Arbeitsblatt: Fachheft zu Schmetterlingen

Material-Details

Fundiertes Fachheft, das sich beispielsweise für die Unterrichtsvorbereitung oder für Vorträge von Schüler:innen eignet. Von Bären, Eulen, Spinnern und Spannern Schmetterlinge sind Meister im Tarnen und Täuschen: Einige sehen aus wie unscheinbare, welke Blätter, borkige Rindenstücke oder kleine Zweige. Andere erscheinen als viel grösseres Tier, weil die bunte Zeichnung ihrer Flügel grosse Augen nachahmt, oder suggerieren durch ihre Färbung, sie seien giftig. Sie nehmen kaum Nahrung auf, wiegen oft kaum ein halbes Gramm und dennoch haben manche die Energie, tausende von Kilometern zu fliegen, von Nordafrika bis zum Polarkreis. Das Fachheft Fauna Focus bietet fundierte Inhalte zu Wildtier-Themen. Unsere Autor:innen vermitteln anschaulich, wie sich Wildtiere und Menschen den Lebensraum teilen. Sie beleuchten Hintergründe und Zusammenhänge und diskutieren kontroverse Fragen. Fauna Focus verbindet Wissenschaft mit Praxis und fördert den Informationsaustausch.
Biologie
Tiere
klassenübergreifend
12 Seiten

Statistik

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06.01.2026

Autor/in

Claude Andrist
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Fauna Focus Nr. 81 März 2023 Schmetterlinge Von Bären, Eulen, Spinnern und Spannern Sie wechseln dreimal im Leben ihre Gestalt, werden vom winzigen Ei zur Raupe, häufig prächtig gefärbt, dann zur unscheinbaren Puppe und letztlich zur Imago, dem „fertigen Falter, oft in vielen Farben schillernd. Schmetterlinge sind Meister im Tarnen und Täuschen: Einige sehen aus wie unscheinbare, welke Blätter, borkige Rindenstücke oder kleine Zweige. Andere erscheinen als viel grösseres Tier, weil die bunte Zeichnung ihrer Flügel grosse Augen nachahmt, oder suggerieren durch ihre Fär- bung, sie seien giftig. Sie nehmen kaum Nahrung auf, wiegen oft kaum ein halbes Gramm und dennoch haben manche die Energie, tausende von Kilometern zu fliegen, von Nordafrika bis zum Polarkreis. Im vorliegenden Artikel werden zunächst einige in der Schweiz vorkommende Arten vorgestellt, anschliessend Gefährdung und Schutz der Schmetterlinge geschildert, sowie die erkennbaren Gründe für den drastischen Artenrückgang und die Chancen, diesen aufzuhalten. Schmetterlinge weltweit und in der Schweiz In der Schweiz sind knapp 3700 Schmetterlingsarten ansässig oder saisonal zu Gast. Abgebildet sind ein Westlicher Scheckenfalter und ein Kleiner Esparsetten-Bläuling. Schmetterlinge haben zu allen Zeiten Denker, Dichter und Künstler fasziniert. Auch Wissenschaftler und Naturfreunde fühlen sich von den Faltern angezogen und bauten schon im 17. Jahrhundert bedeutende Sammlungen auf. Das Muséum dhistoire naturelle in Genf enthält mit über 50000 Exemplaren die umfangreichste Schmetterlingssammlung der Schweiz. Der grösste Bestand der Welt befindet sich mit rund zwölf Millionen Präparaten in der Zoologischen Staatssammlung in München. Schmetterlinge kommen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis vor. Mehr als 16000 Bild Titelseite: Skabiosen-Scheckenfalter 2 Fauna Focus Arten sind bekannt; jährlich werden einige hundert neu entdeckt. Die grösste Vielfalt findet man in den Tropen, nur wenige Falter lieben die Kälte oder sogar das Hochgebirge – im Himalaya leben Schmetterlinge in Höhen von mehr als 500 Metern. In Europa geht man derzeit von insgesamt rund 10600 Schmetterlingsarten aus, in Mitteleuropa dürften es etwa 400 sein. In der Schweiz sind knapp 3700 Arten ansässig oder saisonal zu Gast. Im Rahmen des Projekts «Biodiversitätsmonitoring Schweiz» (BDM) vom Bundesamt für Umwelt werden Tag- und Nachtfalter regelmässig erfasst. Gemäss dem 2019 publizierten Stand waren die Nachtfalter mit 3436 Arten vertreten, die Tagfalter mit 239, davon 10 Gäste aus dem Süden. Einige Tagfalterarten werden immer seltener; rund 35 Prozent, also über 80 Arten, gelten als bedroht – drei sogar als ausgestorben. Ein Grund hierfür ist der Verlust an geeigneten, oft sehr spe- ziellen Lebensräumen, unter anderem durch die zunehmende Bebauung und den damit einhergehenden Landschaftsverbrauch, die Entwässerung von Feuchtgebieten und nicht zuletzt durch die Intensivlandwirtschaft, die keinen Platz für natürliche Blumenwiesen und andere naturnahe Biotope lässt. Für die Nachtfalter kommt vor allem die Lichtverschmutzung durch die intensive, oft überflüssige und übertriebene Strassen- und Gebäude- beleuchtung hinzu; die Falter werden angelockt, zur Beute von Vögeln und Fledermäusen oder sterben durch unaufhörliches Um- und Anfliegen der Lichtquellen an Erschöpfung. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Klimaerwärmung: Sie verschlechtert die Bedingungen für Hochgebirgsarten. Immerhin bietet sie wärmeliebenden Arten neue Möglichkeiten. Lebensraum Hochgebirge Einige Tag- und Nachtfalter haben sich mit dem Hochgebirge ein scheinbar besonders unpassendes Habitat ausgesucht. Ein solcher Exzentriker ist beispielsweise der Matterhornbär (Chelis cervini). Dieser Nachtfalter aus der Unterfamilie der Bärenspinner gilt als Relikt der Eiszeit, die er auf den eisfreien, die Gletscher überragenden Felsen überlebte – und die er bis heute nicht verlassen hat. Erst im Jahre 1863 wurde der Matterhornbärenspinner, wie er auch genannt wird, am Gornergrat entdeckt und es vergingen weitere 50 Jahre, bis man ihn auch ausserhalb des Wallis sowie in Frankreich und Österreich fand. Er erreicht eine Flügelspannwei- te von etwa dreissig Millimetern und besiedelt in verstreuten, voneinander getrennten Populationen ausschliesslich wenige hochalpine Regionen. Dabei bevorzugt er steinige, oft mit Schieferplatten bedeckte Lebensräume in Lagen zwischen 2600 und 3200 Metern, die extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Zur gleichen Unterfamilie der Nachtfalter gehört der Gelbe Bär oder Engadiner Bär (Arctia flavia), der ähnliche, nicht ganz so hoch gelegene Lebensräume bewohnt. Der Gletscherfalter (Oeneis glacialis) hingegen ist ein Tagfalter aus der grossen Familie der Edelfalter (Nymphalidae). Mit maximal 58 Millimetern Flügelspannweite ist er fast doppelt so gross Der bevorzugte Lebensraum des Gletscherfalters sind felsdurchsetzte Alpweiden oberhalb der Baumgrenze. Wildtier Schweiz 3 wie der Matterhornbär und lebt ebenfalls nur im Alpenraum, oberhalb der Baumgrenze in Höhen zwischen 1200 und 300 Metern. In manchen Gebieten ist er häufig, wegen seiner zweijährigen Entwicklungszeit jedoch meist nur jedes zweite Jahr anzutreffen. Bevorzugter Lebensraum sind Geröllhalden und felsdurchsetzte Alpweiden, über die er in niedrigem Flug gleitet und sich gern auf sonnenbeschienenen Felsen ausruht. Über der Baumgrenze findet man auch die Kleinen Mohrenfalter (Erebia melampus), die Wiesen und Matten bevorzugen und die kahlen Felsregionen meiden. Im Jahr 2013 hat das Entomologische Institut der „Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung die Überlebensstrategie der verwandten Art Erebia nivalis untersucht. Dabei fand man heraus, dass die Falter, welche nur in Höhen über 200 Metern leben, als „spezialisierte Opportunisten ihren Lebenszyklus an die außergewöhnlich harten Bedingungen des Hochgebirges angepasst haben. Die kleinen Falter legen ungewöhnlich weite Strecken zurück, um bestimmte Nahrungspflanzen zu finden. Diese wählen sie dann einzeln sehr genau aus, offenbar nach Farbe und Grösse der Blüte. Der Rhythmus des Schlüpfens hat die Forschenden besonders erstaunt, denn sie passen sich in bisher unbekannter Weise den extremen Wetterbedingungen an. Es schlüpfen nicht, wie bei den meisten anderen Schmetterlingsarten, zuerst alle Männchen und dann, ein paar Tage danach, die Weibchen. Denn dabei könnten bei den im Gebirge häufigen, plötzlichen Temperaturstürzen sämtliche Männchen erfrieren, bevor sie die später schlüpfenden Weibchen befruchten können, und die Population würde aussterben. Die Erebia nivalis-Männchen schlüpfen «gestaffelt»: Eine „zweite Runde schlüpft zeitgleich mit den Weibchen, und entgeht damit der Gefahr des Erfrierens vor der Begattung. Ein weiterer Gebirgsschmetterling ist der Hochalpen-Apollofalter (Parnassius phoebus), der fast im gesamten Alpenraum von Frankreich bis zur Steiermark in Höhenlagen bis zu 2800 Metern vorkommt. In den deutschen Alpen ist er selten und vom Aussterben bedroht, in den Nördlichen und Südlichen Kalkalpen ist er gar nicht anzutreffen. Der Falter bevorzugt wegen bestimmter Raupennahrungspflanzen sumpfige Stellen, Quellgebiete und die Nähe von Gebirgsbächen. Die verwandten Arten, der Schwarze Apollo (Parnassius mnemosyne) und der Rote Apollo (Parnassius apollo) leben ebenfalls in Lagen zwischen 100 und 200 Metern. Sie sind zwar von Mittel- und Südeuropa bis nach Zentralasien verbreitet, sind aber sehr selten geworden. Parnassius mnemosyne zeigt bei Gefahr ein aussergewöhnliches Verhalten: Er lässt sich einfach wie ein welkes Blatt zu Boden fallen. Der Schwarze und der Rote Apollo sind zwar weit verbreitet, aber trotzdem sehr selten geworden. 4 Fauna Focus Wanderer und andere Rekordhalter Der Schwalbenschwanz verdankt seinen Namen den schwarzen Schwänzchen an den Hinterflügeln. Der grösste Schmetterling Europas, das Grosse Nachtpfauenauge (Saturnia pyri) ist in den Südtälern Graubündens, seltener auch im Wallis und im Tessin zu finden. Die Flügelspannweite des Nachtfalters aus der Familie der Pfauenspinner beträgt bis zu 160 Millimetern, so dass er oft mit Fledermäusen verwechselt wird. Zu den grössten Tagfaltern gehört der Schwalbenschwanz (Papilio machaon). Seinen Namen verdankt er den schwarzen Schwänzchen an den Hinterflügeln, auf den Vorderflügeln zeigt er ein rotes Auge. Seine Spannweite beträgt 50 bis 75 Millimeter. Ähnlich gross ist der Admiral (Vanessa atalanta), der sich von Juni bis Oktober in der Schweiz aufhält. Beide Arten sind in Höhenlagen bis über 200 Meter zu finden. Der kleinste Schmetterling der Schweiz gehört zur Familie der Miniermotten, trägt den Namen Trifurcula ridiculosa und hat eine Flügelspannweite von maximal 4.4 Millimetern. Nicht viel grösser ist Micropterix allionella, oft zahlreich auftretend und den Urmotten, der „primitivsten Unterordnung der Schmetterlinge, zugehörig. Ein Admiral auf dem Herbstzug Richtung Süden. Wildtier Schweiz 5 Einige heimische Arten legen als Saison- oder Binnenwanderflieger mehr oder weniger weite Strecken zurück. Zu diesen Wanderfaltern gehören der Admiral, der Distelfalter (Vanessa cardui), der Russische Bär (Euplagia quadripunctaria), die Gammaeule (Autographa gamma), der Kleine Kohlweissling (Pieris rapae), der Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) und das an einen winzigen Kolibri erinnernde Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum). Besonders vom Distelfalter, der im Laufe eines Jahres zwei oder mehr Generationen hervorbringen kann, sind extreme Zugbe- wegungen bekannt: Die durchschnittliche jährliche Flugstrecke wird auf 1500 Kilometer geschätzt. Der Flug erfolgt meist in Höhenlagen von 100 Metern. Die Falter nutzen vermutlich gezielt bestimmte Luftströmungen. Es wurden Schwärme von 6000 Faltern beobachtet und im Herbst 2009 haben geschätzte 26 Millionen Distelfalter den Ärmelkanal in Richtung Süden überquert. Der Klimawandel hat jedoch – wie auch bei Zugvögeln zu beobachten – die Flugaktivitäten aller Wanderfalter stark vermindert und örtlich zum Erliegen gebracht. Auch der Russische Bär und der Distelfalter gehören zu den Wanderfaltern. Neuentdeckte, (Irr)gäste und Eingeschleppte Weltweit werden jährlich mehrere hundert Schmetterlingsarten neu entdeckt. Ein Beispiel aus der Schweiz ist der Alpenrosen-Minierfalter (Lyonetia ledi), der erst im Sommer 2021 bei Ardez GR nachgewiesen wurde. Es darf aber vermutet werden, dass Lyonetia ledi ein bisher übersehenes Relikt der Eiszeit ist und somit schon länger in der Schweiz vorkommen könnte. Die Art, die ansonsten in Nordeuropa, Nordasien und Nordamerika vorkommt und dort vorzugsweise eine zu den Rhododendren gehörende Pflanze namens Sumpfporst bewohnt, wird ausserhalb der Schweiz Sumpfporst-Minierfalter genannt. In der Schweiz lebt die Art, mangels dieser Wirtspflanze, in Alpenrosen. Diese Lebensraumwahl überrascht, da die Alpenrosen Giftstoffe enthalten und darum von 6 Fauna Focus Faltern gemieden werden. Es bleibt noch vieles zu erforschen. Der Kardinal (Argynnis pandora) hingegen ist ein Falter, der erst seit neuerem in der Schweiz heimisch ist. Die Art hat sich in den letzten Jahren zumindest im Wallis etabliert und wird von den Experten nun als einheimisch angesehen. Dabei galt die Art noch bis vor kurzem lediglich als Gast aus dem Süden, der nur in den Sommermonaten in die Schweiz einfliegt. Ebenfalls in den letzten Jahren in der Schweiz etwas häufiger zu sehen ist der Grosse Wanderbläuling (Lampides boeticus), ein von Südeuropa über Afrika und Südostasien bis nach Australien vorkommender Tagfalter, der gelegentlich auch in Deutschland und sogar auf den Britischen Inseln erscheint. Noch sehr selten hingegen ist der Kleine Wanderbläuling (Leptotes pirithous), der nördlich des Mittelmeerraumes nur gelegentlich, in grossen zeitlichen Abständen auftaucht. Ganz vereinzelt wurde auch der Mittelmeer-Zitronenfalter (Gonepteryx cleopatra) in der Südwestschweiz gesichtet. Weiter zu nennen unter den Neulingen ist auch der Pelargonien-Bläuling (Cacyreus marshalli), der mit Blumenimporten aus Südafrika eingeschleppt wurde, sich über Südeuropa ausgebreitet hat und vereinzelt auch schon weiter nördlich beobachtet wurde. Schädlinge in Land- und Forstwirtschaft Bestandsentwicklungen bei Schmetterlingen sind zwar nur grob zu schätzen, dennoch geht man von einem Rückgang von über achtzig Prozent in den letzten fünf bis sechs Jahrzehnten aus. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben. Ein Grund dafür ist sicherlich der weit verbreitete Einsatz von Pestiziden. Gewisse Schmetterlingsarten können tatsächlich Schäden verursachen und werden dementspre- chend auch mit Pestiziden bekämpft. Bei einigen Faltern kommt es im Raupenstadium zwischenzeitlich zur Massenvermehrung. Die vielen Raupen können dann in den Wäldern, in der Landwirtschaft sowie im Obst- und Gartenbau beträchtliche Schäden anrichten. Vor allem die Eichen- und Kiefernprozessionsspinner gelten als besonders gefährliche Forstschädlinge. Zudem können die Raupenhaare dieser Arten schwere Hautentzündungen hervorrufen. In Fichtenkulturen ist die Nonne sehr Schmetterlinge werden als wichtige Bioindikatoren angesehen, die den Zustand der Pflanzenwelt anzeigen. Abgebildet sind ein Landkärtchen und ein Hornklee-Glasflügler. Wildtier Schweiz 7 gefürchtet, in Kiefernwäldern sind es die Kieferneule, die Kiefernsaateule und der Kiefernspanner. In den Gärten richten vor allem die Kohlweisslinge viele Schäden an, aber auch Kohleule und Saateule tragen dazu bei. Im Obstanbau können auch Goldafter, Ringelspinner und Frostspanner die Ernte erheblich vermindern. Leider sind Pestizide selten so spezifisch, dass sie nur die Schädlinge dezimieren. So gehen auch die Bestände der vielen unschädlichen Schmetterlingsarten zurück, wenn Pestizide gegen schädliche Schmetterlinge – oder auch ganz andere schädliche Insekten – eingesetzt werden. Pestizide dezimieren auch unschädliche Arten. Im Bild ein Kleiner Weinschwärmer. Unbeliebte Siedlungsgebiete Ein weiterer Grund für den drastischen Artenrückgang ist die Zersiedelung, wie eine Publikation eines internationalen Wissenschaftlerteams des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig zeigt. Die Wissenschaftler:innen werteten über 90000 Daten der Global Biodiversity Information Facility (GBIF) aus dem Zeitraum 2010 bis 2020 für 158 europäische Schmetterlingsarten aus. Dabei ergab sich ein ebenso deutlicher wie Besorgnis erregender Trend über den gesamten Kontinent hinweg: Siedlungen werden demnach nur von 25 Arten angenommen. Am häufigsten fand man den C-Falter, gefolgt vom Ulmen- und Birken-Zipfelfalter und vom Kohlweissling. Fast nicht in Städten zu finden waren der Kleine Maivogel, der Dickkopffalter Muschampia proto und Hipparchia fidia aus der Familie der Augenfalter, um jeweils nur die drei „Gewinner und „Verlierer zu nennen. Die bessere Anpassung an urbane Lebensräume zeigten Arten, die sich vielseitig ernähren, viel fliegen, sich jährlich mehrfach fortpflanzen und die durch Bebauung bedingten, grösseren Temperaturschwankungen gut verkraften. Nahrungsspezialisten hingegen, die ganz bestimmte klimatische Verhältnisse benötigen, finden in Städten keinen Lebensraum mehr. Fehlen in den Städten artenreiche Wiesenflächen und Blühstreifen, geraten die Schmetterlinge und andere Insekten immer stärker unter Druck. 8 Fauna Focus Der C-Falter ist einer der wenigen Schmetterlinge, die in Siedlungsgebieten häufig vorkommen. Gefährliche Rotoren Auch Windkraftanlagen sind für Schmetterlinge, besonders für die «Vielflieger», wie den Distelfalter, eine tödliche Gefahr. Viele Wissenschaftler sehen das zwar nicht so dramatisch, weil Schmetterlinge zu den „r-Strategen gehören; das sind Arten, die wegen der hohen natürlichen Verluste hunderte, ja tausende von Nachkommen produ- zieren und so den Erhalt der Art sichern. Es mutet dennoch merkwürdig an, dass, verglichen mit dem Insektenschwund durch Lebensraumverlust, das Insektensterben durch Windkraftanlagen – weltweit immerhin über tausend Tonnen Fluginsekten jährlich – als fast bedeutungslos gilt. Nützlich und einfach schön Schmetterlinge sind den Menschen auch nützlich: Sie haben eine wichtige Rolle als Pflanzenbestäuber, für einige Pflanzen sind sie sogar die alleinigen Bestäuber. Schmetterlinge werden auch als wichtige Bioindikatoren angesehen, die den Zustand der Pflanzenwelt und damit der Natur insgesamt anzeigen. Weiter dienen sie Vögeln und Fledermäusen als Nahrung. Neben diesem praktischen Nutzen haben Schmetterlinge auch einen ideellen Wert. Millionen von Menschen erfreuen sich an schönen Landschaften von den Meeresküsten bis ins Gebirge, stehen ergriffen vor mächtigen Baudenkmälern und faszinierenden Kunstwerken in den Museen, lauschen der Musik grosser Komponisten und Interpreten, vertiefen sich in die Welten der Literatur. Dies zeigt, dass es jenseits des „praktischen Nutzens noch andere Dinge gibt, die das Leben lebenswert machen – und dazu gehört unbedingt die Natur mit ihren Bäumen und Blumen, den grossen und kleinen Tieren, und nicht zuletzt den Schmetterlingen. Schmetterlinge haben eine wichtige Rolle als Pflanzenbestäuber. Abgebildet sind zwei Rote WürfelDickkopffalter. Wildtier Schweiz 9 Was können (fast) alle für Schmetterlinge tun? Wer in seinem Garten auf den Einsatz von chemischen Mitteln verzichtet und etwas Wildwuchs duldet, gibt den bunten Sommervögeln einen kleinen, aber wertvollen Lebensraum. Es hilft schon sehr, ein Rasenstück in eine Blumenwiese zu verwandeln. Buntblühende Wildkräuter benötigen meist nährstoffarme Böden. Darum gilt es zunächst, den Boden mit Sand und Kies zu versetzen und dann nach etwa zwei Wochen ein spezielles Blumenwiesensaatgut einzubringen. Das Ganze muss dann gefestigt, bestenfalls gewalzt und bis zu sechs Wochen feucht gehalten werden. Nur höchstens zweimal jährlich wird solch eine Blumenwiese mit Sense oder Sichel geschnitten. Auch kleinere Teilflächen, Randbereiche oder -streifen des Gartens können so schon für mehr Vielfalt an Schmetterlingen hergerichtet werden. Als Nahrung kann man Schmetterlingen Schälchen mit Honig, Zucker und einer Prise Salz, in wässeriger Lösung, anbieten. Aber viel besser sind natürliche Nektar-Anbieter wie Taubenskabiose, Nachtkerze, Wiesenflockenblume, Johanniskraut oder Rote Lichtnelke. Unter den exotischen Zierpflanzen sind zum Beispiel Zinnie, Phlox oder Kapuzinerkresse besonders beliebt. Schmetterlinge legen ihre Eier natürlicherweise eher auf einheimische Gewächse, darum sollten, statt exotische Gewächse, bevorzugt einheimische Bäume, Hecken und Stauden im Garten gepflanzt werden. «Unkräuter» wie Distel, Brennnessel, Sauerampfer, oder Weidenröschen bieten dem Tagpfauenauge, dem Kleinen Fuchs und dem Distelfalter Lebensraum im Garten. Wilder Majoran, Heidenelke, Blut- und Gilbweiderich sowie Wasserdost sind weitere Nahrungspflanzen für viele Falter. Ein kleiner Gartenteich oder eine Trockenmauer können das Lebensraum-Angebot für die Schmetterlinge erweitern. Wer viele Schmetterlingsarten wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs oder Admiral vom Ei bis zum Falter beobachten möchte, kann sich einen sogenannten „Brennnesselhorst anlegen. Dafür können einige Brennnesseln aus der Wildnis ausgegraben und in den eigenen Garten umgepflanzt werden. Raupe, Puppe und Falter des Kleinen Fuchses 10 Fauna Focus Teilweise sind Erfolge des Schmetterlingsschutzes bereits zu erkennen, doch vielerorts hat noch kein Umdenken stattgefunden. Oben links: Baum-Weissling, oben rechts: Aurorafalter, unten links: Nagelfleck, unten rechts: Kleines Nachtpfauenauge. Es gibt noch sehr viel zu tun Es muss eine vordringliche Aufgabe sein, die Artenvielfalt zu erhalten – und das haben auch schon viele Menschen erkannt. Einzelpersonen, Gruppen und Verbände, unterstützt und gefördert durch die Behörden, erschaffen und erhalten Lebensräume, Blühstreifen, Biotope mit insektenfreundlichen Pflanzen, ökologisch wertvolles Ödland sowie naturnahe Wasserflächen. Erfolge sind bereits zu erkennen. Aber es gibt noch sehr viel zu tun, denn vielerorts hat das Umdenken leider noch nicht stattgefunden: So sieht man heute noch grossflächig und fast ebenerdig abrasierte Strassenböschungen mit gekappten Sträuchern und Büschen, Ackerflächen, die bis zum letzten Randzentimeter umgepflügt sind, oder Wiesen, die viel zu früh und viel zu oft gemäht werden. Unter diesen Umständen kann keine Blume mehr hochkommen, die den Insekten als Nahrung dienen würde. Schmetterlinge sind nicht nur kleine Schönheiten. Mit ihrem geheimnisvollen Lebenszyklus sind sie auch grosse Wunder der Natur – und sie brauchen Natur zum Überleben. Wir sollten alles dafür tun, dass sich weitere Generationen an einer vielfältigen Natur freuen können. Wildtier Schweiz 11 Literatur BREHM, ALFRED EDMUND: Illustrirtes Thierleben HENNING, PETER (2018) Mein Schmetterlingsjahr. Darmstadt HÜBNER, JACOB/SCHNACK, FRIEDRICH (1984) Das kleine Schmetterlingsbuch – Die Tagfalter. Frankfurt am Main REICHHOLF, JOSEF H. (2012) Schmetterlinge – Treffsicher bestimmen in drei Schritten. München REICHHOLF, JOSEF H. (2018) Schmetterlinge – Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet. München www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/ biodiversitaet/dossiers/wie-geht-es-unserenschmetterlingen.html www.nachhaltigleben.ch/natur/schmetterlingeder-schweizarten-und-bestimmen-3604 www.lepido.ch www.insects.ch/kategorie/schmetterlingeleptidoptera Zum Autor Dank Klaus Böhme aus Bromskirchen/Deutschland begann vor 35 Jahren als freier Autor auf dem Gebiet der Jagdgeschichte für deutsche Jagdzeitschriften und Buchprojekte zu schreiben. Seit 2002 arbeitet er fast ausschliesslich für den „Schweizer Jäger und veröffentlicht dort, da er selber nicht Jäger ist, neben jagdhistorischen Abhandlungen überwiegend umfangreiche Artikel zur Tier- und Vogelwelt aus kulturgeschichtlichem Blickwinkel. Heftreihe Fauna Focus Die Fotos in diesem Artikel stammen von Andi Hofstetter (ahofstetter.ch). Herzlichen Dank! Der Verfasser dankt Herrn Yannick Chittaro, Schweizerisches Zentrum für die Kartografie der Fauna (SZKF/CSCF), Neuchâtel für die Unterstützung durch wertvolle Informationen. Impressum Fauna Focus finanziert sich ausschliesslich über Abonnemente, Spenden und Einzelverkäufe. Wem dieses Fachheft gefällt, darf es gerne finanziell oder als Autor unterstützen. Herausgeber: Wildtier Schweiz Winterthurerstrasse 92, CH–8006 Zürich Tel. 41 (0)44 635 61 31 www.wildtier.ch Erscheint: 4-mal jährlich, mit 8 Ausgaben Jahr Jahresabonnement: Print (inkl. PDF) CHF 74.– (Ausland: EUR 79.–), nur PDF CHF 54.– (EUR 54.–) Kündigungen: auf Ende eines Kalenderjahrs Redaktion: Claude Andrist und Beatrice Nussberger Administration: Patrik Zolliker Layout: Claude Andrist Druck: Käser Druck AG, Stallikon Vereinsmitglieder von Wildtier Schweiz profitieren von 25 Vergünstigung auf das Fauna Focus Abo. Erhältlich auf: www.wildtier.ch/shop Copyright März 2023 Schmetterlinge 81 2023