Arbeitsblatt: Fernsehkonsum
Material-Details
Ein Leben ohne Fernseher?
Deutsch
Gemischte Themen
klassenübergreifend
2 Seiten
Statistik
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559
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30.04.2010
Autor/in
Silvia Aschwanden
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Ein Leben ohne Fernseher? Zu Besuch bei einer Familie, die seit 15 Jahren ohne Flimmerkiste auskommt. Diese erntet in ihrem Umfeld durchaus Zustimmung doch nicht alle MedienWissenschaftler begrüßen ein TV-freies Leben für Kinder. Auf dem Sofa mit der Fernbedienung: die Simpsons. In Amerika wurden Kinder vor einiger Zeit gefragt, was sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden: ihre Eltern oder einen Fernseher? Die Mehrheit hätte eher auf ihre Erzeuger als auf beliebte Fernsehhelden wie Sponge Bob Schwammkopf oder die Simpsons verzichtet. Bei aller Internet-Euphorie: Das Fernsehen ist gerade für Kinder immer noch Leitmedium Nummer eins. Doch die Zahl der Menschen, die das Gerät aus ihrer Wohnung verbannen, wächst. Die einen sind der Meinung, das Programm werde ohnehin immer schlechter; andere fürchten um das geistige und seelische Wohl ihrer Kinder. Manche stellen den Apparat in den Keller, andere schaffen ihn ab. Zu ihnen gehört Familie Haller (Name geändert). Das Ehepaar hatte die Nase voll vom Fernsehen, als zu Beginn der 90er Jahre schon zur Frühstückszeit die CNNAufnahmen des ersten Golfkriegs über die Bildschirme flimmerten: „Wir hatten einfach keine Lust, dass die Bomben auf Bagdad quasi live in unserem Wohnzimmer landeten, erinnert sich Maren Haller. Das ohnehin betagte Gerät kam in eine Rumpelkammer. Die Hallers sind alles andere als fortschrittsfeindlich. Aber als berufstätige Akademiker wollten sie ihre knappe Freizeit nicht einem Medium opfern, das sie ohnehin kaum reizte. Bei manchen Themen kann man nicht mehr mitreden Mittlerweile gibt es allerdings Haushaltsmitglieder, die diese fernsehfeindliche Haltung doof finden: Sohn Markus (15) bedauert, nicht mitreden zu können, wenn sich seine Freunde über Sendungen wie „Germany Next Topmodel oder „Deutschland sucht den Superstar unterhalten. Die beiden Casting-Shows sind Gesprächsthema unter Jugendlichen. Gleiches gilt für Sportereignisse. Mutter Maren versteht das vielleicht besser, als Markus glaubt, denn sie ist ebenfalls ohne Fernsehen aufgewachsen und hatte einst das gleiche Problem: „Natürlich ist das manchmal blöd. Aber davon geht die Welt nicht unter. Beide Eltern sind der Meinung, gerade für Kinder biete das Programm vor allem Qualitätsloses; ganz abgesehen von Sendungen, die nicht für sie bestimmt sind. Markus weiß das auch, natürlich sehen er und sein jüngerer Bruder immer wieder mal bei Freunden fern: „Klar gibt eine Menge Müll. Aber manchmal laufen auch richtig gute Filme. Die Gegenargumente kennt er auswendig: „Meine Mutter fürchtet, wir würden den ganzen Tag vor der Glotze hocken und irgendwann verblöden. Ebenfalls Anlass zu regelmäßigen Diskussionen sind die Computer der beiden Jungs. Eine Stunde pro Tag dürfen sie am Rechner verbringen. „Meine Mutter, beschwert sich Markus, „hat an allen Spielen was auszusetzen. Sie ist überzeugt, die Bilder prägen sich unbewusst ein. Deshalb dürfen die Söhne nur gewaltfreie Spiele spielen. Dass sie sich an die Altersfreigabe halten müssen, versteht sich von selbst. Dabei sei es doch viel wichtiger, findet Markus, „in welcher Umgebung man aufwächst. Wenn das Umfeld in Ordnung ist, bleibt gar nichts hängen. Seine Mutter sieht das anders. Sie ist Ärztin und geht davon aus, dass sich Bilder einem Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger online kindlichen Gedächtnis viel stärker einprägen als Texte: „Natürlich sind Märchen auch grausam, aber die Bilder, mit denen man sie zum Beispiel beim Vorlesen unwillkürlich illustriert, stammen aus der eigenen Fantasie. Die Gewalt aus dem Fernsehen oder der Computerspiele kann diese Vorstellungskraft aber bei Weitem übersteigen, und man kann sich ihnen selbst als junger Mensch nicht entziehen, weil man Bilder im Gegensatz zu Texten immer versteht. Das Ehepaar ist überzeugt, dass die Söhne dank einer Kindheit ohne Fernsehen gelernt hätten, ihre Freizeit aktiver zu gestalten. Viele Leute bewundern diese Familie Medienwissenschaftler betrachten diese Haltung dennoch mit Skepsis. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI, München), berichtet vom Beispiel eines Fünfjährigen, der ohne Fernsehen aufgewachsen ist: „Als Vater und Sohn in einem Mediensupermarkt waren, stand der Junge mit großen Augen vor einer Wand voller Fernseher, die einen »James Bond«Film zeigten. Anschließend litt er drei Monate unter Alpträumen. Der Vater habe das Ereignis als Beweis gewertet, wie schädlich das Fernsehen sei. Götz widerspricht: „Für mich ist das Erlebnis ein Zeichen von mangelndem Verantwortungsgefühl der Eltern. Natürlich kann man ein Leben ohne Fernsehen führen. Eltern muss aber klar sein, dass ihre Kinder dem Fernseher früher oder später zwangsläufig begegnen werden. Und wenn die Kinder nicht gelernt haben, damit umzugehen, sind sie überfordert. Die Medienwissenschaftlerin findet es sinnvoller, „das Kleinkind so lange vor Medien zu schützen, wie man es für richtig hält, und dann ganz gezielt und konsequent mit der Medienerziehung zu beginnen: bewusste Auswahl, gemeinsame unterstützende Rezeption und klare Begrenzung. Das gelte selbstverständlich für alle Medien: von Büchern über Fernsehen bis hin zum Computerspiel. Aber dann müssten Eltern irgendwann loslassen: „Mit zunehmendem Alter muss das Kind lernen, selber Verantwortung für sich zu tragen und mit der Faszination des Fernsehens umzugehen. Bernd Schorb (Lehrstuhl für Medienpädagogik an der Universität Leipzig) hält eine Entscheidung gegen das Fernsehen nur dann für sinnvoll, wenn sie einstimmig von der gesamten Familie geteilt wird. Das ist bei den Hallers eindeutig nicht der Fall: In den „Familienkonferenzen werden seit Jahren immer wieder dieselben Argumente gewechselt, aber die Eltern bleiben hart. Maren Haller steht dazu, dass die familiäre Demokratie in diesem Fall an ihre Grenzen stoße. Wenig Verständnis, erinnert sie sich, habe es anfangs auch bei Freunden und Bekannten gegeben: „Um Himmels Willen, eure armen Kinder! Heute treffen die Hallers immer öfter Menschen, die sie für ihre konsequente Haltung bewundern. Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger online