günstigerem Speicherplatz legen nahe, dass in der Bioakustik in den nächsten Jahren mit weiteren grossen Neuerungen zu rechnen ist. Zuverlässigere automatisierte Artbestimmungssoftwares oder ein standardisiertes, schweizweites bioakustisches Fledermausmonitoring sind nur zwei Beispiele, wie solche Neuerungen aussehen könnten. In wenigen Jahren steht zudem die Aktualisierung der Roten Liste der Fledermäuse der Schweiz an. Fest steht bereits jetzt, dass die Bioakustik in diesem Projekt eine wichtige Rolle spielen wird. Die eingangs beschriebenen Fledermaus-Feldeinsätze werden sich also ein ums andere Mal wiederholen – nicht nur in den Alpen, sondern auch im Flachland, in Wäldern und Siedlungen. Und einem Puzzle gleich wird mit jedem einzelnen Baustein unser Wissen über die Fledermäuse in der Schweiz etwas vollständiger. Der Waldlaubsänger ist auf eine ähnliche Waldstruktur angewiesen wie das grosse Mausohr. Beide Arten können gefördert werden, indem Unterwuchs entfernt wird. Foto: Julia Moning 13 Zum Autor Elias Bader beschäftigt sich seit bald 20 Jahren mit Fledermäusen. Von 2009 bis 2018 war er Kantonaler Fledermausschutz-Beauftragter Solothurn, seit 2016 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Fledermausschutz. Im Rahmen seiner Arbeit koordinierte er die Swiss Bat Bioacoustics Group SBBG, organisierte unzählige Kurse zu Fledermäusen und Bioakustik und plante und realisierte verschiedene bioakustische Forschungsprojekte. Darüber hinaus ist er Gründer und Geschäftsführer einer Firma mit Schwerpunkten in der Fledermaus-Bioakustik sowie in der Aus- und Weiterbildung im Heim- und Wildtierbereich. 14 Literatur FREY-EHRENBOLD A., BONTADINA F., ARLETTAZ R. OBRIST M. (2013) Landscape connectivity, habitat structure and activity of bat guilds in farmland-dominated matrices. Journal of Applied Ecology 50: 252-261. 10.1111/1365-2664.12034 BADER E., BONTADINA F., FREY-EHRENBOLD A., SCHÖNBÄCHLER C., ZINGG P.E. OBRIST M.P. (2017) Richtlinien für Aufnahme, Auswertung und Validierung von FledermausRufen in der Schweiz. Bericht der Swiss Bat Bioacoustics Group SBBG, Version 1.3d vom Februar 2021. 20 Seiten. BADER E., JUNG K., KALKO E.K.V., PAGE R.A., RODRIGUEZ R., SATTLER T. (2015) Mobility explains the response of aerial insectivorous bats to anthropogenic habitat change in the Neotropics. Biological Conservation 186: 97-106. Stiftung Fledermausschutz BADER E. (2023) Artenförderung mit Synergiepotenzial: Das Grosse Mausohr (Myotis myotis) profitiert von Aufwertungsmassnahmen für den Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix). Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Solothurn 45: 181-193. 15 Heftreihe Fauna Focus Impressum Fauna Focus finanziert sich ausschliesslich über Abonnemente, Spenden und Einzelverkäufe. Wem dieses Fachheft gefällt, darf es gerne finanziell oder als Autor:in unterstützen. Herausgeber: Wildtier Schweiz Winterthurerstrasse 92, CH–8006 Zürich Tel. 41 (0)44 635 61 31 www.wildtier.ch Erscheint: 4-mal jährlich, mit 8 Ausgaben Jahr Jahresabonnement: Print (inkl. PDF) CHF 74.– (Ausland: EUR 79.–), nur PDF CHF 54.– (EUR 54.–) Kündigungen: auf Ende eines Kalenderjahrs Redaktion: Claude Andrist und Beatrice Nussberger Administration: Patrik Zolliker Layout: Claude Andrist Druck: SETAPRINT AG Copyright Dez. 2025 Erhältlich auf: www.wildtier.ch/shop Naturfoto Hofmann Vereinsmitglieder von Wildtier Schweiz profitieren von 25 Vergünstigung auf das Fauna Focus Abo. Neues aus der Wildbiologie-Szene ‒ schnell informiert dank CH-Wildinfo CH-Wildinfo ist das wildtierbiologische Mitteilungsblatt, mit News rund um Wildtiere und ihre Lebensräume aus der Schweiz und Umgebung. Ein kostenloses Abo für das CH-Wildinfo Mitteilungsblatt können Sie hier bestellen.