Arbeitsblatt: Momo von Michael Ende

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Lese und Arbeitsblätter zur Geschichte (Urheberrechte habe ich nicht geprüft)
Deutsch
Leseförderung / Literatur
klassenübergreifend
30 Seiten

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03.12.2009

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Momo Leseblatt 1 Jahrtausende sind seither vergangen. Die grossen Städte von damals sind zerfallen, die Tempel und Paläste sind eingestürzt. Wind und Regen, Kälte und Hitze haben die Steine abgeschliffen und ausgehöhlt, und auch von den grossen Theatern stehen nur noch Ruinen. Im geborstenen Gemäuer singen nun die Zikaden ihr eintöniges Lied, das sich anhört, als ob die Erde im Schlaf atmet. Aber einige dieser alten, grossen Städte sind grosse Städte geblieben bis auf den heutigen Tag. Natürlich ist das Leben in ihnen anders geworden. Die Menschen fahren mit Autos und Strassenbahnen, haben Telefon und elektrisches Licht. Aber da und dort zwischen den neuen Gebäuden stehen noch ein paar Säulen, ein Tor, ein Stück Mauer, oder auch ein Amphitheater aus jenen alten Tagen. Und in einer solchen Stadt hat sich, die Geschichte von Momo begeben. Draussen am südlichen Rand dieser grossen Stadt, dort, wo schon die ersten Felder beginnen und die Hütten und Häuser immer armseliger werden, liegt, in einem Pinienwäldchen versteckt, die Ruine eines kleinen Amphitheaters. Es war auch in jenen alten Zeiten keines von den prächtigen, es war schon damals sozusagen ein Theater für ärmere Leute. In unseren Tagen, das heisst um jene Zeit, da die Geschichte von Momo ihren Anfang nahm, war die Ruine fast ganz vergessen. Nur ein paar Professoren der Altertumswissenschaft wussten von ihr, aber sie kümmerten sich nicht weiter um sie, weil es dort nichts mehr zu erforschen gab. Sie war auch keine Sehenswürdigkeit, die sich mit anderen, die es in der grossen Stadt gab, messen konnte. So verirrten sich nur ab und zu ein paar Touristen dort hin, kletterten auf den grasbewachsenen Sitzreihen umher, machten Lärm, knipsten ein Erinnerungsfoto und gingen wieder fort. Dann kehrte die Stille in das steinerne Rund zurück, und die Zikaden stimmten die nächste Strophe ihres endlosen Liedes an, die sich übrigens in nichts von der vorigen unterschied. Eigentlich waren es nur die Leute aus der näheren Umgebung, die das seltsame runde Bauwerk kannten. Sie liessen dort ihre Ziegen weiden, die Kinder benutzten den runden Platz in der Mitte zum Ballspielen, und manchmal trafen sich dort am Abend die Liebespaare. Aber eines Tages sprach es sich bei den Leuten herum, dass neuerdings jemand in der Ruine wohne. Es sei ein Kind, ein kleines Mädchen vermutlich. So genau könne man das allerdings nicht sagen, weil es ein bisschen merkwürdig angezogen sei. Es hiesse Momo oder so ähnlich. Lies das Blatt durch und schreibe auf, was dir bekannt vorkommt. Momo Leseblatt 2 Die schöne Eingeborene nickte eifrig und erwiderte: »Dodo um aufu schulamat wawada. « »Oi-oi«, antwortete der Professor und strich sich gedankenvoll das Kinn. »Was will sie denn? « erkundigte sich der Erste Steuermann. »Sie sagt«, erklärte der Professor, »es gebe in ihrem Volk ein uraltes Lied, das den Wandernden Taifun zum Einschlafen bringen könne, falls jemand den Mut hätte, es ihm vorzusingen. »Daß ich nicht lache! « brummte Don Melu. »Ein Schlafliedchen für einen Orkan « »Was halten Sie davon, Professor? « wollte die Assistentin Sara wissen. »Wäre so etwas möglich? « »Man darf keine Vorurteile haben«, meinte Professor Eisenstein. »Oft steckt in den Überlieferungen der Eingeborenen ein wahrer Kern. Vielleicht gibt es bestimmte Tonschwingungen, die einen Einfluß auf das Schum-Schum gummilastikum haben. Wir wissen einfach noch zu wenig über dessen Lebensbedingungen. »Schaden kann es nichts «, entschied der Kapitän. »Darum sollten wir einfach versuchen. Sagen Sie ihr, sie soll singen. « Der Professor wandte sich an die schöne Eingeborene und sagte: »Malumba didi oisafal huna-huna, wawadui. « Momosan nickte und begann sogleich einen höchst eigentümlichen Gesang, der nur aus wenigen Tönen bestand, die immerfort wiederkehrten: »Eni meni allubeni wanna tai susura teni! « Dazu klatschte sie in die Hände und sprang im Takt herum. Die einfache Melodie und die Worte waren leicht zu behalten. Andere stimmten nach und nach ein, und bald sang die ganze Mannschaft, klatschte dazu in die Hände und sprang im Takt herum. Es war ziemlich erstaunlich anzusehen, wie auch der alte Seebär Don Melu und schliesslich der Professor sangen und klatschten, als seien sie Kinder auf einem Spielplatz. Lies das Blatt durch und überlege, wie du selber ein Spiel erfinden kannst. Spiele es mit deinen KameradInnen vor. Momo Leseblatt 3 Die beiden Freunde Beppo und Girolamo Gigi Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wußte, dass er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen. Wenn er so die Strassen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt Atemzug Besenstrich. Schritt Atemzug Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter Schritt- Atemzug Besenstrich ---. »Siehst du, Momo«, sagte er dann zum Beispiel, »es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Strasse vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: »Man darf nie an die ganze Strasse auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.« Wieder dachte er lange nach und suchte nach den richtigen Worten. Aber er schien sie noch nicht zu finden, denn er erklärte auf einmal in ganz gewöhnlichem Ton: »Heute war ich an der alten Stadtmauer zum Kehren. Da sind fünf Steine von einer anderen Farbe in der Mauer. So, verstehst du?« Und er zeichnete mit dem Finger in den Staub ein grosses T. Er betrachtete es mit schrägem Kopf, dann flüsterte er plötzlich: »Ich hab sie wiedererkannt, die Steine.« Die Leute aus der näheren Umgebung lachten über Gigis Einfälle, aber manchmal machten sie auch bedenkliche Gesichter und meinten, es ginge doch eigentlich nicht an, sich für Geschichten, die bloss erfunden seien, auch noch gutes Geld geben zu lassen. »Das machen doch alle Dichter«, sagte Gigi dann. »Und haben die Leute vielleicht nichts bekommen für ihr Geld? Ich sage euch, sie haben genau das bekommen, was sie wollten! Und was macht es für einen Unterschied, ob das alles in einem gelehrten Buch steht oder nicht? Wer sagt euch denn, daß die Geschichten in den gelehrten Büchern nicht auch bloß erfunden sind, nur weiss es vielleicht keiner mehr? « Oder ein anderes Mal meinte er: »Ach, was heisst überhaupt wahr oder nicht wahr? Wer kann schon wissen, was hier vor tausend oder zweitausend Jahren passiert ist? Wisst ihr es vielleicht? « »Nein«, gaben die andern zu. »Na also! « rief Gigi Fremdenführer. »Wieso könnt ihr dann einfach behaupten, dass meine Geschichten nicht wahr sind? Es kann doch zufällig genauso passiert sein. Dann habe ich die pure Wahrheit gesagt! « Eigentlich sollte man denken, es sei ganz unmöglich gewesen, dass zwei so verschiedene Leute, mir so verschiedenen Ansichten über die Welt und das Leben, wie Gigi Fremdenführer und Beppo Strassenkehrer sich miteinander anfreundeten. Und doch war es so. Seltsamerweise war der einzige, der Gigi niemals wegen seiner Leichtfertigkeit tadelte, gerade der alte Beppo. Und ebenso seltsamerweise war es gerade der zungenfertige Gigi, der als einziger niemals über den wunderlichen alten Beppo spottete. Das lag wohl auch an der Art, wie die kleine Momo ihnen beiden zuhörte. Aufgaben: Lies den Text aufmerksam durch. Schreibe über jeden grossen Abschnitt etwas ins Reisetagebuch. Was unterscheidet die beiden Freunde? Findest du auch etwas Gemeinsames heraus? Momo Leseblatt 4 1. Geschichte Als wieder einmal Reisende kamen, die das Amphitheater besichtigen wollten (Momo sass ein wenig abseits auf den steinernen Stufen), da begann er folgendermassen: »Hochverehrte Damen und Herren! Wie Ihnen ja allen bekannt sein dürfte, führte die Kaiserin Strapazia Augustina unzählige Kriege, um ihr Reich gegen die ständigen Angriffe der Zittern und Zagen zu verteidigen. Der König Xaxotraxolus lachte sich ins Fäustchen. Seinen Goldfisch, den er tatsächlich besass, versteckte er unter seinem Bett. Der Kaiserin aber liess er statt dessen einen jungen Walfisch in einer juwelengeschmückten Suppenterrine überbringen. Die Kaiserin war zwar etwas überrascht von der Grösse des Tiers, denn sie hatte sich den Goldfisch kleiner vorgestellt. Der junge Fisch wuchs nun von Tag zu Tag und verbrauchte Unmengen Futter. Aber die Kaiserin Strapazia war ja nicht arm und der Fisch bekam so viel, wie er nur verdrücken konnte, und wurde dick und fett. Bald war die Suppenterrine für ihn zu klein. Und mehr und mehr vernachlässigte Strapazia ihre Regierungsgeschäfte. Genau darauf hatten die Zittern und Zagen nur gewartet. Unter Führung ihres Königs Xaxotraxolus unternahmen sie einen letzten Kriegszug und eroberten im Handumdrehen das ganze Reich. Sie begegneten überhaupt keinem Soldaten mehr und dem Volk war es sowieso gleich, wer es beherrschte. 2. Geschichte Er befahl also, einen Globus herzustellen, der genauso gross sein sollte wie die alte Erde und auf dem alles, jedes Haus und jeder Baum und alle Berge, Meere und Gewässer ganz naturgetreu dargestellt sein müssten. Die gesamte damalige Menschheit wurde unter Androhung der Todesstrafe gezwungen, an dem ungeheuren Werk mitzuarbeiten. Natürlich brauchte man sehr viel Material für diesen Globus und dieses Material konnte man ja nirgends anders hernehmen als von der Erde selbst. So wurde eben langsam die Erde immer kleiner, während der Globus immer mehr wuchs. Und als die neue Welt schliesslich fertig war, hatte man dazu haargenau das letzte Steinchen, das von der alten Erde noch übrig geblieben war, wegnehmen müssen. 3. Geschichte Prinzessin Momo hatte nämlich einen Zauberspiegel, der war gross und rund und aus feinstem Silber. Den schickte sie jeden Tag und jede Nacht in die Welt hinaus. Und der grosse Spiegel schwebte dahin über Länder und Meere, über Städte und Felder. Und er blickte hinauf und schaute mitten in den grossen, silbernen Zauberspiegel, der dort oben schwebte. Da sah er das Bild der Prinzessin Momo und bemerkte, dass sie weinte und dass eine ihrer Tränen auf seine Hand gefallen war. Und im gleichen Augenblick erkannte er, dass die Fee ihn getäuscht hatte, dass sie nicht wirklich schön war und nur grünes, kaltes Blut in ihren Adern hatte. Prinzessin Momo war es, die er in Wirklichkeit liebte. Aber Gigi schüttelte traurig den Kopf und sagte: Ich kann nichts von dem verstehen, was du sagst, denn in meinem Herzen ist ein Knoten und deshalb kann ich mich an nichts erinnern. Da griff Prinzessin Momo in seine Brust und löste ganz leicht den Knoten seines Herzens auf. Und nun wusste Prinz Girolamo plötzlich wieder, wer er war und wo er hingehörte. Er nahm die Prinzessin bei der Hand und ging mit ihr weit fort in die Ferne, wo das Morgen-Land liegt. « »Und sind sie inzwischen gestorben? »Nein«, sagte Gigi bestimmt, »das weiss ich zufällig genau. « Aufgaben: Lies die Ausschnitte aus den drei Geschichten Schreibe auf, welche Geschichte dir am besten gefiel und warum. Momo Leseblatt 5 Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung: Schlaf Arbeit Nahrung Mutter Wellensittich Einkauf usw. Freunde, Singen usw. Geheimnis Fenster 441 504 000 441 504 000 110 376 000 55 188 000 13 797 000 55 188 000 165 564 000 27 594 000 13 797 000 Zusammen: Sekunden Sekunden Sekunden Sekunden Sekunden Sekunden Sekunden Sekunden Sekunden 1 324 512 000 Sekunden »Diese Summe«, sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel, dass es wie Revolverschüsse klang, »diese Summe also ist die Zeit, die Sie bis jetzt bereits verloren haben. Was sagen Sie dazu, Herr Fusi?« Herr Fusi sagte gar nichts. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn, denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiss aus. Der graue Herr nickte ernst. »Ja, Sie sehen ganz recht«, sagte er, »es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens, Herr Fusi. Aber nun wollen wir einmal sehen, was Ihnen von Ihren zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreissigmillionenfünfhundertsechsunddreissigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölftausend. « Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit: Verlorene Zeit 1 324 512 000 Sekunden -1 324 512 000 Sekunden 0 000 000 000 Sekunden Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen.Und er tat seine Wirkung. Was sagst du zu dieser Rechnung? Wie viele Sekunden hast du schon gelebt? Wie viele Sekunden hast du verloren? Schreibe darüber ins Reisetagebuch. Momo Leseblatt 6 Und so fing alles immer wieder von vorn an, denn wie man weiss, genügt ja oft ein einziger Spielverderber, um den anderen alles zu zerstören. Und dann war da noch etwas, das Momo nicht recht begreifen konnte. Es hatte auch erst in allerjüngster Zeit angefangen. Immer häufiger kam es jetzt vor. dass Kinder allerlei Spielzeug brachten, mit dem man nicht wirklich spielen konnte, zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank, den man herumfahren lassen konnte, aber weiter taugte er zu nichts. Oder eine Weltraumrakete, die an einer Stange im Kreis herumsauste, aber sonst konnte man nichts damit anfangen. Oder ein kleiner Roboter, der mit glühenden Augen dahinwackelte und den Kopf drehte, aber zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen, wie Momos Freunde niewelche besessen hatten und Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch gelangweilt so einem Ding zu, das da herum schnurrte, dahinwackelte oder im Kreis sauste, aber es fiel ihnen nichts dazu ein. Darum kehrten sie schliesslich doch wieder zu ihren alten Spielen zurück, bei denen ihnen ein paar Schachteln, ein zerrissenes Tischtuch, ein Maulwurfshügel oder eine Handvoll Steinchen genügten. Dabei konnte man sich alles vorstellen. »Könntest du deinen blöden Kasten nicht vielleicht leiser drehen? « fragte der verwahrloste Junge, der Franco hiess, in drohendem Ton. »Ich kann dich nicht verstehen«, sagte der fremde Junge und grinste, »mein Radio geht so laut. « »Dreh sofort leise! « rief Franco und stand auf. Der fremde Junge wurde ein bisschen blass, antwortete aber trotzig: »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen und niemand. Ich kann mein Radio so laut drehen, wie ich mag. « »Da hat er recht«, meinte der alte Beppo, » wir können ihm nicht verbieten. Wir können ihn höchstens bitten. « Franco setzte sich wieder hin. »Er soll doch woanders hingehen«, sagte er erbittert, »er verdirbt uns schon den ganzen Nachmittag alles.« »Er wird schon seinen Grund haben«, antwortete Beppo und blickte den fremden Jungen freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an. »Bestimmt hat er den. « Der fremde Junge schwieg. Nach einer kleinen Weile drehte er sein Radio leise und schaute in eine andere Richtung. Momo ging zu ihm und setzte sich still neben ihn. Er schaltete das Radio ab. Eine Weile war es still. »Aber ich, ich kriege jetzt viel mehr Taschengeld als früher! «»Klar!« antwortete Franco, »das machen sie, damit sie uns loswerden! Sie mögen uns nicht mehr. Aber sie mogen sich selbst auch nicht mehr. Sie mögen überhaupt nichts mehr. Das ist meine Meinung. « »Das ist nicht wahr! « schrie der fremde Junge zornig. »Mich mögen meine Eltern sogar sehr. Sie können doch nichts dafür, dass sie keine Zeit mehr haben. Das ist eben so. Dafür haben sie mir aber jetzt sogar das Kofferradio geschenkt. Es war sehr teuer. Das ist doch ein Beweis oder?« Alle schwiegen. Und plötzlich fing der Junge, der den ganzen Nachmittag der Spielverderber gewesen war, zu weinen an. Er versuchte, es zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit seinen schmutzigen Fäusten, aber die Tränen liefen in hellen Streifen durch die Schmutzflecken auf seinen Wangen. Lies den ganzen Text durch. Frage, wenn du etwas nicht verstehen kannst. In jedem Abschnitt geht es um etwas, das euch sehr nahe ist. Abschnitt 1: Spielsachen Abschnitt 2: Streit Schlichtung Abschnitt 3: Zuwendung Verwöhnung? Schreibe über jeden Abschnitt deine Gedanken ins Reisetagebuch. Momo Leseblatt 7 Während der Erzählung schaute der alte Beppo Momo sehr ernst und prüfend an. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. Auch nachdem Momo geendet hatte, schwieg er. Gigi dagegen hatte mit wachsender Erregung zugehört. Seine Augen . begannen zu glänzen, so wie sie es oft taten, wenn er selber beim Erzählen in Fahrt kam. »Jetzt, Momo«, sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter, »hat unsere grosse Stunde geschlagen! Du hast entdeckt, was bisher. nodh niemand wusste! Und jetzt werden wir nicht nur unsere alten . Freunde, nein, jetzt werden wir die ganze Stadt retten! Wir drei, ich, Beppo und du, Momo!« »Nichts leichter als das! « rief Gigi und lachte. »Wir fangen sie.mit ihrer eigenen Gier. Mit Speck fängt man Mäuse, also fängt man Zeitdiebe mit Zeit. Wir haben doch genug davon! Du müßtest dich zum Beispiel als Köder hinsetzen und sie anlocken. Und wenn sie dann kommen, dann werden Beppo und ich aus unserem Versteck hervorbrechen und sie überwaltigen. « Als die beiden Männer schon eine Weile gegangen waren, blieb Beppo, der bis jetzt noch immer geschwiegen hatte, plötzlich stehen. »Hörmal, Gigi«, sagte er, »ich mach mir Sorgen. « Gigi dreht sich nach ihm um. »Worüber denn?« Beppo blickte den Freund eine Weile an und sagte dann: »Ich glaube Momo. « »Ja und? « fragte Gigi verwundert. »Ich meine«, fuhr Beppo fort, »ich glaube, dass es wahr ist, was Momo uns erzählt hat. « »Gut, und was weiter? « fragte Gigi, der nicht verstand, was Beppo wollte. »Weisst du«, erklärte Beppo, wenn es nämlich wahr ist, was Momo da gesagt hat, dann müssen wir uns gut überlegen, was wir tun. Wenn es sich wirklich um eine geheime Verbrecherbande handelt mit so jemand legt man sich nicht so ohne weiteres an, verstehst du? Wenn wir die einfach so herausfordern, dann kann das Momo in eine schlimme Lage bringen. Von uns will ich gar nicht reden, aber, wenn wir jetzt auch noch die Kinder mit hineinziehen, dann bringen wir sie vielleicht alle in Gefahr. Wir müssen uns wirklich überlegen, was wir tun. « »Ach was! « rief Gigi und lachte, »was du dir immer für Sorgen machst! Je mehr mitmachen, desto besser ist es doch. « »Mir scheint«, erwiderte Beppo ernst, »du glaubst gar nicht, dass es wahr ist, was Momo erzählt hat. « »Was heisst denn wahr! « antwortete Gigi. »Du bist ein Mensch ohne Phantasie, Beppo. Die ganze Welt ist eine grosse Geschichte und wir spielen darin mit. Doch, Beppo, doch, ich glaube alles, was Momo erzählt hat, genauso wie du! « Beppo wusste nichts darauf zu erwidern, aber seine Sorgen waren durch Gigis Antwort keineswegs geringer geworden. Lies den ganzen Text durch. Frage, wenn du etwas nicht verstehen kannst. Die beiden Freunde wollen Momo helfen. Sie reagieren aber sehr unterschiedlich auf Momos Erzählung. Aufgabe: 1. Suche aus dem Text die Unterschiede heraus und schreibe dazu im Reisetagebuch. 2. Wie würdest du helfen. Momo Leseblatt 8 Momo blieb mit Beppo und Gigi allein. Nach einer Weile stand auch der alte Strassenkehrer auf. »Gehst du auch? « fragte Momo. »Ich muss«, antwortete Beppo, »ich hab Sonderdienst. « »In der Nacht?« »Ja, sie haben uns ausnahmsweise zum Müll-Abladen eingeteilt. Da muss ich jetzt hin. « »Aber es ist doch Sonntag! Und überhaupt, das hast du doch noch nie gemusst! « »Nein, aber jetzt haben sie uns dazu eingeteilt. Ausnahmsweise, sagen sie. Weil sie sonst nicht fertig werden. Personalmangel und so.« Gigi pfiff leise ein melancholisches Lied vor sich hin. Er konnte sehr schön pfeifen und Momo hörte ihm zu. Aber plötzlich brach er die Melodie ab. »Ich muss ja auch weg! « sagte er. »Heute ist ja Sonntag, da muss ich ja Nachtwächter spielen! Hab ich dir schon erzählt, dass das mein neuester Beruf ist? Ich hätt beinah vergessen. « Momo schaute ihn gross an und sagte nichts. Aber auch Sie selbst, Angeklagter, wissen sehr gut, dass nichts und niemand unserer Arbeit so gefährlich ist wie gerade die Kinder.« »Ich weiss es«, gab der Angeklagte kleinlaut zu. »Kinder«, erklärte der Richter,»sind unsere natürlichen Feinde. Wenn es sie nicht gäbe, so wäre die Menschheit längst ganz in unserer Gewalt. Kinder lassen sich sehr viel schwerer zum Zeit Sparen bringen als alle anderen Menschen. Daher lautet eines unserer strengsten Gesetze: Kinder kommen erst zuletzt an die Reihe. »Jawohl, aber ich bitte das Hohe Gericht, doch auch den mildernden Umstand anzuerkeimen, dass ich regelrecht verhext worden bin. Durch die Art, wie dieses Kind mir zuhörte, lockte es alles aus mir heraus. Ich kann es mir selbst nicht erklären, wie es dazu gekommen ist, aber ich schwöre, es war so. « Beppo Strassenkehrer sass noch immer reglos auf seinem Platz und starrte auf die Stelle, wo der Angeklagte versdhwunden war. Ihm war, als sei er zu Eis gefroren und taue nun langsam wieder auf. Jetzt wusste er aus eigener Anschauung, dass es die grauen Herren gab. Etwa zur gleichen Stunde die Turmuhr in der Ferne hatte Mitternacht geschlagen sass die kleine Momo noch immer auf den Steinstufen der Ruine. Sie wartete. Sie hätte nicht sagen können, worauf. Aber irgendwie war ihr, als ob sie noch warten solle. Und so hatte sie sich bis jetzt noch nicht entschliessen können, schlafen zu gehen. Plötzlich fühlte sie, wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuss berührte. Sie beugte sich hinunter, denn es war ja sehr dunkel, und erkannte eine grosse Sdhildkröte, die ihr mit erhobenem Kopf undseltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. Ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich, als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte. Momo beugte sich vollends zu ihr hinunter und krabbelte sie mit dem Finger unter dem Kinn. »Ja, wer bist denn du? « fragte sie leise. »Nett von dir, dass wenigstens du mich besuchen kommst, Schildkröte. Was willst du denn von mir? « Momo wusste nicht, ob sie es zuerst nur nicht wahrgenommen hatte, oder ob es tatsächlich in diesem Augenblick erst sichtbar wurde, jedenfalls bildeten sich nun plötzlich auf dem Rückenpanzer der Schildkröte schwach leuchtende Buchstaben, die sich aus den Mustern der Hornplatten zu formen schienen. »KOMM MIT! « entzifferte Momo langsam. Erstaunt setzte sie sich auf. »Meinst du mich? « Aber die Schildkröte hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Nach einigen Schritten hielt sie inne und schaute sich nach dem Kind um. »Sie meint wirklich mich! « sagte Momo zu sich selbst. Dann stand sie auf und ging hinter dem Tier her. »Geh nur! « sagte sie leise. »Ich folge dir. « Und Schrittchen für Schrittchen ging sie hinter der Schildkröte her, die sie langsam, sehr langsam aus dem steinernen Rund herausführte und dann die Richtung auf die grosse Stadt einschlug. Lies den Text ein paarmal durch! Was stellst du bei Gigi und Beppo fest? Warum sind die Kinder die natürlichen Feinde der grauen Herren? Schreibe deine Meinung zu diesen Fragen ins Reisetagebuch. Spielt zu zweit die Szene: Momo und die Schildkröte. Momo Leseblatt 9 Die ganze Ruine war grell erleuchtet von den Scheinwerfern vieler eleganter grauer Autos, die sie von allen Seiten umstellt hatten. Dutzende von grauen Herren eilten die grasbewachsenen Stufen hinauf und hinunter und durchsuchten jeden Schlupfwinkel. Schliesslich entdeckten sie auch das Loch in der Mauer, hinter dem Momos Zimmer lag. Einige von ihnen kletterten hinein und guckten unter das Bett und sogar in den gemauerten Ofen. Dann kamen sie wieder heraus, klopften sich die feinen grauen Anzüge ab und zuckten die Schultern. »Der Vogel ist ausgeflogen«, sagte einer. »Es ist empörend«, meinte ein anderer, »dass Kinder in der Nacht herumstrolchen, anstatt ordentlich in ihren Betten zu liegen. « »Das gefällt mir ganz und gar nicht«, erklärte ein dritter. »Das sieht fast so aus, als hätte sie jemand rechtzeitig gewarnt. « »Nach meiner Ansicht müssten wir sofort die Zentrale benachrichtigen, damit diese den Befehl zum Grosseinsatz gibt. « Zur nämlichen Stunde wanderte die kleine Momo, von der Schildkröte geführt, langsam durch die grosse Stadt, die jetzt niemals mehr schlief, selbst zu dieser späten Nachtzeit nicht. Momo, die alles das noch nie gesehen hatte, ging wie im Traum und mit grossen Augen immer hinter der Schildkröte her. Sie überquerten weite Plätze und hellerleuchtete Strassen, die Autos rasten hinter ihnen und vor ihnen vorüber, Passanten umdrängten sie, aber niemand beachtete das Kind mit der Schildkröte. Die beiden mussten auch niemals jemand ausweichen, wurden niemals angestossen, kein Auto musste ihretwegen bremsen. Es war, als wisse die Schildkröte mit völliger Sicherheit vorher, wo in welchem Augenblick gerade kein Auto fahren, kein Fussgänger gehen würde. So mussten sie sich niemals eilen und niemals anhalten, um zu warten. Und Momo begann sich zu wundern, wie man so langsam gehen und doch so schnell vorankommen konnte. »Momo!. «, stiess Beppo hervor, der nach Atem rang, »Momo ist irgendwas Schreckliches passiert! « »Was sagst du? fragte Gigi und setzte sich fassungslos auf seine Liegestatt. »Momo? Was ist denn geschehen? »Ich weiss es selbst noch nicht«, keuchte Beppo, »was Schlimmes.« Während Beppos Worten war langsam alle Farbe aus Gigis Gesicht gewichen. Ihm war, als sei ihm plötzlich der Boden unter den Füssen weggezogen. Bis zu diesem Augenblick war alles für ihn ein grosses Spiel gewesen. Er hatte es so ernst genommen, wie er jedes Spiel und jede Geschichte nahm ohne dabei je an Folgen zu denken. Zum ersten Mal in seinem Leben ging eine Geschichte ohne ihn weiter, machte sich selbständig, und alle Phantasie der Welt konnte sie nicht rückgängig machen! Er fühlte sich wie gelähmt. Aber schlafen konnte er nicht. Die ganze Nacht musste er an die grauen Herren denken. Und zum ersten Mal in seinem bisher so unbekümmerten Leben überfiel ihn Angst. »Du, Schildkröte, fragte Momo, »wo führst du mich eigentlich hin? « Die beiden wanderten eben durch einen dunklen Hinterhof. »KEINE ANGST! « stand auf dem Rücken der Schildkröte. Auf dem Rückenpanzer der Schildkröte blinkte wie ein Warnlicht die Schrift: »STILL! « Momo verstand nicht warum, aber sie befolgte die Anweisung Lies den Text ein paarmal durch. Die grauen Herren sind in einer schwierigen Lage. Was tun sie? Momo ist in einer schwierigen Lage. Was tut sie? Beppo und Gigi sind in einer schwierigen Lage. Was tun sie? Momo Leseblatt 10 Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass eine fremde Macht sich in diese Angelegenheit eingemischt hat. Ich habe alle Möglichkeiten exakt durchgerechnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Menschenkind lebend und aus eigener Kraft den Bereich der Zeit verlassen kann, beträgt genau 1: 42 Millionen. Mit anderen Worten, es ist praktisch ausgeschlossen. « Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen der Vorstandsmitglieder. »Alles spricht dafür«, fuhr der Redner fort, nachdem sich das Gemurmel gelegt hatte, »dass dem Mädchen Momo geholfen worden ist, sich unserem Zugriff zu entziehen. Sie alle wissen, von wem ich rede. Es handelt sich um jenen sogenannten Meister Hora.« Bei diesem Namen zuckten die meisten der grauen Herren zusammen, als seien sie geschlagen worden, andere sprangen auf und begannen heftig gestikulierend durcheinanderzuschreien. »Meine Herren«, begann er, »wir denken nur immerfort darüber nach, wie wir das Mädchen Momo los werden können. Gestehen wir nur, die Furcht treibt uns dazu. Aber Furcht ist ein schlechter Ratgeber, meine Herren. Mir scheint nämlich, wir lassen uns da eine grosse, ja einmalige Gelegenheit entgehen. Ein Sprichwort sagt: Wen man nicht besiegen kann, den soll man sich zum Freunde machen. Nun, warum versuchen wir nicht, das Mädchen Momo auf unsere Seite zu ziehen? « »Hört, hört! « riefen einige Stimmen, »erklären Sie das genauer! « »Es liegt doch auf der Hand«, fuhr der Redner fort, »dass dieses Kind tatsächlich den Weg zu dem Sogenannten gefunden hat, den Weg, den wir von Anfang an vergeblich gesucht haben! Das Kind könnte also vermutlich jederzeit wieder hinfinden, es könnte uns diesen Weg führen! Dann können wir auf unsere Weise mit dem sogenannten verhandeln. Ich bin sicher, dass wir sehr schnell mit ihm fertig werden würden. Und wenn wir erst einmal an einer Stelle sitzen, dann brauchen wir hinfort nicht mehr mühsam Stunden, Minuten und Sekunden zu raffen, nein, wir hätten auf einen Schlag die gesamte Zeit aller Menschen in unserer Gewalt! Und wer die Zeit der Menschen besitzt, der hat unbegrenzte Macht! Meine Herren, bedenken Sie, wir wären am Ziel! Und dazu könnte uns das Mädchen Momo nützen, das Sie alle beseitigen wollen!« »Ich hätte einen Vorschlag«, meldete sich ein zehnter Redner. »Mit Ihrer Erlaubnis?« »Sie haben das Wort«, sagte der Vorsitzende. Der Herr machte eine kleine Verbeugung zum Vorsitzenden und fuhr fort: »Dieses Mädchen ist angewiesen auf seine Freunde. Sie liebt es, ihre Zeit anderen zu schenken. Aber überlegen wir einmal, was aus ihr würde, wenn einfach niemand mehr da wäre, um ihre Zeit mit ihr zu teilen? Da das Mädchen freiwillig unsere Pläne nicht unterstützen wird, sollten wir uns einfach an ihre Freunde halten. « Er zog aus seiner Aktentasche einen Ordner und schlug ihn auf: »Es handelt sich vor allem um einen gewissen Beppo Strassenkehrer und einen Gigi Fremdenführer. Und dann ist hier noch eine längere Liste von Kindern, die sie regelmässig aufsuchen. Sie sehen, meine Herren, keine grosse Sache! Wir werden einfach alle diese Personen so von ihr abziehen, dass sie sie nicht mehr erreichen kann. Dann wird die arme kleine Momo völlig allein sein. Was wird ihr ihre viele Zeit dann noch bedeuten? Eine Last, ja, sogar ein Fluch! Früher oder später wird sie es nicht mehr ertragen. Und dann, meine Herren, werden wir zur Stelle sein und unsere Bedingungen stellen. Ich wette tausend Jahre gegen eine Zehntelsekunde, dass sie uns den bewussten Weg führen wird, nur um ihre Freunde zurückzubekommen. « Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Die grauen Herren schmieden Pläne. Welchen Plan findest du am gefährlichsten? Welchen Plan findest du am gemeinsten? Die grauen Herren wechseln plötzlich ihre Strategie. Suche den Unterschied. Warum tun sie dies? Momo Leseblatt 11 Das Kind drehte sich um und sah in einer Gasse zwischen den Standuhren einen zierlichen alten Herrn mit silberweissem Haar, der sich niederbückte und die Schildkröte anblickte, die vor ihm auf dem Boden sass. Er trug eine lange goldbestickte Jacke, blauseidene Kniehosen, weisse Strümpfe und Schuhe mit grossen Goldschnallen darauf. An den Handgelenken und am Hals kamen Spitzen aus der Jacke hervor, und sein silberweisses Haar war am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf geflochten. Momo hatte eine solche nie gesehen, aber jemand, der weniger unwissend gewesen wäre als sie, hätte sofort erkannt, dass es eine Mode war, die man vor zweihundert Jahren getragen hatte. »Was sagst du? « fuhr jetzt der alte Herr noch immer zur Schildkröte gebeugt fort, »sie ist schon da? Wo ist sie denn? « Er zog eine kleine Brille hervor, ähnlich der, die der alte Beppo hatte, nur war diese aus Gold, und blickte sich suchend um. »Hier bin ich! « rief Momo. Der alte Herr kam mit erfreutem Lächeln und ausgestreckten Händen auf sie zu. Und während er das tat, schien es Momo, als ob er mit jedem Schritt, den er näherkam, immer jünger und jünger wurde. Als er schliesslich vor ihr stand, ihre beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte, sah er kaum älter aus als Momo selbst. »Dies«, sagte Meister Hora, »ist eine Sternstunden-Uhr. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen. « »Was ist denn eine Sternstunde? « fragte Momo. »Nun, es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke«, erklärte Meister Hora, wo es sich ergibt, dass alle Dinge und Wesen, bis zu den fernsten Sternen hinauf, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, so dass etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vornüber. Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen grosse Dinge auf der Welt. « »Kassiopeia«, erklärte Meister Hora, »kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. Nicht viel, aber immerhin so etwa eine halbe Stunde. »GENAU! « erschien auf dem Rückenpanzer. »Verzeihung«, verbesserte sich Meister Hora, »genau eine halbe Stunde. Sie weiss mit Sicherheit vorher, was jeweils in der nächsten halben Stunde sein wird. Deshalb weiss sie natürlich auch, ob sie beispielsweise den grauen Herren begegnen wird oder nicht. « »Ach«, sagte Momo verwundert, »das ist aber praktisch! Und wenn sie vorher weiss, da und da würde sie den grauen Herren begegnen, dann geht sie einfach einen anderen Weg? « »Nein«, antwortete Meister Hora, »ganz so einfach ist die Sache leider nicht. An dem, was sie vorher weiss, kann sie nichts ändern, denn sie weiss ja nur das, was wirklich geschehen wird. Wenn sie also wüsste, da und da begegnet sie den grauen Herren, dann würde sie ihnen eben auch begegnen. Dagegen könnte sie nichts machen. « »Das versteh ich nicht«, meinte Momo etwas enttäuscht, dann nützt es doch gar nichts, etwas vorher zu wissen. « »Manchmal doch«, erwiderte Meister Hora, »in deinem Fall zum Beispiel wusste sie, dass sie den und den Weg gehen und dabei den grauen Herren nicht begegnen würde. Das ist doch schon etwas wert, findest du nicht? « Momo schwieg. Ihre Gedanken verwickelten sich wie ein aufgegangenes Fadenknäuel. »Warum sehen sie eigentlich so grau im Gesicht aus?« wollte Momo wissen, während sie weiterguckte. »Weil sie von etwas Totem ihr Dasein fristen«, antwortete Meister Hora. »Du weisst ja, dass sie von der Lebenszeit der Menschen existieren. Aber diese Zeit stirbt buchstäblich, wenn sie von ihrem wahren Eigentümer losgerissen wird. Denn jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur so lang sie wirklich die seine ist, bleibt sie lebendig.« »Dann sind die grauen Herren also gar keine Menschen? « »Nein, sie haben nur Menschengestalt angenommen. « »Aber was sind sie dann? « »In Wirklichkeit sind sie nichts. « »Und wo kommen sie her? « »Sie entstehen, weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben, zu entstehen. Das genügt schon, damit es geschieht. Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit, sie zu beherrschen. Und auch das genügt, damit es geschehen kann. « »Und wenn sie keine Zeit mehr stehlen könnten?« »Dann müssten sie ins Nichts zurück, aus dem sie gekommen sind. « Wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen, und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren, wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen. « Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Verstehst du den Vergleich vom Fadenknäuel? Schreibe über einen Fadenknäuel in deinem Gehirn! Was meinst du zum letzten Abschnitt? Momo Leseblatt 12 Es hatte damit begonnen, dass etwa vor einem Jahr, kurz nach dem Tag, an dem Momo plötzlich spurlos verschwunden war, ein längerer Artikel über Gigi in der Zeitung erschien. »Der letzte wirkliche Geschichtenerzähler«, stand da. Ausserdem wurde berichtet, wo und wann man ihn treffen könne, und er sei eine Attraktion, die man nicht versäumen dürfe. Daraufhin kamen immer häufiger Leute zu dem alten Amphitheater, die Gigi sehen und hören wollten. Gigi hatte natürlich nichts dagegen. Er erzählte wie immer, was ihm gerade einfiel und ging anschliessend mit seiner Mütze herum, die jedesmal voller von Münzen und Geldscheinen war. Bald wurde er von einem Reiseunternehmen angestellt, das ihm zusätzlich noch eine feste Summe bezahlte für das Recht, ihn selbst als Sehenswürdigkeit zu präsentieren. Die Reisenden wurden in Autobussen herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit musste Gigi einen regelrechten Stundenplan einhalten, damit auch wirklich alle, die dafür bezahlt hatten, Gelegenheit fanden, ihn zu hören. Gigi war so benommen von diesem Tempo, dass er, ohne sich zu besinnen, hintereinanderweg alle Geschichten preisgab, die nur für Momo bestimmt gewesen waren. Und als er die letzte erzählt hatte, fühlte er plötzlich, dass er leer und ausgehöhlt war und nichts mehr erfinden konnte. »Armer kleiner Gigi«, sagte die Stimme, »du bist und bleibst ein Phantast. Früher warst du Prinz Girolamo in der Maske des armen Schluckers Gigi. Und was bist du nun? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo. Und Beppo, »Um mich so kurz wie möglich zu fassen, denn auch meine Zeit ist kostbar«, fuhr der graue Herr fort, »mache ich Ihnen folgendes Angebot: Wir geben ihnen das Kind zurück unter der Bedingung, dass Sie nie wieder ein Wort über uns und unsere Tätigkeit verlieren. Ausserdem fordern wir von ihnen, sozusagen als Lösegeld, die Summe von hunderttausend Stunden eingesparter Zeit. Wenn Sie damit einverstanden sind, dann werden wir dafür sorgen, dass Sie im Laufe der nächsten Tage hier entlassen werden. Wenn nicht, dann bleiben Sie eben für immer hier, und Momo bleibt für immer bei uns. Aber nun kehrte er nicht mehr wie früher, bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich, sondern jetzt tat er es hastig und ohne Liebe zur Sache und nur um Stunden einzubringen. Mit peinigender Deutlichkeit wusste er, dass er damit seine tiefste Überzeugung, ja, sein ganzes bisheriges Leben verleugnete und verriet, und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das, was er tat. Wäre es nur um ihn gegangen, er wäre lieber verhungert, als sich selbst so untreu zu werden. Aber es ging ja um Momo, die er freikaufen musste, und dies war die einzige Art Zeit zu sparen, die er kannte. »Kinder ohne Aufsicht«, erklärten wieder andere, »verwahrlosen moralisch und werden zu Verbrechern. Die Stadtverwaltung muss dafür sorgen, dass alle diese Kinder erfasst werden. Man muss Anstalten schaffen, wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden.« Und abermals andere meinten: »Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektronengehirne. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein, um alle diese Maschinen zu bedienen. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten, lassen wir es noch immer zu, dass viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!« Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte »Kinder-Depots« gegründet. Das waren grosse Häuser, wo alle Kinder, um die sich niemand kümmern konnte, abgeliefert werden mussten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. Es wurde strengstens verboten, dass Kinder auf den Strassen oder in den Grünanlagen oder sonstwo spielten. Wurde ein Kind doch einmal dabei erwischt, so war sofort jemand da, der es in das nächste Kinder Depot brachte. Und die Eltern mussten mit einer gehörigen Strafe rechnen. Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. Verdrossen, gelangweilt und feindselig taten sie, was man von ihnen verlangte. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben, dann fiel ihnen nichts mehr ein, was sie hätten tun können. Das einzige, was sie nach all dem noch konnten, war Lärm machen aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm, sondern ein wütender und böser. Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Momo war ein ganzes Jahr weg. Was hat sich in dieser Zeit geändert? a) Bei Gigi b) Bei Beppo c) Bei den Kindern Findest du Ähnliches in unserem Leben? Hast du auch schon Solches beobachtet? Momo Leseblatt 13 Momo begann im Gehen zu summen und schliesslich zu singen. Wieder waren es die Melodien und die Worte der Stimmen, die in ihrer Erinnerung noch ebenso deutlich weiterklangen wie am Tage zuvor. Momo wusste jetzt, dass sie sie nie mehr verlieren würde. Aber alles das konnte Momo erst nach und nach wahrnehmen, denn der Raum war gedrängt voller Menschen, denen sie immerfort im Wege zu stehen schien; wo sie auch hintrat, wurde sie beiseite geschubst und weitergedrängt. Die meisten Leute balancierten Tabletts mit Tellern und Flaschen darauf und versuchten einen Platz an den Tischchen zu ergattern. Hinter denen, die dort standen und hastig assen, warteten schon jeweils andere auf deren Platz. Da und dort wechselten die Wartenden und die Essenden unfreundliche Worte. Überhaupt machten die Leute alle einen ziemlich missvergnügten Eindruck. Zwischen dem Metallzaun und den Glaskästen schob sich langsam eine Schlange von Leuten weiter. Jeder nahm sich da und dort einen Teller oder eine Flasche und einen Pappbecher aus den Glaskästen. Nach einer Weile gelang es Momo, Nino zu erspähen. Er sass, von den vielen Leuten verdeckt, ganz am Ende der langen Reihe der Glaskästen hinter einer Kasse, auf der er ununterbrochen tippte, Geld einnahm und Wechselgeld herausgab. Also bei ihm bezahlten die Leute! Und durch den Metallzaun wurde jeder so gelenkt, dass er nicht zu den Tischchen kommen konnte, ohne an Nino vorbei zu müssen. »Weitergehen! « riefen Leute aus der Reihe, »das Kind soll sich hinten anstellen wie wir auch. Einfach vordrängen, das gibt nicht! So ein unverschämtes Gör! « »Moment! « rief Nino und hob beschwichtigend die Hände, »ein kleines bisschen Geduld, bitte! « »Da könnte ja jeder kommen! « schimpfte einer aus der Reihe der Wartenden. »Weiter, weiter! Das Kind hat mehr Zeit als wir. « »Weisst du, wo Gigi ist? »Ja«, sagte Nino, »unser Gigi ist berühmt geworden. »Weiter da vorne! « riefen einige Stimmen aus der Schlange. »Aber, warum kommt er denn nicht mehr? « fragte Momo. »Ach, weisst du«, flüsterte Nino, der schon ein bisschen nervös wurde, »er hat eben keine Zeit mehr. Er hat jetzt Wichtigeres zu tun und am alten Amphitheater ist ja sowieso nichts mehr los. « Als sie schliesslich wieder bei Nino ankam, fragte sie: »Und wo ist Beppo Strassenkehrer?« »Er hat lang auf dich gewartet«, erklärte Nino hastig, weil er neuerlichen Unwillen seiner Kunden befürchtete. »Er dachte, es wäre dir was Schreckliches passiert. Er hat immer irgendwas von grauen Herren erzählt, ich weiss nicht mehr was. Na, du kennst ihn ja, er war ja immer schon ein bisschen wunderlich. « Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Momo hat eine Melodie im Herzen. Hast du auch etwas von dem du glaubst, es nie mehr zu verlieren. Schreibe auf, wie es dazu kam. Momo war ein ganzes Jahr weg. Was hat sich in dieser Zeit geändert? Vergleiche Ninos Schnellrestaurant mit seiner alten Wirtschaft. Schreibe deine Gedanken dazu auf. Findest du Ähnliches in unserem Leben? Hast du auch schon Solches beobachtet? Momo Leseblatt 14 »Momo! « schrie er und breitete die Arme aus, »das ist doch wirklich und wahrhaftig meine kleine Momo! « Momo war aufgesprungen und lief auf ihn zu, und Gigi fing sie auf und hob sie hoch, küsste sie hundert Mal auf beide Backen und tanzte mit ihr auf der Strasse herum. »Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, aber ich hab schrecklich eilig verstehst du? Ich bin schon wieder mal zu spät dran. Wo hast du denn nur gesteckt die ganze Zeit? Du musst mir alles erzählen. Hast du meinen Brief gefunden? Ja? War er noch da? Gut, und bist du zu Nino essen gegangen? Hat es dir geschmeckt? Ach, Momo, wir müssen uns so viel erzählen, es ist ja so schrecklich viel passiert inzwischen. Wie geht es dir denn? So rede doch endlich! Und unser alter Beppo, was macht er? Ich hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Und die Kinder? Ach, weisst du, Momo, ich denke oft an die Zeit, als wir noch alle zusammen waren und ich euch Geschichten erzählt habe. Das waren schöne Zeiten. Aber jetzt ist alles anders,ganz, ganz anders.« Momo hatte mehrmals versucht, auf Gigis Fragen zu antworten. Aber da er seinen Redestrom nicht unterbrach, wartete sie einfach ab und schaute ihn an. Er sah anders aus als früher, so schön gepflegt, und er duftete gut. Aber irgendwie war er ihr seltsam fremd. »Ach, dieses Mädchen gibt es also wirklich? « fragte die dritte Dame erstaunt. »Ich hatte es immer für eine Ihrer Erfindungen gehalten. Aber das könnten wir doch gleich an die Presse geben! « Wiedersehen mit der Märchenprinzessin oder so, das wird bei den Leuten fabelhaft ankommen! Ich werde das sofort veranlassen. Das wird der Knüller! « »Nein«, sagte Gigi, »das möchte ich eigentlich nicht. « »Aber du, Kleine«, wandte sich die erste Dame nun an Momo und lächelte, »du möchtest doch bestimmt gern in der Zeitung stehen, nicht wahr? « »Lassen Sie das Kind in Ruhe!« sagte Gigi ärgerlich. »Entschuldigung«, sagte sie, »aber mir kommt gerade eine fabelhafte Idee. Wir sollten Momo unbedingt der Public-Film-Gesellschaft vorführen. Sie wäre doch haargenau der neue Kinderstar für Ihre Vagabunden-Story, die als nächstes gedreht wird. Stellen Sie sich die Sensation vor! Momo spielt Momo! « »Haben Sie nicht verstanden? « fragte Gigi scharf. »Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie das Kind da hineinziehen! « »Ich weiss wirklich nicht, was Sie wollen«, entgegnete die Dame gekränkt. »Jeder andere würde sich die Finger ablecken nach einer solchen Gelegenheit. « »Ich bin nicht jeder andere!« schrie Gigi plötzlich wütend. »Da siehst du nun so weit ist es mit mir gekommen. « Er liess ein kleines bitteres Lachen hören. »Ich kann nicht mehr zurück, selbst wenn ich wollte. Es ist vorbei mit mir. »Gigi bleibt Gigi! «Erinnerst du dich noch? Aber Gigi ist nicht Gigi geblieben. Ich sage dir eines, Momo, das Gefährlichste, was es im Leben gibt, sind Wunschträume, die erfüllt werden. Jedenfalls, wenn es so geht wie bei mir. Für mich gibt nichts mehr zu träumen. Ich könnte es auch bei euch nicht wieder lernen. Ich hab alles so satt.« Momo sah ihn nur an. Sie verstand vor allem, dass er krank war, todkrank. Gigi beugte sich zu Momo herunter und sah sie an. Und plötzlich hatte er Tränen in den Augen. »Hör zu, Momo«, sagte er so leise, dass die Umstehenden es nicht hören konnten, »bleib bei mir! Ich nehme dich mit auf diese Reise und überallhin. Du wohnst bei mir in meinem schönen Haus und gehst in Samt und Seide wie eine richtige kleine Prinzessin. Du sollst nur da sein und mir zuhören. Momo hatte während der ganzen Begegnung mit Gigi kein einziges Wort sagen können. Und sie hätte ihm doch so viel zu sagen gehabt. Ihr war, als hatte sie ihn dadurch, dass sie ihn gefunden hatte, nun erst wirklich verloren. Langsam drehte sie sich um und ging dem Ausgang der Halle zu. Und plötzlich durchfuhr sie ein heisser Schreck: Auch Kassiopeia hatte sie verloren! Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Warum denkt Momo, dass Gigi todkrank ist? Warum will Gigi Momo vom ganzen Rummel fernhalten? Wie würdest du auf das Angebot von Gigi reagieren? Momo Leseblatt 15 »Also, wohin? « fragte der Fahrer, als Momo sich wieder zu ihm in Gigis langes elegantes Auto setzte. Das Mädchen starrte verstört vor sich hin. Was sollte sie ihm sagen? Wohin wollte sie denn eigentlich? Sie musste Kassiopeia suchen. Aber wo? »Zu Gigis Haus, bitte«, antwortete Momo. »Was sucht du denn eigentlich? « fragte der Fahrer aus dem Wagenfenster. Die nächsten Wochen verbrachte Momo damit, ziellos in der grossen Stadt umherzuirren und Beppo Strassenkehrer zu suchen. Da niemand ihr etwas über seinen Verbleib sagen konnte, blieb ihr nur die verzweifelte Hoffnung, ihre Wege würden sich durch Zufall kreuzen. Aber freilich, in dieser riesengrossen Stadt war die Möglichkeit, dass zwei Menschen sich zufällig begegneten, so verschwindend gering wie die, dass eine Flaschenpost, die ein Schiffbrüchiger irgendwo im weiten Ozean in die Wellen wirft, von einem Fischerboot an einer fernen Küste aufgefischt wird. Wie gut hätte sie jetzt Kassiopeia brauchen können! Wenn sie noch bei ihr gewesen wäre, sie hätte ihr geraten »WARTE! « oder »GEH WEITER! «, aber so wusste Momo nie, was sie tun sollte. Sie musste fürchten, Beppo zu verfehlen, weil sie wartete, und sie musste fürchten, ihn zu verfehlen, weil sie es nicht tat. Manchmal sass sie ganze Tage lang allein auf den steinernen Stufen und sprach und sang vor sich hin. Niemand war da, der ihr zuhörte, ausser den Bäumen und den Vögeln und den alten Steinen. Es gibt viele Arten von Einsamkeit, aber Momo erlebte eine, die wohl nur wenige Menschen kennengelernt haben, und die wenigsten mit solcher Gewalt. Sie kam sich vor wie eingeschlossen in einer Schatzhöhle voll unermesslicher Reichtümer, die immer mehr und mehr wurden und sie zu ersticken drohten. Und es gab keinen Ausgang! Niemand konnte zu ihr dringen, und sie konnte sich niemand bemerkbar machen, so tief vergraben unter einem Berg von Zeit. Es kamen sogar Stunden, in denen sie sich wünschte, sie hätte die Musik nie gehört und die Farben nie geschaut. Und dennoch, wäre sie vor die Wahl gestellt worden, sie hätte diese Erinnerung um nichts in der Welt wieder hergegeben. Auch wenn sie daran sterben musste. Denn das war es, was sie nun erfuhr: Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Es waren nur einige Monate, die so vergingen und doch war es die längste Zeit, die Momo je durchlebte. Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen. Über eine solche Art von Einsamkeit kann man in Wahrheit auch nichts erzählen. »Und das macht Spass? « fragte Momo etwas zweifelnd. » Darauf kommt es nicht an «, meinte Maria ängstlich, » so darf man nicht reden. « »Aber worauf kommt es denn an? « wollte Momo wissen. »Früher!« antwortete Paolo, »aber jetzt ist alles anders. Wir dürfen unsere Zeit nicht mehr nutzlos vertun. « »Das haben wir doch nie getan«, meinte Momo. Zwischen ihr und der Tür stand plötzlich einer der grauen Herren. »Zwecklos! « sagte er mit dünnem Lächeln, die Zigarre im Mundwinkel. »Versuche es gar nicht erst! Es liegt nicht in unserem Interesse, dass du dort hineinkommst. « »Warum? « brachte Momo mühsam hervor. »Weil wir möchten, dass du uns einen kleinen Dienst erweist«, er widerte der graue Herr. »Ja«, flüsterte Momo. Der graue Herr lächelte dünn. »Dann wollen wir uns heute um Mitternacht zur Besprechung treffen. « Momo nickte stumm. Aber der graue Herr war schon nicht mehr da. Nur der Rauch seiner Zigarre hing noch in der Luft. Wo sie ihn treffen sollte, hatte er ihr nicht gesagt. Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Warum fühlt sich Momo in der grossen Stadt einsam? Warst du auch schon einsam? Warum will der graue Herr Momo nicht in das Kinderdepot lassen? Momo Leseblatt 16 Kaum war nämlich der letzte Glockenschlag verhallt, als gleichzeitig in allen Strassen, die ringsum auf den grossen, leeren Platz mündeten, ein schwacher Lichtschein auftauchte, der rasch heller wurde. Und dann erkannte Momo, dass es die Scheinwerfer von vielen Autos waren, die nun sehr langsam von allen Seiten auf die Mitte des Platzes zukamen, wo sie stand. In welche Richtung sie sich auch wandte, von überallher strahlte ihr grelles Licht entgegen und sie musste ihre Augen mit der Hand schützen. Sie kamen also! »Das also«, hörte sie schliesslich eine aschenfarbene Stimme, »ist dieses Mädchen Momo, das uns einmal herausfordern zu können glaubte. Seht es euch jetzt an, dieses Häufchen Unglück!« Diesen Worten folgte ein rasselndes Geräusch, das sich entfernt anhörte wie vielstimmiges Gelächter. »Reden wir also offen miteinander. Du bist allein, armes Kind. Deine Freunde sind unerreichbar für dich. Es gibt niemand mehr, mit dem du deine Zeit teilen kannst. Das alles war unser Plan. Du siehst, wie mächtig wir sind. Es hat keinen Sinn, sich uns zu widersetzen. Die vielen einsamen Stunden, was sind sie jetzt für dich? Ein Fluch, der dich erdrückt, eine Last, die dich erstickt, ein Meer, das dich ertränkt, eine Qual, die dich versengt. Du bist ausgesondert von allen Menschen. « Momo hörte zu und schwieg weiterhin. »Einmal«, fuhr die Stimme fort, »kommt der Augenblick, wo du es nicht mehr erträgst, morgen, in einer Woche, in einem Jahr. Uns ist es gleich, wir warten einfach. Denn wir wissen, dass du einmal gekrochen kommen wirst und sagst: Ich bin zu allem bereit, nur befreit mich von dieser Last! Oder bist du schon so weit? Du brauchst es nur zu sagen. « Momo schüttelte den Kopf. »Du willst dir nicht von uns helfen lassen? « fragte die Stimme eisig. Eine Welle von Kälte kam von allen Seiten auf Momo zu, aber sie biss die Zähne zusammen und schüttelte abermals den Kopf. »Sie weiss, was die Zeit ist«, zischelte eine andere Stimme. »Das beweist, dass sie wirklich beim Sogenannten war«, antwortete die erste Stimme ebenso. Und dann fragte sie laut: »Kennst du Meister Hora? « Momo nickte. »Und du warst tatsächlich bei ihm? « Momo nickte wieder. »Dann kennst du also die Stundenblumen? « Momo nickte zum dritten Mal. Oh, und wie gut sie sie kannte! Wieder entstand eine längere Stille. Als die Stimme von neuem zu reden anfing, kam sie abermals aus einer anderen Richtung. »Du liebst deine Freunde, nicht wahr? « Momo nickte. »Und du würdest sie gern aus unserer Gewalt befreien? « Wieder nickte Momo. »Du könntest es, wenn du nur wolltest. « Momo zog sich ihre Jacke ganz eng um den Leib, denn sie bebte an allen Gliedern vor Kälte. »Es würde dich wirklich nur eine Kleinigkeit kosten, deine Freunde zu befreien. Wir helfen dir und du hilfst uns. Das ist doch nicht mehr als recht und billig. « Momo blickte aufmerksam in die Richtung, aus welcher die Stimme jetzt kam. »Wir möchten diesen Meister Hora nämlich auch gern einmal persönlich kennen lernen, verstehst du? Aber wir wissen nicht, wo er wohnt. Wir wollen von dir nicht mehr, als dass du uns zu ihm führst. Das ist alles. Ja, höre nur gut zu, Momo, damit du auch sicher bist, dass wir vollkommen offen mit dir reden und es ehrlich meinen: Du bekommst dafür deine Freunde zurück und ihr könnt wieder euer altes, lustiges Leben führen. Das ist doch ein lohnendes Angebot! « Jetzt tat Momo zum ersten Mal den Mund auf. Es kostete sie Anstrengung zu sprechen, denn ihre Lippen waren wie eingefroren. »Was wollt ihr von Meister Hora?« fragte sie langsam. »Wir wollen ihn kennenlernen«, antwortete die Stimme scharf und die Kälte nahm zu. »Damit lass dir genug sein. « Momo blieb stumm und wartete ab. Unter den grauen Herren entstand eine Bewegung, sie schienen unruhig zu werden. »Ich verstehe dich nicht«, sagte die Stimme, »denk doch an dich und deine Freunde! Was machst du dir Gedanken um Meister Hora. Das lass doch seine Sorge sein. Er ist alt genug, um für sich, selbst zu sorgen. Und ausserdem wenn er vernünftig ist und sich gütlich mit uns einigt, dann werden wir ihm kein Haar krümmen. Andernfalls haben wir unsere Mittel, ihn zu zwingen.« »Wozu?« fragte Momo mit blauen Lippen. Plötzlich klang die Stimme nun schrill und überanstrengt, als sie antwortete: »Wir haben es satt, uns die Stunden, Minuten und Sekunden der Menschen einzeln zusammenzuraffen. Wir wollen die ganze Zeit aller Menschen. Die muss Hora uns überlassen! « Momo starrte entsetzt ins Dunkel, woher die Stimme kam. »Und die Menschen? « fragte sie. »Was wird dann aus denen? « »Menschen«, schrie die Stimme und überschlug sich, »sind längst überflüssig. Sie selbst haben die Welt soweit gebracht, dass für ihresgleichen kein Platz mehr ist. Wir werden die Welt beherrschen! « Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Kennst du eine ähnliche Situation aus deinem Leben. Beschreibe sie. Wie hättest du dich an Momos Stelle verhalten? Beschreibe. Wir spielen die Szene zusammen. Momo Leseblatt 17 Kaum war nämlich der letzte Glockenschlag verhallt, als gleichzeitig in allen Strassen, die ringsum auf den grossen, leeren Platz mündeten, ein schwacher Lichtschein auftauchte, der rasch heller wurde. Und dann erkannte Momo, dass es die Scheinwerfer von vielen Autos waren, die nun sehr langsam von allen Seiten auf die Mitte des Platzes zukamen, wo sie stand. In welche Richtung sie sich auch wandte, von überallher strahlte ihr grelles Licht entgegen und sie musste ihre Augen mit der Hand schützen. Sie kamen also! »Das also«, hörte sie schliesslich eine aschenfarbene Stimme, »ist dieses Mädchen Momo, das uns einmal herausfordern zu können glaubte. Seht es euch jetzt an, dieses Häufchen Unglück! « Diesen Worten folgte ein rasselndes Geräusch, das sich entfernt anhörte wie vielstimmiges Gelächter. »Reden wir also offen miteinander. Du bist allein, armes Kind. Deine Freunde sind unerreichbar für dich. Es gibt niemand mehr, mit dem du deine Zeit teilen kannst. Das alles war unser Plan. Du siehst, wie mächtig wir sind. Es hat keinen Sinn, sich uns zu widersetzen. Die vielen einsamen Stunden, was sind sie jetzt für dich? Ein Fluch, der dich erdrückt, eine Last, die dich erstickt, ein Meer, das dich ertränkt, eine Qual, die dich versengt. Du bist ausgesondert von allen Menschen. « Momo hörte zu und schwieg weiterhin. »Einmal«, fuhr die Stimme fort, »kommt der Augenblick, wo du es nicht mehr erträgst, morgen, in einer Woche, in einem Jahr. Uns ist es gleich, wir warten einfach. Denn wir wissen, dass du einmal gekrochen kommen wirst und sagst: Ich bin zu allem bereit, nur befreit mich von dieser Last! Oder bist du schon so weit? Du brauchst es nur zu sagen. « Momo schüttelte den Kopf. »Du willst dir nicht von uns helfen lassen? « fragte die Stimme eisig. Eine Welle von Kälte kam von allen Seiten auf Momo zu, aber sie biss die Zähne zusammen und schüttelte abermals den Kopf. »Sie weiss, was die Zeit ist«, zischelte eine andere Stimme. »Das beweist, dass sie wirklich beim Sogenannten war«, antwortete die erste Stimme ebenso. Und dann fragte sie laut: »Kennst du Meister Hora?« Momo nickte. »Und du warst tatsächlich bei ihm? « Momo nickte wieder. »Dann kennst du also die Stundenblumen? « Momo nickte zum dritten Mal. Oh, und wie gut sie sie kannte! Wieder entstand eine längere Stille. Als die Stimme von neuem zu reden anfing, kam sie abermals aus einer anderen Richtung. »Du liebst deine Freunde, nicht wahr? « Momo nickte. »Und du würdest sie gern aus unserer Gewalt befreien? « Wieder nickte Momo. »Du könntest es, wenn du nur wolltest. « Momo zog sich ihre Jacke ganz eng um den Leib, denn sie bebte an allen Gliedern vor Kälte. »Es würde dich wirklich nur eine Kleinigkeit kosten, deine Freunde zu befreien. Wir helfen dir und du hilfst uns. Das ist doch nicht mehr als recht und billig. « Momo blickte aufmerksam in die Richtung, aus welcher die Stimme jetzt kam. »Wir möchten diesen Meister Hora nämlich auch gern einmal persönlich kennen lernen, verstehst du? Aber wir wissen nicht, wo er wohnt. Wir wollen von dir nicht mehr, als dass du uns zu ihm führst. Das ist alles. Ja, höre nur gut zu, Momo, damit du auch sicher bist, dass wir vollkommen offen mit dir reden und es ehrlich meinen: Du bekommst dafür deine Freunde zurück und ihr könnt wieder euer altes, lustiges Leben führen. Das ist doch ein lohnendes Angebot! « Jetzt tat Momo zum ersten Mal den Mund auf. Es kostete sie Anstrengung zu sprechen, denn ihre Lippen waren wie eingefroren. »Was wollt ihr von Meister Hora? « fragte sie langsam. »Wir wollen ihn kennenlernen«, antwortete die Stimme scharf und die Kälte nahm zu. »Damit lass dir genug sein. « Momo blieb stumm und wartete ab. Unter den grauen Herren entstand eine Bewegung, sie schienen unruhig zu werden. »Ich verstehe dich nicht«, sagte die Stimme, »denk doch an dich und deine Freunde! Was machst du dir Gedanken um Meister Hora. Das lass doch seine Sorge sein. Er ist alt genug, um für sich, selbst zu sorgen. Und ausserdem wenn er vernünftig ist und sich gütlich mit uns einigt, dann werden wir ihm kein Haar krümmen. Andernfalls haben wir unsere Mittel, ihn zu zwingen. « »Wozu? « fragte Momo mit blauen Lippen. Plötzlich klang die Stimme nun schrill und überanstrengt, als sie antwortete: »Wir haben es satt, uns die Stunden, Minuten und Sekunden der Menschen einzeln zusammenzuraffen. Wir wollen die ganze Zeit aller Menschen. Die muss Hora uns überlassen! « Momo starrte entsetzt ins Dunkel, woher die Stimme kam. »Und die Menschen? « fragte sie. »Was wird dann aus denen? « »Menschen«, schrie die Stimme und überschlug sich, »sind längst überflüssig. Sie selbst haben die Welt soweit gebracht, dass für ihresgleichen kein Platz mehr ist. Wir werden die Welt beherrschen! « Lies den Text ein paarmal durch. Verstehst du ihn? Welche Fragen hast du dazu? Schreibe sie auf! Kennst du eine ähnliche Situation aus deinem Leben. Beschreibe sie. Wie hättest du dich an Momos Stelle verhalten? Beschreibe. Wir spielen die Szene zusammen. Momo Leseblatt 18 Momo wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war. Die Turmuhr schlug manchmal, aber Momo hörte es kaum. Nur sehr langsam kehrte die Wärme in ihre erstarrten Glieder zurück. Sie fühlte sich wie gelähmt und konnte keinen Entschl