Arbeitsblatt: Philippe Senderos Artikel
Material-Details
Artikel aus Magazin über Philippe Senderos (inkl Fragen und Lösungen)
Deutsch
Lesefertigkeit
9. Schuljahr
4 Seiten
Statistik
53057
1150
50
20.01.2010
Autor/in
Marcel Mattenberger
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Unfassbar! Auf dem Platz kämpft sich Philippe Senderos den Kopf blutig. Danach ist er ganz anders. Wie, anders? Spielt er mir etwas vor? Lächelt er nach aussen und weint in sich hinein? Senderos steht auf. Ich las, er soll Probleme haben. «Warte», sagt er, «ich will mich dahin setzen, damit ich dir in die Augen sehen kann», und weil das so bedrohlich klingt, schmunzeln wir. Er ist kein Intellektueller, wie es manchmal heisst. In seinen 23 Jahren hat er zwischen Fussball, Playstation und iPod einige Bücher gelesen, besuchte das Gymnasium, und so machte die Presse aus dem Abwehrungetüm einen Philosophen. Er selber aber weiss, sein Paulo Coelho ist nicht Platon, «bitte, nicht zu viel über Bücher und so schreiben», sagt er deshalb. Dennoch hat man das Gefühl, dass er nachdenkt, bevor er etwas sagt. Der hoch gewachsene Brocken kauert auf dem Stuhl und grübelt. Seine kurze Stirn gerunzelt, fährt die Hand über den Kopf, und seine Augen suchen auf dem Weiss des Tisches immer wieder neue Worte, die Wahrheit. Dann schiessen diese Fussballerweisheiten aus ihm heraus, Wille, Stolz, Leidenschaft, aber die Worte bekommen, wenn er sie ausspricht, einen Sinn. Und plötzlich erkennt er: «Ich habe mir wirklich noch nie überlegt, was ich anderes sein könnte, wenn ich nicht Fussballer wäre.» Weinte er deshalb? War es Ausdruck seiner – Leidenschaft? Nach dem Spiel in der Champions League gegen Liverpool soll er in der Kabine in Tränen ausgebrochen sein, weil er zwei fatale Fehler gemacht hatte, langsam gewesen war. Aber Philippe Senderos, von dem ich las, er sei zurzeit ein mentales Wrack, ist ein anderer als der Senderos aus der Zeitung. Ungebrochen spricht er von Kampf, Leidenschaft, Stolz, Sieg. Es geht ihm gut. Niemand versteht ihn, diesen Fussballer, Hobbydenker und Sensiblen zugleich, Sohn einer serbischen Mutter und eines spanischen Vaters. In der Zeitung «Le Matin» sagte der Vater: «Wie ich seinen Charakter kenne, kann ich mir das durchaus vorstellen, dass er in der Kabine in Tränen ausgebrochen ist. Aber er leidet keinesfalls an einer Depression.» «Ich befürchte», mailt dagegen kurz vor meinem Besuch bei Senderos ein englischer Journalist, «er hat einen sehr schlechten Ruf im englischen Fussball. Die Arsenal-Fans nennen ihn ‹Ponderos›, weil er so langsam ist, und ich bin wirklich nicht sicher, ob er in Arsenal noch eine grosse Zukunft hat.» Jetzt sitze ich im Arsenal Training Ground, warte auf Senderos. Einmal kommt Arsène Wenger, der Arsenal-Trainer, er setzt sich in den Presseraum mit Journalisten um einen Tisch, ich will auch hinein. «Nur zuhören», versichere ich der Pressefrau. Die aber ist aufgesprungen, als ich nur einen spaltbreit die Tür öffnete, ihr Hirn muss gekoppelt sein mit dieser Tür, und jetzt wiederholt sie immer wieder, dass ich in meiner Kabine auf Philippe warten soll, bis plötzlich der Security im Raum steht und mich hinausführt. Die Pressefrau bedankt sich herzlich für mein Verständnis. Frankenstein ist sehr nett Der Herr an der Réception lächelt altersmild. Man müsse Geduld haben mit den beiden Schweizern, sagt er. «Senderos und Djourou sind immer die Langsamsten. Sie lassen sich nach dem Training gern ausgiebig massieren, und dann essen sie noch. Typical Swiss!» Ich solle nicht erschrecken, meint ein Journalist, manchmal sehe Senderos ein bisschen aus, nun, wie Frankenstein. Sonst aber ein netter Junge, der sich vor Medienleuten erwachsener gebe, als er mit Kollegen tue, ein leidenschaftlicher Fussballer, der fast das Gymnasium abgeschlossen hätte, hätte er nicht vor fünf Jahren von Servette nach Arsenal gewechselt. Seite 1 Dann endlich, durch das Fenster sehe ich ihn kommen, drei Stunden verspätet. Als Senderos auf die Baracke zuläuft, kommen mir letzte panische Zweifel. Wie war das, als Senderos neulich dem «Blick» das Telefon aufhängte? Was hatte der Journalist Falsches gefragt? «Also, Philippe, es tut mir wirklich sehr leid, dass wir das Interview auf Deutsch machen müssen, weil –» «Kein Problem. Können wir ein bisschen das Fenster öffnen? Die Luft ist sehr abgestanden hier drin. Wie war der Flug und alles?» Alles gut, sage ich, nur die Underground sei ein bisschen kompliziert gewesen. «Und du? Bist du manchmal auch mit der Underground unterwegs?» «Nein, ich fahre immer mit dem Auto. Nix Underground.» Er lächelt und wird ein wenig rot im Gesicht. Er ist derart freundlich, dass ich mich frage, warum wir uns an diesem öden Ort treffen mussten. Strikt hatte Senderos gesimst: «Entshuldigung aber when nicht at training ground ich will nicht irgendwo machen. Vielleicht andere tag», aber auch dann nur beim Training Ground. Für Presseleute sei der Zugang zu den Wohnungen der Spieler verboten, «for security reasons», mailte Arsenal. «Ihr Spieler wohnt alle ziemlich nahe hier beim Trainingsgelände. Es ist fast wie auf dem Land. Ist es langweilig?» «Neinein, es gibt ja immer etwas zu tun in London. Du nimmst das Auto, in vierzig Minuten bin ich in der Stadt. Klar, es ist nicht super. Wenn wir zweimal in der Woche spielen, haben wir meistens keine Zeit. Vielleicht einmal pro Woche kann ich nach London. Was essen oder trinken, mit Freunden. Ich gehe auch sehr gern ins Theater oder ins Kino. Oder Shopping. Manchmal kommt auch jemand aus Genf, Bekannte. Dann spiele ich ein bisschen Touristenführer.» «Was zeigst du?» «Jaaaah Tower Bridge, Big Ben, House of Parliament, London Eye, Embankment, Piccadilly, Trafalgar – aber nur mit dem Auto. Wenn sie aussteigen wollen, rumlaufen wollen, lasse ich sie gehen. Tschüss! Ich bleibe im Auto.» Der schwarze Range Rover mit den schwarzen Felgen ist sein erstes Auto, vom eigenen Geld gekauft, er steht auf dem Parkplatz draussen. Dort putzt ein Schwarzer schon den ganzen Nachmittag die Boliden der Spieler, schrubbt und schrubbt. Wir sitzen in Zimmer 13. Nebenan, in Zimmer 14, interviewt ein welscher Radiojournalist Johan Djourou, den anderen Schweizer Nationalspieler bei Arsenal. Er redet mit ihm über Musik. Djourou sagt, er möge auch klassische Musik. Interessant. Warum? Weil sie schön sei, sagt Djourou, und der Journalist verzweifelt, er will mehr Tiefe in den Aussagen. Warum genau schön? Er könne das nicht sagen, sagt Djourou, bis jetzt habe er auch noch nie einen von den Typen kennengelernt, die diese klassische Musik komponierten. Djourou und er seien Freunde, sagt Senderos, und es klingt, als würde das bei Senderos etwas bedeuten. «Hast du hier auch Freunde, die nichts mit Fussball zu tun haben?» «Nein», sagt Senderos. «Wir haben so viele Spiele. Ich komme eigentlich kaum in Kontakt mit anderen Leuten neben dem Sport.» Er erzählt vom Team. Wie er mit dem Masseur Bücher tauscht. Wie er Superstar Fàbregas zum Englischlernen ermahnt. Und wie er sich um Neuankömmlinge kümmert, wie er mit den Italienern italienisch, den Franzosen französisch und den Spaniern spanisch spricht. Und neulich, da hätten sie ein Playstation-Turnier veranstaltet, mit der ganzen Mannschaft, und Djourou, er war im Final, er ist gut, hat dann aber gegen Sagna verloren, Skandal! Lest Paulo Coelho, unbedingt Das ist seine Welt. Sehr selten, dass er daraus erzählt. Und schon sagt er: «Aber ich weiss nicht, ob meine Teamkollegen mögen, wenn du über das Playstation-Turnier und so Seite 2 schreibst.» Auch, dass er und die meisten Spieler ein BlackBerry haben, muss nicht jeder wissen. Ich bekomme das Gefühl, Senderos, das ist einer dieser Menschen, die wissen, dass die anderen ihm nie gerecht werden können. «Es ist mir egal, was die Zeitungen schreiben. Es berührt mich nicht. Ich nehme gute Kritiken ebenso nicht ernst wie schlechte. Ich kann meine Leistungen selber am besten beurteilen.» Was zählt, ist das Training. Die Spiele. Die Mannschaft und der Boss, wie sie ihren Trainer hier nennen. Der Fussballplatz ist der Ort seiner Leidenschaft, dort schreit er und kämpft sich den Kopf blutig. Danach ist er ganz anders. «Ich spreche gern über Dinge, von denen ich Ahnung habe», sagt er plötzlich. «Fussball ist mein Talent, und darauf bin ich stolz. Viel mehr kann ich nicht bieten. Aber bitte, wir können über alles sprechen», er lächelt, «über Platon und alles.» Und auf einmal sieht er etwas anderes, neben dem Fussball, ein Theater, einen Kinofilm, ein Buch, und er will wissen, was es damit auf sich hat. «Curieux» ist er dann – neugierig. «Philippe, liest du eigentlich immer noch Paulo Coelho?» «Paulo Coelho ist super. ‹Der Alchimist› ist immer noch eines meiner Lieblingsbücher.» «Ich habe noch nie Paulo Coelho gelesen. Was ist gut daran?» «Du musst ihn lesen, unbedingt! Bei Coelho musst du über die Geschichte hinausdenken. Der Plot ist das eine. Viel wichtiger ist, was du dir darüber hinaus für Gedanken machst. Das mag ich.» «Und warum hast du die Biografie über Che Guevara gelesen?» «Ich habe den Film gesehen, ‹The Motorcycle Diaries›, und irgendwie verstand ich nicht genau, weshalb er sein Leben so radikal geändert hat. Er war Arzt. Es ging ihm gut. Er machte eine Reise durch ganz Südamerika, und er sah all diese Ungerechtigkeit. Und danach, einfach so, wurde er zum Revolutionär, zum Führer. Das hat mich sehr interessiert. Dieser Wandel.» «Würdest du selbst auch gern einmal ausbrechen? In den Dschungel, wie Che Guevara?» «Nein, eher nicht so. Ich will nur ein bisschen mehr wissen, weisst du. Ich habe die Schule immer gemocht, es war super. Nur manchmal, na ja, manchmal mussten wir so viel schreiben über nur einen kurzen, gescheiten Satz! Das war nicht einfach für mich. Ich verstand das nicht. Ich erinnere mich an einen Schulkollegen, der hat einmal beim Aufsatz ein weisses Blatt abgegeben. So! Nichts drauf. Er bekam die beste Note.» «Das Thema war, was ist Mut?» «Ja, ich glaube irgend so etwas. Und ich habe geschrieben und geschrieben und geschrieben.» «Sag mal, bist du ein bisschen philosophisch, Philippe?» Er lacht kurz auf, ein tiefer Lacher, der stolz klingt. Oder ist es Selbstironie? Ich weiss es nicht. Senderos spricht dann doch nicht über Platon und auch nicht über die Freundin, die er haben soll. Er winkt freundlich aus dem Auto. Die Scheiben sind getönt, und genauso blieb der Blick auf ihn verstellt. Dann lenkt er seinen schwarzen Range Rover aus dem Klubgelände. Er geht nach Hause und legt sich eine Stunde schlafen. Er wird versuchen, sagte er, einige Stunden nicht an Fussball zu denken, aber nur, weil er danach umso besser Fussball spielen kann. Während ich auf mein Taxi warte, denke ich, wie es wäre, diesen Senderos wieder einmal zu treffen, in zwanzig Jahren vielleicht, wenn er mehr Zeit hat und weniger an Fussball denken muss. Wir würden dann über Platon sprechen. Artikel aus „Das Magazin Seite 3 Fragen zum Artikel über Philippe Senderos 1. Welche Nationalität hat Philippe Senderos? 2. Welche Nationalitäten haben seine Mutter und sein Vater? 3. Was hat Philippe Senderos Vater in der Zeitung Le Matin über ihn gesagt? Formuliere mit deinen eigenen Worten! 4. Für welche Mannschaft spielt Senderos? 5. Welchen Ruf hat Philippe Senderos? 6. Wie wird die Journalistin im Club empfangen, als sie das Interview machen will? 7. Wie heisst der andere Schweizer Spieler beim FC Arsenal? 8. Wie beschreibt Philippe Senderos das Leben eines Fussballprofis? 9. Was zählt im Moment für den jungen Fussballer? 10. Welchen Schriftsteller mag Philippe Senderos sehr? 11. Welche Erinnerungen hat er an die Schule? 12. Welchen Eindruck gibt dir der Artikel über diesen Sportler? Seite 4