Arbeitsblatt: Leseverstehen

Material-Details

Turmhahn, Angst vor dem Wasser
Deutsch
Lehrmittel
6. Schuljahr
2 Seiten

Statistik

73704
1524
12
05.01.2011

Autor/in

Danja Tschan
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Ich schwieg, wischte mir den Schweiss ab und dachte trostlos: «So, jetzt kannst du zusammenpacken! Jetzt hast du trotz deiner Erzählkunst und deiner berühmten Gerechtigkeit ausgespielt.» Ich liess den Kopf hängen und wartete auf Tonis hohnvolles: «Hoho!» Aber es blieb aus. Es blieb überhaupt alles mäuschenstill rundum. Statt verächtlich sahen mich fünfundvierzig Augenpaare mit tiefem Mitleid an. Es war eines der schönsten Erlebnisse meiner Lehrerzeit. Seither vermag nichts mehr meinen Glauben an das Gute im Kinderherzen zu erschüttern. «Unsere Leererin hat jezt gotlob auch noch schwimen gelernt, es brauchte aber etwas. Ich habe fescht geholfen, die andern auch, aber nicht so fescht wie ich. Meine Schwester hat gesagt, ihr seit arme, das ihr zu einer in die Schule müst, die nicht einmahl schwimen kann. Da habe ich gesagt, das verstehscht du nicht, weil sie Aschtma hat, dan bekomt sie keine Luft und verschtickt fascht. Dafür kann sie tichten, das kan dein Lehrer nicht. Ich bin jetzt aber doch froh, das sie es gelernt hat, wegen den andern, die uns auslachen, weil wir in der Virten noch ein Vräulein haben. Jetzt können sie nichts mehr sagen. Wir sind alle froh.» Den ganzen Mai und Juni hindurch betete ich um einen kühlen Regensommer. Und tatsächlich, bis Ende Juni war es regnerisch und das Rheinwasser winterlich kalt. Still und verlassen lag die nahe Badeanstalt vor unserer Schulbaracke. Doch zwei Wochen vor den Sommerferien kletterte das Barometer rapid nach oben, und eines Tages erscholl vom nahen Strom herüber ein alarmierender Lärm in unsere Schulstube: die Fanfaren der beginnenden Badesaison. Am andern Morgen lag eine grosse Schokolade auf meinem Pult mit dem Vermerk: «Unserer tapferen Lehrerin als Anerkennung für ihre grossartigen Schwimmleistungen.» Ich merkte wohl den Spott hinter dem Wörtlein «grossartig», war aber trotzdem selig wie ein Kind am Weihnachtstag. Toni, der beste Schwimmer der Klasse, stand hoch auf der Rampe und erteilte mir fachgemässe Ratschläge: «Weit ausholen, langsam, langsam, Beine mehr anziehen!» Im Unterricht war er kein Kirchenlicht, im Wasser aber ein wahres Genie. Und wie er sich sonnte im Wissen um diese seine Tüchtigkeit, besonders, wenn er mir eine berechtigte Rüge erteilen durfte: «Falsch, bodenfalsch, stossen Sie doch kräftiger ab!» Bald jedoch widerten mich meine faulen Ausreden an. Mit dem Mut der Verzweiflung trat ich eines Tages vor meine fünfundvierzig Rheinplanscher und bekannte rundheraus: «Kinder, ich muss euch etwas gestehen. Es ist nicht wegen dem Rheumatischen, dass ich nicht baden kann. Ich habe einfach Angst, ganz gemeine, idiotische Angst vor dem tiefen Wasser. Wisst, als ich einmal badete im Murtensee, bekam ich einen Asthmaanfall und ertrank beinahe. Seither schwimme ich nur noch dort, wo ich jederzeit abstehen kann. Im tiefen Wasser geht mir sofort die Puste aus.» Ruth Blum Angst vor dem Wasser Ruth Blum, Schriftstellerin und Lehrerin in der Stadt Schaffhausen, erzählt in ihrem Buch «Schulstuben-jahre» von ihren Erlebnissen als Lehrerin. In unserer Geschichte wird sie selbst zur Schülerin ihrer Klasse. Noch am gleichen Tage gelobte ich mir, meiner törichten Wasserangst auf den Leib zu rücken. Hatte ich soeben mit tollkühnem Geständnis meine Autorität aufs Spiel gesetzt, galt es nun, am praktischen Beispiel zu beweisen, dass nicht Schwachheit an sich eine Schande ist, sondern das feige Ausweichen vor dem Kampf. Jeden Morgen, ehe die Schule begann, jeden Mittag und jeden Abend steckte ich nun in der Badeanstalt und trainierte. Vor und hinter und neben mir schwaderten meine Kinder, als wären sie alle mit Schwimmhäuten auf die Welt gekommen, in überwältigender Hilfsbereitschaft darauf erpicht, mich sofort zu retten, falls ich untergehen sollte. keine Wasserleitung schwitzte, keine Katze frass Gras. Petrus hatte sich entschieden auf die Seite meiner Schüler gestellt. Nun standen wir mitten im Sommer. Die Tage wurden länger und heisser. Die aufsteigende Sonne erwärmte auch die Wasser des Rheins, und damit fing mein stilles Leiden an. Die Stunde nahte, in der ich meinen Schülern ein fürchterliches Geständnis ablegen musste. Der Lehrplan verpflichtete mich nämlich, bei schönem Wetter mit der Klasse baden zu gehen. Also musste ich ihnen eines Tages klein und hässlich gestehen, dass ich nicht viel besser als ein Wetzstein schwimmen konnte. Auf der Unterstufe war das nicht tragisch gewesen. Da hatte es ja genügt, wenn ich im Kinderhägli mit meinen Kleinen ein wenig «Anspritzerlis» spielte. Was würden meine Unterstädtler, alle geborene Wasserratten, von mir halten, wenn ihre alte, pummelige Trüdeltante kaum zehn anständige Züge zu produzieren vermochte? Nach und nach überwand ich meine lästige Wasserscheu, und meine Fortschritte wurden in allen Häusern der Unterstadt kommentiert. Unbekannte grüssten mich auf der Strasse, und wenn ich verlegen sagte: «Es tut mir leid, ich kenne Sie nicht», kam lächelnd die Antwort: «Macht nichts, ich habe gesehen, wie Sie mit Hilfe Ihrer Schüler schwimmen lernten.» Kurz vor Ferienbeginn war ich soweit, dass ich das Kinderbecken mit der bodenlosen Tiefe des sogenannten «Frauenhäglis» vertauschen durfte. Nach einem stillen Stossgebet zum Himmel vertraute ich mich den Wogen an und landete, begleitet von unzähligen Bravorufen meiner Schüler, wohlbehalten, aber mit zerbissenen Lippen an der untern Treppe. Mein Schicksal war besiegelt, ich musste «ran». Aber ich verzögerte den Start so lange wie nur möglich. Bei der ersten Badestunde heuchelte ich Rheuma im Schulterblatt und stand angekleidet neben dem Sprungbrett, von dem meine Burschen im elegantesten Bogen hinunterflitzten. Zwei Tage später hatte ich das Zipperlein im Handgelenk. Während die ganze Stadt Schaffhausen beseligt die steigende Temperatur ihres Rheinwassers genoss, klopfte ich jeden Abend ans Barometer in der Hoffnung, es sinken zu sehen. Nichts dergleichen. Und keine Schäfleinwolken stiegen auf, Dann liess ich einen Aufsatz schreiben über das Thema: «Badefreuden», und wer Lust hatte, durfte ein Bildlein malen dazu. Da war aber auch nicht einer meiner Schüler, der nicht mit Feder und Farbstift das grosse Badeereignis der Saison kunstreich zu gestalten versuchte. Das gab eine kurzweilige Aufsatzkorrektur! «Unsere Lehrerin hat trotz ihres hohen Alters noch schwimmen gelernt», hiess es da an einem Ort, und an einem andern: «Sie hat es ganz gut kapiert, weil die Dicken ja nur auf das Wasser liegen müssen.» Am meisten ergötzte mich Tonis Produkt: