Arbeitsblatt: Arika 8 Teil

Material-Details

Geographie Afrika: Beschneidung
Geographie
Afrika
8. Schuljahr
6 Seiten

Statistik

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1255
55
09.09.2011

Autor/in

Rahel Fässler
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Geographie Afrika 8. Menschen – Die Beschneidung der Mädchen Frage: Also ich bin ein wenig verunsichert. In meiner Schulklasse haben wir eine neue Schülerin, sie ist voll nett und so und sie kommt aus Nigeria (sie ist auch dort geboren). Sie kann aber mega gut Deutsch und so . eigentlich voll ok. Jetzt hat sie uns aber erzählt, dass sie in den Sommerferien nach Afrika geht, dort wird nämlich ihre Cousine beschnitten und sie will dabei sein. Ich habe sie dann gefragt ob sie auch beschnitten ist, sie hat aber nichts gesagt. Ich glaube aber schon, dass sie beschnitten worden ist, bin aber nicht sicher. Aber sie muss dabeisein wie ihre Cousine verstümmelt wird. ICH FINDE DAS SO SCHLIMM!!! Ich habe gedacht, das sei verboten! Das ist völlig ekelhaft und schrecklich.soll ich ihr glauben? Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich das verhindern sollte, aber es geht mich nichts an! Bitte helft mir! Antwort: Du hast sicher recht, die Beschneidung von Frauen ist schrecklich, und es ist in der Schweiz eine Straftat. International ist es geächtet, auch wenn es an vielen Orten leider noch immer praktiziert wird. Es gibt in der Schweiz eine Organisation Iamaneh. Auf ihrer Website findest du Infos zum Thema Beschneidung: www.iamaneh.ch. Auch die Unicef setzt sich weltweit ein gegen Beschneidungen: www.unicef-suisse.ch/d/ ein. Soviel zu den allgemeinen Informationen, du bist nun aber konfrontiert mit dem Thema durch ein Mädchen in deiner Klasse, das vielleicht selber dieses Trauma erleiden musste und eventuell nun dabei sein wird, wenn ein anderes Mädchen dasselbe erleiden muss. Ich kann mir vorstellen, dass deine Mitschülerin so sehr in der Tradition ihres Heimatlandes ist, dass sie das Unrecht für Frauen in dem Ritual nicht erkennen kann. Für sie ist eventuell das Ritual ein Teil ihres Erwachsenwerdens (so wird es zumindest den Mädchen erklärt), sich davon zu lösen kann schwierig sein. Es könnte zudem bedeuten, dass sie sich gegen ihre Familie und gegen ihre Herkunft richten müsste eine sehr schwierige Aufgabe! Ich kann dich gut verstehen: Einerseits dein Schock, das zu hören, dein Gewissen, das dir sagt, dass da doch etwas unternommen werden sollte und auf der anderen Seite der Gedanke, dass es dich vielleicht doch nichts angeht und du auch nichts ausrichten kannst. Vielleicht könnte eure ganze Klasse das Thema diskutieren. Ein Artikel in verschiedenen Zeitungen besagt, dass eventuell sogar in Schweizer Spitälern solche Beschneidungen durchgeführt werden und deswegen auch Anzeige erstattet wurde. Auch wenn es dich schmerzt, dass du Unrecht nicht verhindern kannst, wenn du darauf hinweist und die Diskussion anregst, hast du viel getan, das ist allemal besser als die Augen verschliessen und wegschauen! Ich gratuliere dir zu deinem engagierten Eintreten. 8.1 Formen und Verbreitung Nach Schätzungen von Unicef sind weltweit 130 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten, jährlich werden derartige Eingriffe an 3 Millionen Mädchen zwischen vier Monaten und zwölf Jahren durchgeführt. Die Beschneidung von Frauen und Mädchen ist in unterschiedlicher Form und damit verbundenen Folgen für die Frau im westlichen und nordöstlichen Afrika verbreitet; in Ägypten, Somalia, Mali und Guinea ist sie mit jeweils ca. 90 der Frauen fast flächendeckend verbreitet. Vereinzelt geschieht sie auch im Nahen Osten, in Indien, Indonesien und Malaysia. Innerhalb dieser Gebiete richtet sich die praktizierte Form der Beschneidung vor allem nach der ethnischen Gruppe, weswegen sich keine der Formen explizit einem Land zuordnen lässt. Der geografische Ursprung dieser Praxis ist nicht bestimmbar. Von der WHO wurde 1997 eine Typisierung der einzelnen Beschneidungsformen einführt, die eine grobe Unterteilung in folgende vier Typen vorsieht: • Typ : vollständige Entfernung der Klitorisvorhaut mit oder ohne teilweiser oder vollständiger Entfernung der Klitoris • Typ II vollständige Entfernung der inneren Schamlippen (labia minora) mit oder ohne teilweiser oder vollständiger Entfernung der Klitoris • Typ III: vollständige Entfernung von kleinen Schamlippen, Klitoris und Klitorisvorhaut sowie anschließendes Vernähen der großen Schamlippen (Infibulation) • Typ IV: hierbei handelt es sich um eine Restkategorie, in die verschiedene permanente und nicht-permanente rituelle Eingriffe an den weiblichen Genitalien fallen, wie eine Kauterisierung des Gewebes, Abschaben (angurya) oder Einschneiden (gishiri) von Vaginalgewebe, das Einführen von Kräutern zum Verengen der Vagina oder die symbolische Gewinnung einiger Blutstropfen. Diese Klassifizierungen dienen lediglich als grobe Unterteilung. In der Realität existieren weitere Varianten in Form der Kombination unterschiedlicher Eingriffe 8.2 Ursprünge und Hintergründe Die Beschneidung an Frauen wird vielfältig begründet. Die Durchführung von Operationen an weiblichen Genitalien reicht zurück bis ins alte Ägypten. Hier glaubte man an Doppelgeschlechtlichkeit. So war die Vorhaut des Mannes ein Überbleibsel der Frau und die Klitoris ein Überrest des Mannes. Um diese Überreste abzustreifen und voll als Mann oder Frau zu gelten wurden die Menschen beider Geschlechter an ihren Genitalien beschnitten. Mit anderer Begründung wurde die Beschneidung von Frauen auch in Europa von der Barockzeit bis möglicherweise in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts durchgeführt. Hier wurde sie vor allem zur Behandlung der Masturbation – die als Krankheit angesehen wurde –, der Hysterie und anderer vermeintlich typisch weiblicher Störungen angewandt. Diese Beschneidungen erreichten jedoch nie annähernd die gesellschaftliche Bedeutung der Beschneidungen in Afrika und der arabischen Welt. Die Beschneidung wird auch praktiziert, um die Sexualität der Frau kontrollieren zu können und vor Übergriffen der Männer zu schützen. Ihre Praktizierung hat daher auch mit der Erwartung an die Rolle der Frau bzw. dem innerhalb einer ethnischen Gruppe geltenden Frauenbild zu tun. 8.3 Unterdrückung der weiblichen Sexualität Einige Formen der Praktik können die sexuelle Lust stark einschränken und die betroffene Frau so unter anderem unfähig machen, einen Orgasmus zu erleben. Weiterhin können sie den Geschlechtsverkehr für die Frau umständlich und schmerzhaft machen. Somit kann die Beschneidung als Mittel betrachtet werden, die voreheliche Jungfräulichkeit der Frau und ihre Treue in der Ehe sicherzustellen. Gemäß Kritikern ist die Kontrolle und Unterdrückung der weiblichen Sexualität der eigentliche Grund der Beschneidung, auch wenn sie traditionell anderweitig – etwa mit „Reinheitsvorstellungen und fälschlicherweise angenommenen gesundheitlichen Vorteilen – begründet wird. Da eine Frau so auf ihre bloße Reproduktionsfunktion reduziert werde, hat dieser Umstand die Praktik besonders stark ins Visier von Feministen gerückt. In westlichen Kulturkreisen ist die Beschneidung zu einem Synonym für Unterdrückung der weiblichen Sexualität geworden. Diese Einschätzung wird aber von einem Großteil der Frauen, die einen solchen Eingriff hinter sich haben, nicht geteilt 8.4 Die Betroffenen In ethnischen Gruppen, in welchen die Beschneidung weiblicher Genitalien Tradition hat, ist meist die große Mehrzahl aller Frauen betroffen. Das Beschneidungsalter variiert von Gruppe zu Gruppe: manche Mädchen werden schon in der ersten Lebenswoche, manche erst in der Pubertät oder bei der Eheschließung beschnitten. Die meisten Mädchen sind zum Zeitpunkt ihrer Beschneidung zwischen vier und zwölf Jahren alt. Erwachsene Frauen werden manchmal kurz vor der Eheschließung oder sogar noch danach zwangsweise einer Beschneidung unterzogen. Dies liegt dann meist darin begründet, dass dem Ehemann oder der Schwiegermutter die bestehende Genitalbeschneidung als nicht ausreichend erscheint. Je jünger die Mädchen sind, desto geringer ist zum einen ihr Kenntnisstand; zum anderen können sie sich nicht gegen den Eingriff wehren oder sich ihm gar entziehen. Laut Zahlen des Kinderhilfswerks kommt die Beschneidung von Frauen in der ländlichen Bevölkerung häufiger vor als in der städtischen: in der ländlichen Bevölkerung findet demnach die Praktik bei ca. 73% der Bevölkerung Zuspruch, in der städtischen Bevölkerung bei ca. 67%. Als Grund hierfür wird der – insbesondere für Frauen – geringe Zugang zu Schulbildung auf dem Land angesehen. Damit gehe ein stärkeres Festhalten an Traditionen und eine größere soziale Kontrolle als in der Großstadt einher. Sozialwissenschaftler (erstmals Carla Obermeyer 2003) stellten in anderen Untersuchungen dagegen fest, dass es keine Unterschiede in der Durchführungshäufigkeit gebe, die auf einem höheren intellektuellen Niveau beruhen. Lediglich die Art und Weise unterscheidet sich: in gebildeteren Kreisen ist der Trend zur sogenannten Medikalisierung, also der Durchführung der Beschneidung in Krankenhäusern oder durch professionelles medizinisches Personal und unter hygienischeren Bedingungen zu beobachten. Generell halten über 90 der Betroffenen an der Tradition fest und nur etwa 4% wollen die Beschneidungen an ihren eigenen Töchtern nicht durchführen lassen. Diese Zahlen sind für Gegner der Praxis oftmals unerklärlich, da sie meist davon überzeugt sind, die Frauen würden durch äußere Faktoren unterdrückt. Dem entgegen steht, dass sich besonders gebildete Frauen im Erwachsenenalter noch selbst dazu entschließen, beschnitten zu werden. Hierbei werden allerdings in der Regel nicht die extremen Formen der Beschneidung (wie z.B. die Infibulation) gewählt. Untersuchungen in Europa haben ergeben, dass Migranten zum Teil an der Praxis festhalten. Die Mädchen werden legal im Herkunftsland der Eltern oder illegal in einem europäischen Land beschnitten. 8.5 Die Ausführenden Die Ausführenden der weiblichen Genitalverstümmelung sind in der Regel Frauen. Es kann sich dabei um traditionelle Hebammen, Heilerinnen oder professionelle Beschneiderinnen handeln. In den Städten wird in den reichen Schichten die Prozedur von Ärzten, ausgebildeten Krankenschwestern oder Hebammen unter klinikähnlichen Bedingungen durchgeführt (so genannte Medikalisierung). Eher selten kommt es vor, dass Medizinmänner oder Barbiere die Mädchen beschneiden, so z.B. im Norden der Demokratischen Republik Kongo. Traditionelle Beschneiderinnen lernen das Handwerk von ihren Müttern. Es ist eine hochangesehene Tätigkeit, die der Familie der Beschneiderin ein relativ hohes Einkommen sichert. Die Beschneiderinnen verfügen meistens nicht über fundierte anatomische Kenntnisse. Dies kann zu weiteren schweren Verletzungen führen, zumal im Alter die Sehkräfte und die motorischen Fähigkeiten nachlassen und die Beschneidung dann trotzdem noch durchgeführt wird. Als Werkzeuge werden bei der Beschneidung ohne Medikalisierung (Spezial-) Messer, Rasierklingen, Scheren, Glasscherben, selten auch Fingernägel oder Zähne benutzt. Oft werden mehrere Mädchen mit demselben Werkzeug beschnitten, was das Infektionsrisiko und die Übertragung von Krankheiten stark erhöht. Um die Wunde zu verschließen, werden Akaziendornen, Bindfaden, Schafdarm, Pferdehaar, Bast oder Eisenringe verwendet. Substanzen wie Asche, Kräuter, kaltes Wasser, Pflanzensäfte, Blätter oder Wundpressen aus Zuckerrohr sollen die bei der Amputation der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane meist auftretende starke Blutung stoppen. Die Verstümmelungen finden meistens unter unhygienischen Bedingungen außerhalb von Krankenhäusern statt. Die Betroffenen erhalten meistens keinerlei Narkose. Da der Genitalbereich mit vielen Nerven versorgt ist, führen Eingriffe ohne Narkose zu besonders starken Schmerzen, so dass die Mädchen oder Frauen von mehreren Erwachsenen gehalten werden müssen. Der Verzicht auf Betäubung oder Narkose wird allerdings von manchen auch freiwillig gewählt, um sich mit der Beschneidung als eine Art Mutprobe selbst zu beweisen. Manche Wissenschaftler vermuten, dass sich besonders bei den eher leichten Formen der Beschneidung die Infektions- und Todeszahlen durch medizinische Ausbildung und hygienischere Bedingungen wie bei der Medikalisierung drastisch senken ließen. Sie kritisieren damit auch die Ansicht vieler Beschneidungsgegner, die die negativen Folgen alleine der Praxis selbst zuschreiben und sie daher komplett ausradieren wollen, anstatt zuerst unterstützend für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen und damit die Komplikationen auf ein Minimum zu reduzieren. 8.6 Gesundheitliche Folgen Die Beschneidung der äußeren weiblichen Genitalien stellt eine oft irreparable Schädigung der sexuellen funktionellen Einheit von Frauen dar. Die gesundheitlichen Konsequenzen erstrecken sich auf akute (zum Beispiel Schock oder hoher Blutverlust), chronische (zum Beispiel Harnwegsinfektionen) und psychische sowie psychosomatische Folgen (Psychotrauma). Der Eingriff hat großen Einfluss auf die sexuelle Erlebnisfähigkeit der Frauen, wobei zu bemerken ist, dass die Frauen je nach kulturellem Hintergrund in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sind und daher der Grad der Einschränkung variieren kann. Der Geburtsvorgang wird bei infibulierten Frauen erschwert; es kann zu starken Komplikationen und im Extremfall zu Schäden für Mutter und Kind kommen. Einer 2006 veröffentlichten Studie der WHO zufolge, an der 28.373 Schwangere in Afrika teilgenommen haben, starben von 100 Babys beschnittener Mütter im Durchschnitt 1 bis 2 mehr als unter den Kindern unversehrter Frauen. Dies entspricht einem Anstieg des Todesrisikos der Kinder durch die genitale Verstümmelung der Mütter um ein Viertel bis ein Drittel.