Arbeitsblatt: Fachheft zum Bartgeier
Material-Details
Fundiertes Fachheft, das sich beispielsweise für die Unterrichtsvorbereitung oder für Vorträge von Schüler:innen eignet.
Die Geschäftsführenden der Stiftung Pro Bartgeier schildern, wie der Bartgeier in den Alpen erfolgreich wiederangesiedelt wurde und die Population weiter gefördert wird.
Bartgeier waren ursprünglich in vielen europäischen Gebirgsregionen verbreitet. Verschiedene Faktoren haben dazu beigetragen, dass sie im Laufe des 20. Jahrhunderts nahezu aus ganz Europa verschwunden sind. Dank umfassenden Schutz- und Wiederansiedlungsprojekten können sie heute wieder vielerorts beobachtet werden.
Das Fachheft Fauna Focus bietet fundierte Inhalte zu Wildtier-Themen. Unsere Autor:innen vermitteln anschaulich, wie sich Wildtiere und Menschen den Lebensraum teilen. Sie beleuchten Hintergründe und Zusammenhänge und diskutieren kontroverse Fragen. Fauna Focus verbindet Wissenschaft mit Praxis und fördert den Informationsaustausch.
Biologie
Tiere
klassenübergreifend
12 Seiten
Statistik
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06.01.2026
Autor/in
Claude Andrist
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Fauna Focus Nr. 96 Dezember 2024 Bartgeier Bartgeier in Europa – auf dem Weg zu einer Metapopulaon Bartgeier waren ursprünglich in vielen europäischen Gebirgsregionen verbreitet. Verschiedene Faktoren haben dazu beigetragen, dass sie im Laufe des 20. Jahrhunderts nahezu aus ganz Europa verschwunden sind. Dank umfassenden Schutz- und Wiederansiedlungsprojekten können sie heute wieder vielerorts beobachtet werden. Ziel der internationalen Schutzbemühungen ist die Etablierung einer europäischen Metapopulation. Diese soll die bestehenden und noch aufzubauenden Populationen von Nordafrika über Spanien, den Pyrenäen zu den Alpen und weiter vom Balkan bis in die Türkei verbinden. In weiten Teilen seines ehemaligen Verbreitungsgebietes fehlt der Bartgeier jedoch nach wie vor. Zudem sind die aktuellen Bestände vielerorts noch nicht selbsttragend. Ein umfassendes Monitoring und insbesondere auch eine gute Überwachung der Todesursachen sind deshalb für deren Schutz von grösster Bedeutung. Dies ist die Voraussetzung, damit der Bartgeier sein ehemaliges Verbreitungsgebiet in Europa wieder dauerhaft besiedeln kann. Der Alpenraum, einer der grössten Gebirgszüge Europas, stellt für den Bartgeier einen sehr guten und grossen Lebensraum dar und spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Ein Segler über den Gebirgen Europas Bartgeier sind perfekt an ihren Lebensraum im Hochgebirge angepasst. Sie sind exzellente Segler mit einer Spannweite von rund 2.80 Metern und einem für ihre Grösse geringen Gewicht von nur 5-7 kg. Abgebildet ist ein erwachsener Bartgeier mit rostrot eingefärbtem Gefieder. Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) ist ein ausgezeichneter Segler und besiedelte einst die meisten Gebirgsregionen Europas, Asiens und Afrikas. In Europa und im Mittelmeerraum reichte die Verbreitung von Nordafrika über Spanien, die Pyrenäen, das französische Zentralmassiv, die Alpen, den Apennin, den Balkan über Griechenland bis in die Türkei. Auch die Mittelmeerinseln Korsika, Sardinien, Kreta und Sizilien gehören zum ursprünglichen Verbreitungsgebiet, wobei der Bartgeier auf Korsika und Kreta nie gänzlich verschwunden ist. Ausserhalb Europas sind die grossen Gebirge Zen- Bild Titelseite: Portrait eines adulten Bartgeiers Die Fotos in diesem Arkel stammen von Hansruedi Weyrich – weyrichfoto.ch 2 Fauna Focus tralasiens und der Himalaya wichtige Verbreitungsgebiete des Bartgeiers. Eine zweite Unterart, Gypaetus barbatus meridionalis, lebt südlich der Sahara in den Bergregionen Süd- und Ostafrikas. Wie für Geier typisch, ernähren sich Bartgeier von Aas. Als Besonderheit verwerten sie hauptsächlich die Knochen verendeter Tiere, die sie dank spezieller Anpassungen in grossen Stücken schlucken und verdauen können. Dabei sind sie auf gute Huftierbestände in offenen Landschaften angewiesen, wo sie im tiefen Gleitflug grosse Flächen nach Nahrung absuchen. Bartgeier werden erst mit fünf Jahren geschlechtsreif und brüten meist erst mit acht Jahren erfolgreich. Die Horste befinden sich in steilen Felswänden. Bartgeier ziehen maximal ein Junges pro Jahr auf, im Durchschnitt gelingt die Aufzucht nur in zwei von drei Jahren. Diese langsame Fortpflanzung erfordert eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit der Altvögel, um die Population zu erhalten. Das Verschwinden der Bartgeier im Alpenraum Noch im 18. Jahrhundert war der charismatische Bartgeier einer der Charaktervögel des gesamten Alpenbogens. Seine schiere Grösse und seine imposante Erscheinung haben die Menschen schon immer beeindruckt und zu allerlei Spekulationen Anlass gegeben. Er wurde als Lämmergeier bezeichnet, der Lämmer und sogar kleine Kinder erbeutet. Diese Fehleinschätzung wurde dem Bartgeier zum Verhängnis. Für damalige Verhältnisse sehr attraktive Abschussprämien und das Aufkommen moderner Jagdwaffen führten bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem raschen und nachhaltigen Einbruch der Bestände. Der letzte fotografisch belegte Abschuss in den Alpen fand 1913 im italienischen Aostatal statt. Dieses Ereignis markiert die Ausrottung des Bartgeiers im Alpenraum. Noch im 18. Jahrhundert war der charismasche Bartgeier einer der Charaktervögel des gesamten Alpenbogens. Wiederansiedlung auf Basis eines Zuchtprogramms Während in anderen Regionen Europas die Bestände weiter stark zurückgingen, startete nach einer langen Vorbereitungsphase 1978 ein internationales Projekt zur Wiederansiedlung der Bartgeier in den Alpen. Zum Schutz bestehender Populationen wurde dabei der Grundsatz festgelegt, dass für die Wiederansiedlung keine Tiere aus anderen Populationen entnommen werden sollen. Es wurde ein internationales Zuchtprogramm mit bereits in Gefangenschaft lebenden Bartgeiern aufgebaut, deren Nachkommen als Jungtiere ausgewildert werden sollten. Dieses Zuchtprogramm, das ein Wilder Schweiz 3 Vorbild zu vielen anderen Erhaltungszuchtprogrammen wurde (s. Fauna Focus «Bartgeier 34 2017»), ist auch heute noch die Basis für die inzwischen an verschiedenen Orten Europas laufenden Wiederansiedlungsprojekte. Die erste Auswilderung von Jungtieren aus diesem Zuchtprogramm erfolgte 1986 im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern. Es folgten 1987 die ersten Auswilderungen in Hochsavoyen (F), 1991 im Schweizerischen Nationalpark und 1993 in den Südalpen (Nationalparks Mercantour (F) und Alpi Marittime (I)). Dank der seither jährlich durchgeführten Auswilderungen wurden bis heute 260 junge Bartgeier im Alpenraum ausgewildert (Stand Oktober 2024), davon 56 in der Schweiz, wo das Projekt von der Stiftung Pro Bartgeier koordiniert und durchgeführt wird (s. www.bartgeier.ch). Cierzo wurde 2016 in der MelchseeFru ausgewildert. Umfassendes Monitoring soll Erfolg sichern Gemäss den Wiederansiedlungsrichtlinien der IUCN muss jedes Wiederansiedlungsprogramm von einem umfassenden und wissenschaftlich aussagekräftigen Monitoring begleitet werden. Mit Hilfe von Markierungsmethoden, die für den Bartgeier geeignet sind, kann sichergestellt werden, dass die Bartgeier möglichst ihr ganzes Leben lang individuell überwacht werden können. So kann der Erfolg des Wiederansiedlungsprogramms gemessen und mögliche Risiken und Misserfolge frühzeitig erkannt werden. Die IBM (International Bearded Vulture Monitoring) koordiniert diese Markierungs- und Überwachungsmethoden und verwaltet auch die IBM-Datenbank, in der alle Daten der Bartgeier gespeichert werden. Das internationale Netzwerk besteht aus Institutionen, die sich aktiv mit dem Monitoring und dem Schutz der Bartgeier in Europa beschäftigen und Expert:innen, die lokal die Überwachung ausführen. 4 Fauna Focus All diese Informationen, welche in der IBM Datenbank gespeichert sind, stehen der Wissenschaft zur Verfügung. Dabei stützt sich das Bartgeier-Monitoring im Wesentlichen auf folgende Methoden: Sichtmarkierungen: Jedem ausgewilderten Bartgeier werden einige Flügel- und oftmals auch Stossfedern gebleicht, was eine Wiedererkennung im Flug, zumindest vor der ersten Mauser, während etwa zwei Jahren, erlaubt. Fussringe: Beständige Fussringe ermöglichen eine lebenslange Identifikation. Die Ringe aus Aluminium weisen verschiedene Farben und oder einen Code aus Buchstaben und Zahlen auf. GPS-Logger: Diese liefern detaillierte Informationen zu den Bewegungen der markierten Individuen und übermitteln ihre Daten dank Solarpanels während bis zu zehn Jahren. Genetische Fingerabdrücke: Von allen ausgewilderten und vielen im Freiland geschlüpf- ten Bartgeiern wird ein genetischer Fingerabdruck erstellt. Dieses Monitoring ermöglicht es, detaillierte Stammbäume zu erstellen. Spezialisierte Beobachter:innen: Regionalkoordinator:innen und ihre Helfer:innen registrieren die Bildung und den Bruterfolg von Brutpaaren. Internationaler Bartgeier-Beobachtungstag: Jeden Herbst werden mithilfe von Freiwilligen möglichst viele Bartgeierbeobachtungen von fixen, im ganzen Alpenraum verteilten Posten aus gesammelt und ausgewertet. Hilfe beim Bartgeier-Monitoring Das Geier-Monitoring ist auf die Mithilfe von Ornitholog:innen angewiesen. Bie teilen Sie uns ihre Beobachtung auf www.bartgeier.ch/meldung oder www.ornitho.ch mit. Paradiso wurde 2024 in der Melchsee-Fru ausgewildert. Gut zu sehen sind die gebleichten Federn im rechten Flügel. In der Mie des Rückens sitzt der solarbetriebene GPS-Logger. Überwachung der Todesursachen: Ein zentrales Element für den Schutz Hohe Überlebensraten sind eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich Bartgeier wieder dauerhaft in einem Gebiet ansiedeln können. Die sorgfältige Erfassung der Todesursachen ist daher von besonderer Bedeutung. Wir schätzen, dass nur knapp 30 der toten Bartgeier gefunden werden. Die Markierung mit GPS-Loggern kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, tote oder verletzte Bartgeier zu finden. Je schneller ein toter Bartgeier gefunden wird, desto grösser ist die Chance, dass die Todesursache geklärt werden kann. Wilder Schweiz 5 Mehr als ein Drittel (38 %) der gefundenen Bartgeier im Alpenraum starben bisher an menschbedingten Ursachen. Dazu gehören Kollisionen mit Transportkabeln, Stromschläge an Stromleitungen oder -masten, Kollisionen mit Windkraftanlagen, Bleivergiftungen sowie Abschüsse und Vergiftungen durch Giftköder. In der ersten Projektphase wurden offensichtliche Fälle, z.B. ein Tier, das unter einer Stromleitung gefunden wurde, nicht weiter untersucht. Gerade bei solchen Unfällen können aber auch andere Faktoren eine gewichtige Rolle spielen. So kann eine Bleivergiftung das Gleichgewicht und die Motorik beeinträchtigen und zu einem Unfall führen. Solche Vergiftungen kommen immer wieder vor, wenn Bartgeier Reste bleihaltiger Jagdmunition mit der Nahrung aufnehmen. Deshalb ist es wichtig, alle aufgefundenen Tiere umfassend zu untersuchen. Es sind mehrere Fälle bekannt, in denen verschiedene Ursachen zur Schwächung von Bartgeiern beigetragen haben. So starb in Österreich der Bartgeier Nicola an einer akuten Bleivergiftung. Röntgenaufnahmen zeigten, dass dieses Tier zweimal in seinem Leben beschossen wurde, aber beide Vorfälle überlebte. Die zeitliche Verteilung der Todesursachen lässt vermuten, dass die Wilderei im Laufe des Wiederansiedlungsprojektes seltener geworden ist. Auch die Häufigkeit von Bleivergiftungen scheint abzunehmen. Insbesondere in der Schweiz gehen Jagdbehörden und Jagdverbände dieses Problem aktiv an, und es wird vermehrt bleifreie Kugelmunition verwendet. Weltweit stellen verschiedene Arten von Vergiftungen die grösste Gefahr für Geier dar. So gelangten in den 1990er Jahren über die Kadaver behandelter Nutztiere Rückstände entzündungshemmender Medikamente in die Nahrung der Geier, die bereits in geringen Dosen tödlich wirken. Dies hat die Geier vor allem in Asien an den Rand der Ausrottung oder ganz zum Verschwinden gebracht. Giftköder werden in vielen Regionen illegal eingesetzt, um Beutegreifer zu dezimieren. Geier sind dabei nicht das Ziel, aber oft in grosser Zahl betroffen. Glücklicherweise sind in den Alpen bisher nur wenige Vergiftungsfälle bekannt geworden. Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen ist daher, dass das illegale Auslegen von Giftködern bisher kaum vorkommt und diese fatale und tierquälerische Praxis auch in Zukunft keine Verbreitung findet. Um den langfristigen Erfolg der Bartgeier-Wiederansiedlung auch über unser Wiederansiedlungsprojekt hinaus zu sichern, ist ein sorgfältiges Monitoring der vom Menschen verursachten Risikofaktoren unerlässlich. Die überregionale Erfassung dieser Risiken, die Ableitung und Umsetzung sinnvoller Schutzmassnahmen sowie die konsequente Strafverfolgung von Wildtierkriminalität sind zentrale Anliegen der Stiftung Pro Bartgeier. Sung Pro Bartgeier In der Schweiz wird das Wiederansiedlungsprojekt von der Sung Pro Bartgeier koordiniert und gemeinsam mit verschiedenen Partnern durchgeführt. Die Sung mit Sitz in Zernez finanziert ihre Tägkeit weitgehend durch Beiträge von natur- und artenschutzorienerten Sungen und durch Spendenbeiträge von Privaten. www.bartgeier.ch Ein erwachsener Bartgeier umfliegt Stromleitungen. Kollisionen mit Infrastrukturen der Energieversorgung und des Transports gehören zu den wichgsten menschbedingten Todesursachen. 6 Fauna Focus Wildbruten Es dauerte elf Jahre, bis nach der ersten Auswilderung im Alpenraum auch die erste Wildbrut gelang. 1997 flog der erste wild geschlüpfte Bartgeier in Hochsavoyen (F) aus. Seither siedeln sich fast jedes Jahr neue Brutpaare an und die Zahl der flüggen Junggeier steigt exponentiell. Bis heute sind 522 Bartgeier in über 80 Brutrevieren flügge geworden (Stand Oktober 2024). Die Auswilderung von zwei bis drei Junggeiern pro Jahr und Standort reichte aus, um mehrere Populationskerne aufzubauen. Die Zahl der flüggen Junggeier in den Alpen steigt exponenell. Im Bild ein Junger. Anzahl ausgewilderte (dunkelblau) und in Naturhorsten ausgeflogene (grün) Bartgeier pro Jahr in den gesamten Alpen. Kurz vor dem Ziel? Das Wiederansiedlungsprojekt im Alpenraum erfordert einen langen Atem und läuft seit nunmehr 38 Jahren. In vielen Regionen können Bartgeier regelmässig beobachtet werden und in Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich ist der Bartgeier als Brutvogel wieder heimisch. Besonders erfreulich ist, dass die Bartgeier in den Alpen nicht, wie in an- deren Regionen, auf Futterplätze angewiesen sind, um sie vor Giftködern zu schützen oder dafür zu sorgen, dass sie ausreichend Nahrung finden. Vielmehr sind die heute hohen Bestände an wildlebenden Huftieren, die es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Alpen kaum noch gab, ein wichtiger Erfolgsfaktor. Dies ist das Ergebnis früherer Schutzbemühun- Wilder Schweiz 7 gen und – wie beim Steinbock – früherer Wiederansiedlungsprojekte. Eine aktuelle Studie zum demografischen Zustand der Bartgeierpopulation in den Alpen zeigt, dass die Überlebens- und Reproduktionsraten im Alpenbestand sehr hoch sind und die Population insgesamt selbsttragend ist. Das bedeutet, dass aus rein demographischer Sicht keine weiteren Auswilderungen notwendig wären. Zudem kann aufgrund dieser Entwicklung und dem noch kaum ausgefüllten Lebensraum mit einer Verdoppelung der Population innerhalb von zehn Jahren gerechnet werden. Sofern keine neuen Gefahren auf die Bartgeier zukommen, wird sich diese erfreuliche Wachstumskurve erst abflachen, wenn sich die Bestandesgrösse langsam der Kapazitätsgrenze ihres Lebensraums annähert. Die Studie zeigt aber auch, dass sowohl die Überlebensrate der adulten Bartgeier als auch die Produktivität der Brutpaare im zentralen Teil der Alpen deutlich höher ist als in der Peripherie des Alpenraums. Dies führte im Laufe der Zeit zu einem stärkeren Populationswachstum im Kerngebiet, insbesondere in der Schweiz und im angrenzenden Alpenraum. Nun ist es wichtig die Gründe für den schlechteren Verlauf des Projekts in den Randgebieten genau zu verstehen und auf dieser Grundlage wirksame Gegenmassnahmen zu ergreifen. Im Weiteren ist es unerlässlich, eine Population aufzubauen, die nicht nur aus demografischer, sondern auch populationsgenetischer Sicht langfristig überlebensfähig ist (siehe nächster Abschnitt). Weshalb bleiben Auswilderungen weiterhin wichg? Trotz aller Erfolge des Wiederansiedlungsprojektes bleibt ein grosses Problem bestehen: Die genetische Vielfalt der heutigen Population ist nach wie vor sehr gering, da viele der ausgewilderten Bartgeier miteinander verwandt sind. Deshalb wird diese Situation durch gezielte Auswilderun- gen von Individuen aus genetisch neuen und seltenen Linien verbessert. Diese genetisch sehr wichtigen Tiere werden im zentralen Teil der Alpen ausgewildert, wo die Wiederansiedlung besonders erfolgreich verläuft. Von 2010 bis 2014 fanden diese Auswilderungen im St. Galler Calfeisental statt Die Grösse des Bartgeiers und seine imposante Erscheinung haben die Menschen schon immer beeindruckt. 8 Fauna Focus Gefiederprobleme Eine Reihe ungewöhnlicher Beobachtungen flugunfähiger Bartgeier wir Fragen auf. Die Geschichte begann 2009, als in Hochsavoyen ein flugunfähiger Jungvogel entdeckt wurde. Eine genauere Untersuchung zeigte, dass die Federn nicht richg ausgebildet waren und keine geschlossenen Tragflächen entstanden. Dieses seltsame Phänomen wiederholte sich 2017 und 2018 bei einem weiteren Brutpaar in Hochsavoyen, dessen Jungvögel die gleichen Gefiederschäden entwickelten. Auch diese beiden Junggeier mussten eingefangen werden. Alle drei betroffenen Bartgeier wurden veterinärmedizinisch gründlich untersucht, wobei ausser dem schlecht ausgebildeten Gefieder nichts Auffälliges festgestellt wurde. Auch die nach der ersten Mauser nachgewachsenen Federn wiesen die idenschen Schäden auf. Die elektronenmikroskopischen Aufnahmen der deformierten Bartgeierfedern (siehe Bilder) zeigten eine tendenziell erhöhte Anzahl von Häkchen, die zudem überdreht sind. Dies verhindert ein korrektes Einhaken in die benachbarten Federteile. Bild des Gefieders eines flugunfähigen Individuums. Diese Federn haben keine tragfähigen Flächen ausgebildet. Foto: Asters Elektronenmikroskopische Aufnahme einer Feder eines betroffenen Individuums (rechts). Die Federhäkchen sind deformiert und können sich kaum mit den Federästen verzahnen. Foto: C. Kalberer, ETH und Universität Alle bisherigen Befunde weisen auf ein erblich bedingtes Problem hin. Darauf deuten auch die Analysen der Stammbäume der drei Jungere, die dank dem umfassenden Monitoring der alpinen Bartgeierpopulaon fast vollständig nachgezeichnet werden konnten. Es hat sich gezeigt, dass die Eltern der drei Junggeier näher miteinander verwandt sind und deren Jungere somit ingezüchtet sind. Der festgestellte Defekt des Gefieders scheint auf ein einziges Gründerer zurückzuführen zu sein, das wahrscheinlich eine fehlerhae Genkopie in die Populaon einbrachte: Es war Athos, ein sehr erfolgreiches Männchen, von dem über 300 Individuen abstammen. Dies deutet darauf hin, dass derzeit ein beträchtlicher Teil der Populaon die Kopie eines defekten Gens trägt. Wenn verwandte Bartgeier, die von Athos abstammen, miteinander verpaart werden, steigt das Risiko, dass ihre Nachkommen zwei Kopien des defekten Gens tragen, sich die Deformaon damit ausprägt und flugunfähige Jungere entstehen. Ob sich diese Hypothese definiv bestägt, soll nun geklärt werden, indem wir die gesamte Erbinformaon (Genom) von verschiedenen betroffenen und nicht betroffenen Individuen untersuchen. Dies wird uns erlauben, das Ausmass des Problems genauer zu besmmen und Massnahmen zu evaluieren, die das Problem entschärfen könnten. und seit 2015 in der Nähe von Melchsee-Frutt (OW). Eine weitere Strategie zur Verbesserung der genetischen Vielfalt der Alpenpopulation besteht darin, diese mit der Pyrenäenpopulation zu verbinden und so einen genetischen Austausch zwischen den Bartgeierpopulationen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wurden durch Auswilderungen in den französischen Voralpen (Regionalpark Vercors und Baronnies, seit 2010) und im Zentralmassiv (seit 2012) sogenannte Trittsteinpopulationen geschaffen. Die bisherige Bilanz des Projekts ist je- doch durchzogen. Hohe Verluste im Zentralmassiv und die bisher geringen Erfolge bei der Etablierung von Brutpaaren zeigen auf, dass die Schaffung dieser genetischen Brücke nicht einfach ist. Bisher wissen wir nur von einem Bartgeier aus den Pyrenäen, der seit 2017 im französischen Nationalpark Mercantour mit einem ausgewilderten Bartgeier brütet. So bleiben weitere Anstrengungen zur Verbesserung der genetischen Diversität sehr wichtig. Dies umso mehr, als sich die Hinweise auf negative Auswirkungen der Verpaarung verwandter Bartgeier verdichten (siehe Kasten zu Gefiederproblemen). Wilder Schweiz 9 Bartgeier in Europa Vor der Ausrottung in den Alpen und anderen Regionen Europas waren Bartgeier in nahezu allen Gebirgsregionen anzutreffen. Genetische Untersuchungen an Museumspräparaten zeigten, dass die einzelnen Populationen miteinander verbunden waren. Im Folgenden werden diese kurz vorgestellt: dings sind die Bartgeier auf Kreta nur knapp dem Aussterben entgangen und Anfang der 2000er Jahre gab es nur noch vier kretische Brutpaare. Dank gezielter Projekte zur Reduzierung der direkten Verfolgung und der Vergiftungen gibt es heute wieder zehn Brutpaare und vier bis fünf Junggeier pro Jahr. Pyrenäen In den Pyrenäen hat die grösste ursprüngliche Bartgeierpopulation Europas überlebt. Im Jahr 1980 wurde der Bestand auf 30 Paare geschätzt. Dank des Schutzes, der Wiederansiedlung der Pyrenäen-Gämsen und der Einrichtung von Futterplätzen konnte sich die Bartgeierpopulation erholen und ausbreiten. Heute ist sie wieder über die gesamten Pyrenäen verteilt. Der Bestand wird auf etwa 160 Brutpaare und 1000 Individuen geschätzt. In den spanischen Zentralpyrenäen ist die Kapazitätsgrenze fast erreicht. Dies spiegelt sich auch in der geringen Fortpflanzungsrate in den Pyrenäen wider. Nur jedes dritte Paar kann erfolgreich einen Junggeier aufziehen. Im Vergleich dazu sind in den Alpen, wo bisher erst ein geringer Teil des Lebensraums besetzt ist, zwei von drei Brutpaaren erfolgreich. Andalusien Der letzte bestätigte Brutversuch des Bartgeiers in Andalusien fand 1983 statt. Ein einziger Vogel wurde noch 1986 beobachtet. Seit 2006 sind 96 Bartgeier ausgewildert worden. Trotz grosser Anstrengungen, Gefahren wie Abschüsse, Nestraub oder Vergiftungen zu minimieren, musste das Projekt einige Rückschläge hinnehmen. Dennoch konnte 2015 der Ausflug des ersten wildgeschlüpften Bartgeiers «Esperanza» gefeiert werden. Dieser Erfolg war nur dank den intensiven und stetigen Bemühungen der andalusischen Behörden zu erreichen. Dies machte auch möglich, dass im Jahr 2024 das Wiederansiedlungsprojekt auf eine zweite andalusische Region, die Sierra Nevada, ausgeweitet werden konnte. Korsika In den letzten 25 Jahren ist der Bestand auf Korsika rapide auf nur noch vier Brutpaare zurückgegangen, die in den letzten Jahren keine Jungvögel mehr aufziehen konnten. Diese dramatische Entwicklung ist einerseits auf den Rückgang der natürlichen Nahrungsquellen zurückzuführen. Zum anderen ist die genetische Vielfalt der Bartgeier sehr gering, was sich vermutlich aufgrund von Inzucht negativ auf die Population auswirkt. Seit 2016 werden junge Bartgeier aus dem europäischen Zuchtprogramm auf Korsika ausgewildert, um die Population zu stärken und neue genetische Vielfalt auf die Insel zu bringen. Zudem wird verstärkt an der Nahrungsverfügbarkeit für die Bartgeier gearbeitet, indem gezielt Futterplätze eingerichtet und MufÒons ausgewildert werden. Kreta Die Inselpopulation auf Kreta ist neben Korsika und den Pyrenäen eine der wenigen europäischen Populationen, die nicht ausgerottet wurden. Aller- 10 Fauna Focus Maestrazgo (E) und Grands Causses (F) Mit dem Ziel, die derzeit grössten Populationen miteinander zu verbinden, wurden 2012 (Frankreich) und 2018 (Spanien) Wiederansiedlungsprojekte zwischen den Pyrenäen und den Alpen sowie zwischen den Pyrenäen und Andalusien gestartet. So soll ein genetischer Austausch ermöglicht und letztendlich ein erster Teil der europäischen Metapopulation wiederhergestellt werden. In beiden Regionen gibt es derzeit noch keine erfolgreich brütenden Paare (Stand Oktober 2024). Balkan Die Balkanhalbinsel war ursprünglich von allen vier europäischen Geierarten besiedelt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, vor allem in der zweiten Hälfte, gingen die Bestände im Balkan rapide zurück. Im Jahr 2004 wurde der Bartgeier auf dem Festland in Griechenland ausgerottet, zwei Jahre später verschwand das letzte Individuum des Westbalkans. Erst in den 2000er Jahren wurden Projekte intensiviert, um die Gefährdung der Geier des Balkans verstärkt länderübergreifend anzugehen und Schutzmassnahmen umzusetzen. Die verbliebenen Populationen von Gänse- und Mönchsgeier wurden durch Auswilderungen gestärkt und sind auf dem Weg zur Erholung. Beim Schmutzgeier scheint es gelungen zu sein, den dramatischen Rückgang zu stoppen und die Population hat sich in den letzten Jahren stabilisiert. Nun steht bald die erste Auswilderung von Bartgeiern in Bulgarien an. Diese ist für das Jahr 2025 geplant. Nordafrika – Marokko und Tunesien Das Wissen über die ursprüngliche Verbreitung und Populationsgrösse des Bartgeiers in Nordafrika ist lückenhaft. In den nordafrikanischen Ländern Marokko und Tunesien sind die Bartgeier zwar noch nicht ausgestorben, aber über die Anzahl der Brutpaare und deren Bruterfolg ist wenig bekannt. Es ist davon auszugehen, dass es nur wenige sind. Hoffnung macht ein Bartgeier, der in Andalusien geschlüpft und mit einem GPS-Logger ausgestattet nach Marokko geflogen ist. Nach einigen Tagen kehrte er nach Spanien zurück. Dieses Individuum hat gezeigt, dass Nordafrika in Zukunft – wenn die dortigen Bedingungen für Bartgeier besser werden – von Andalusien her besiedelt werden könnte. Verbreitung der Bartgeier in Europa und dem angrenzenden Mielmeerraum. Grün sind Gebiete welche durchgehend besiedelt waren, grau Regionen, wo der Bartgeier ausgeroet wurde und rot wiederangesiedelte Populaon. Die Wiederansiedlungsregionen im Zentralmassiv und die Region Maestrazgo sind nicht abgebildet. Ebenso fehlt der Apennin, wo gemäss historischen Quellen noch im 16. Jh. Bartgeier heimisch waren. Grafik: The IUCN Red List of Threatened Species. Version 2024-1 Abschluss und Ausblick Die Alpen bieten dem Bartgeier mit ihren guten Huftierbeständen und grossen Freiflächen oberhalb der Baumgrenze ideale Bedingungen. Es ist daher besonders wichtig, in diesem besonders geeigneten Lebensraum eine starke, sich langfristig selbst erhaltende Bartgeierpopulation aufzubauen. Diese kann auch als Ausgangspunkt für weitere Besiedlungen anderer Regionen Europas dienen und eine zentrale Rolle innerhalb einer künftigen europäischen Metapopulation einnehmen. Es gilt daher, durch gezielte Auswilderungen von Bartgeiern, die genetische Vielfalt zu erhöhen und die Zunahme menschbedingter Todesursachen zu verhindern. Dazu gehört beispielsweise eine sorgfältige Planung neuer Energieinfrastrukturen wie Windkraftanlagen und Hochspannungsleitungen. Zudem sind die zunehmenden Freizeitaktivitäten in den Alpen so zu steuern, dass Bartgeier bei ihrem Brutgeschäft ausreichend geschützt bleiben. In der Schweiz ist die Wiederansiedlung des Bartgeiers bisher besonders erfolgreich verlaufen. Dabei waren die jahrzehntelange enge Zusammenarbeit der Stiftung Pro Bartgeier mit den vielen nationalen und internationalen Akteuren aus der Zoowelt, den Nationalparks und diverser Naturschutzorganisationen und staatlichen Institutionen sowie die internationale Abstimmung der Schutzbemühungen mit der Europäischen Vulture Conservation Foundation VCF zentrale Erfolgsfaktoren. Auch wenn die laufenden Schutzbemühungen weiterhin wichtig bleiben, stehen die Chancen gut, dass das Überleben der alpinen Population langfristig gesichert werden kann. Gleichzeitig sollte der Schutz des Bartgeiers in ganz Europa intensiviert werden. Denn die Wiederherstellung einer starken Metapopulation, die sich über das gesamte ehemalige Verbreitungsgebiet in Europa erstreckt, ist die beste Garantie für das langfristige Überleben dieser Art in einer sich ständig verändernden Welt. Wilder Schweiz 11 Literatur KALBERER C. (2023) Characterization of the silky feather phenotype in the European Bearded Vulture population. Masterthesis ETH Zürich. LOERCHER F., KELLER L. HEGGLIN D. (2013) Low genetic diversity of the reintroduced bearded vulture (Gypaetus barbatus) population in the Alps calls for further releases. 5th Symposium for Research in Protected Areas: 473 478. SCHAUB M., LOERCHER F., HEGGLIN D. ARLETTAZ R. (2024) Demographic assessment of reintroduced bearded vultures in the Alps: Success in the core, challenges in the periphery. Ecological Solutions and Evidence 5, e12347. Zu den Autor:innen Franziska Lörcher ist Biologin und hat ihre Masterarbeit in Populationsbiologie über die genetische Diversität der Bartgeier in den Alpen geschrieben. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Pro Bartgeier, ist verantwortlich für die Auswilderungen in der Schweiz und arbeitet für das Bartgeier-Monitoring mittels GPS-Daten, Sichtbeobachtungen und genetischer Daten. Hereihe Fauna Focus VIGNALI S., LÖRCHER F., HEGGLIN D., ARLETTAZ R. BRAUNISCH V. (2022) predictive flight-altitude model for avoiding future conflicts between an emblematic raptor and wind energy development in the Swiss Alps. R. Soc. Open Sci. 9: 211041. WEYRICH H., BAUMGARTNER H., LÖRCHER F. HEGGLIN D. (2021) Der Bartgeier. Seine erfolgreiche Wiederansiedlung in den Alpen. Haupt Verlag, Bern. Stiftung Pro Bartgeier: www.bartgeier.ch Vulture Conservation Foundation: www.4vultures.org International Bearded Vulture Monitoring Network: www.gyp-monitoring.com Daniel Hegglin ist Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier und Vizepräsident der europaweit tätigen Vulture Conservation Foundation. Der in Zürich ausgebildete Verhaltens- und Wildtierbiologe dissertierte zu Füchsen im Siedlungsraum und begleitet das Bartgeier-Wiederansiedlungsprojekt seit 1994 in verschiedenen Funktionen. Impressum Fauna Focus finanziert sich ausschliesslich über Abonnements, Spenden und Einzelverkäufe. Wem dieses Fachheft gefällt, darf es gerne finanziell oder als Autor unterstützen. Herausgeber: Wildtier Schweiz Winterthurerstrasse 92, CH–8006 Zürich Tel. 41 (0)44 635 61 31 www.wildtier.ch Erscheint: 4-mal jährlich, mit 8 Ausgaben Jahr Jahresabonnement: Print (inkl. PDF) CHF 74.– (Ausland: EUR 79.–), nur PDF CHF 54.– (EUR 54.–) Kündigungen: auf Ende eines Kalenderjahrs Redaktion: Claude Andrist und Benedikt Gehr Administration: Patrik Zolliker Layout: Claude Andrist Druck: Käser Druck AG, Stallikon Vereinsmitglieder von Wildtier Schweiz profitieren von 25 Vergünstigung auf das Fauna Focus Abo. Erhältlich auf: www.wildtier.ch/shop Copyright Dez. 2024 Bartgeier 96 2024