Arbeitsblatt: Kinshasa

Material-Details

Vortrag
Geographie
Afrika
8. Schuljahr
3 Seiten

Statistik

89251
815
0
07.11.2011

Autor/in

misch (Spitzname)
Land: Schweiz
Registriert vor 2006

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Textauszüge aus dem Inhalt:

Kinshasa: Die Kunst des Überlebens Für ein paar Minuten liegt uns die Stadt zu Füßen. Im Westen, auf den Hügeln, sieht man das Villenviertel Binza-Ma Campagne im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut, weswegen jedes Jahr der Regen ein Stück davon wegschwemmt. Weiter nördlich, unweit der rostbraunen Fluten des Kongo, ragt das Grand Hotel empor mit seinen Discount-Raten für Warlords und WeltbankExperten; östlich davon flimmert in der Hitze der Fährhafen, wo sich jeden Morgen Schmuggler, Händler und Verhexte sammeln. Am anderen Ufer schimmert die Silhouette von Brazzaville, Hauptstadt des Nachbarlands mit dem verwirrend ähnlichen Namen „Republik Kongo und Zufluchtsort der Menschen, wann immer in Kinshasa geplündert und geschossen wird. Tod im „Stadion der Märtyrer Stadteinwärts, im Tal, wird das Gewirr der Straßen immer dichter, hier liegen Matonge, das Kneipenviertel, Makala mit dem Zentralgefängnis, Kasa Vubu mit dem großen Friedhof, hier ist man sicher vor dem jährlichen Erdrutsch, aber nicht vor der Überflutung. Weiter südlich erhebt sich ein hellgrauer Betonklotz, Kinshasas große Arena, das „Stadion der Märtyrer, so getauft, weil Präsident Mobutu Sese Seko dort einst Oppositionelle aufhängen ließ; im Südosten zieht sich der Boulevard Lumumba wie ein dunkler breiter Bandwurm bis in die Slums von Masina und Ndjili, im Volksmund „Quartiers Chinoises genannt, die chinesischen Viertel, weil es so viele Menschen auf so wenig Platz nur in China geben kann. Sechs Millionen Träumer und Gangster Am Südrand der Stadt schließlich liegt auf einem Hügel die Universität von Kinshasa mit ihrem uralten nuklearen Forschungsreaktor, aus dem hin und wieder Brennstäbe mit angereichertem Uran verschwinden. Kinshasa ist Afrikas drittgrößter Metropole. Es gibt keine Zukunft, aber jeden Tag sechs Millionen Überlebenskünstler, Träumer und Gangster. Es herrschen Diktatur und Krieg, wobei nie ganz klar ist, wer gerade Feind ist und wer Freund. In der Hauptstadt des Kongo spürt man den Krieg nur mittelbar. Gekämpft wird im Osten des Landes. Schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen sind seit 1998 gestorben durch Malaria, Typhus, Hunger, Massaker. Beobachter sprechen vom „ersten Afrikanischen Weltkrieg, weil in den Konflikt im Kongo insgesamt sieben Staaten verwickelt sind, bloß nimmt die Welt davon keine Notiz. Alte Diktatur mit neuen Namen Gewiss, auch Mobutu plünderte schon eifrig die Staatskasse, aber dem Volk wurde im Gegenzug noch etwas geboten. Zum Beispiel eine neue Identität. 1971 hatte Mobutu sich noch schnell auf den Zug der Afrikanisierung gesetzt, ließ das Denkmal des Briten Henry Morton Stanley umstürzen, ebenso die Monumente der belgischen Könige und ehemaligen Kolonialherren, Leopold und Baudouin. Christliche oder koloniale Namen waren fortan durch afrikanische zu ersetzen. Aus Kongo wurde Zaïre, aus der Hauptstadt Leopoldville wurde Kinshasa. Doch in einem Land mit über 200 ethnischen Gruppen und sezessionslustigen Provinzfürsten gedieh auf einmal nationaler Stolz auf Zaïre, das Riesenland, knapp achtzigmal so groß wie Belgien, am sagenhaften Fluss mit sagenhaften Reichtümern. Muhammad Alis Kampf ist unvergessen Hier gab es Gold, Diamanten, Kupfer, Holz, Uran und einen Staatspräsidenten, der die besten Boxer der Welt nach Kinshasa holen konnte. „Alle Schwarzen werden Brüder, rief Muhammad Ali, der „Größte, und Mobutu ließ für dessen Boxkampf gegen George Foreman sogar die Gefängniszellen im Keller des alten Stadions Tata Raphael leeren. Muhammad Alis „Rumble in the Jungle war der Höhepunkt dessen, was man in Kinshasa heute als gute alte Zeit in Erinnerung hat. Als Kinshasa noch „Kin, la belle hieß, die Schöne, und nicht „Kin, la pubelle, die Mülltonne. Im Grand Hotel wird das Land verhökert Heute gibt es kaum noch abgeschottete Inseln des Reichtums. Selbst am Golfplatz lugen die Straßenkinder durch den Zaun. Das Grand Hotel ist eine der letzten Festungen ein weiß gestrichener Klotz im uniformen Stil der 1970er Jahre. Hier wird seit 30 Jahren der Kongo verhökert. In den 1970er und 1980er Jahren verprassten Mobutus Gefolgsleute im Nachtclub des Hotels ihre Gelder aus den staatlichen Kupferminen und Diamantenfeldern. 1993, als die Kassen schon fast leer waren und der Staatspräsident zur Entlohnung seiner hungrigen Armee eine neue Währung drucken ließ, bezogen die „Grosses Legumes, das „Großgemüse, die hohen Tiere, die Konferenzräume als Notquartier. Auf den Straßen plünderte die Armee, weil die Händler das neue Geld einfach nicht angenommen hatten. Der „Befreier entpuppte sich als neuer Tyrann Im Mai 1997, kurz vor Mobutus Sturz, besorgte das Hotelmanagement einem seiner Söhne mit dem Spitznamen „Saddam Hussein ein Schnellboot nach Brazzaville. Am 17. Mai bezogen die neuen Machthaber ihre Suiten Offiziere aus Angola, Ruanda, Uganda, Simbabwe, Namibia, die Rebellenführer Laurent Kabila zum Sieg verholfen hatten. Als Gegenleistung lud nun Kabila die Verbündeten zum großen Fressen ein nicht ohne vorher das Büfett umzutaufen: aus Zaïre wurde die „Demokratische Republik Kongo. Der neue Diktator war genauso „demokratisch wie sein Vorgänger, in seinem Geschäftsgebaren jedoch unberechenbarer. Kabila verkaufte ein und dieselbe Schürflizenz gleich mehrmals, zog amerikanische Ölfirmen über den Tisch, warf 1998 Ruander und Ugander aus dem Land, weil sie ihm zu gierig geworden waren. Ein Krieg mit dauernd wechselnden Fronten So brach „Afrikas erster Weltkrieg aus. Zeitweise kämpften Soldaten aus sechs Nationen im Osten des Kongo, es morden und plündern außerdem Rebellentrupps ehemaliger Mobutisten; HutuMilizen, die nach dem Völkermord in Ruanda in den Kongo geflohen sind; kongolesische Tutsi und Mayi-Mayi-Krieger, die glauben, sie seien aus magischem Wasser und damit unverwundbar. Laurent Kabila liegt inzwischen in Kinshasa in einem Mausoleum, an dessen marmorner Wand die Worte eingraviert sind: „Je ne vais jamais trahir le Congo, ich werde den Kongo nie verraten. Ein Leibwächter hat ihn am 16. Januar 2001 in seiner Residenz erschossen. Motive und Hintermänner sind bis heute im Dunkeln, die Anteilnahme des Volkes hält sich in Grenzen. Beim Frühstück wird die Beute verteilt Sein Nachfolger, Sohn Joseph, ist bis auf weiteres populärer, hat die politische Kontrolle etwas gelockert, einige der „inoffiziellen Gefängnisse in der Stadt geschlossen, die Inflation gedämpft und hält sich ansonsten an die Geschäftsbeziehungen seines Vaters. Also kann man, wie schon vor 20 Jahren, morgens im Frühstückssaal des Grand Hotels beobachten, wo derzeit die Kriegsfronten und Geldströme verlaufen. Zwischen halb acht und neun hört man portugiesische und englische Konversation es speisen die Offiziere aus Angola und Simbabwe. Für ihre Militärhilfe werden vor allem die Simbabwer mit Anteilen an Kupfer- und Diamantenminen entlohnt. Militärhilfe wird mit Uran entlohnt Die Ruander und Ugander sind aus dem Grand Hotel ausgezogen, kontrollieren jetzt im Osten des Kongo das Geschäft mit Holz, Gold und Coltan einem metallischen Erz, das für die Herstellung von Laptops und Mobiltelefonen unentbehrlich ist. Auch die Nordkoreaner sind wieder abgereist. Sie hatten auf Bitten von Kabila senior seinem Rebellenhaufen etwas militärischen Drill beigebracht und durften dafür Uran aus den Minen in Katanga mitnehmen. Nun betreten die Experten von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds, die nach jahrelanger Abwesenheit jetzt zurückgekehrt sind, den Saal und bestellen, glatt rasiert und errötet vom morgendlichen Tennisspiel, Croissants und Cappuccino. Weltbanker und Söldner in einem Saal Eine halbe Milliarde Dollar haben sie gerade für den Kongo freigegeben, was bei den Kunsthändlern in der Stadt die Hoffnung nährt, Kabila junior werde endlich die Rechnungen für die Dekoration seiner Residenz bezahlen. Schließlich, gegen halb zehn, betreten dickbäuchige, weiße Männer mit kurzen Hosen, weißen Socken, braunen Sandalen und schlechten Frisuren den Saal. Die Ukrainer sind aufgewacht. Allen voran mit Stiernacken und Schaufelhänden Vitali, der an diesem Morgen schlechte Laune hat. Kinshasas Presse hat sich über den „Verfall der Sitten in der Hauptstadt beschwert genau gesagt: über ukrainische Piloten, denen die Huren in der Hotellobby zu teuer sind, und die sich für ein paar Dollar pro Nacht Schülerinnen zur „Freundin nehmen. Uno und Rebellen chartern die selben Piloten Vitali, vor sich einen Teller, randvoll mit Speck, Würstchen und Rührei, knurrt in gutturalem Englisch etwas vom „shithole Kongo und „ohne-uns-würden-sie doch-verhungern. Er fliegt jeden Tag Hilfsgüter für die Uno in die Flüchtlingsgebiete. „Humanitäre Mission, verstehst du? Das sei die halbe Wahrheit, sagt abends an der Hotelbar ein kenyanischer Offizier, in den Kongo entsandt, um einen Waffenstillstand zu überwachen, an den sich zu diesem Zeitpunkt keiner hält. „Die Ukrainer fliegen Nahrungsmittel für die Uno, Waffen für die Rebellen und Bombeneinsätze für Kabila. So einen können Sie für 7000 Dollar im Monat mieten. Der Kenyaner ist ein freundlicher älterer Herr, der sich mit einem herzhaften „God Bless You verabschiedet, ehe er wieder zu mühseligen Gesprächen mit dem kongolesischen Verteidigungsminister aufbricht. „Das politische Personal in dieser Stadt, seufzt er, „dürfte bei uns nicht mal die Post austragen. Wann rutscht der Reaktor in den Abgrund? Nicht einmal die Einwohnerzahl Kinshasas ist bekannt. 1998 waren es offiziell fünf Millionen. Seither hat der Krieg einen ständigen Strom von Flüchtlingen hergetrieben. Mindestens sechs Millionen Menschen leben nun in Kinshasa. Manche schätzen die Zahl auf acht Millionen. Jedenfalls: Millionen Menschen in einer Stadt, deren Kanalisation von den belgischen Kolonialherren für 300 000 Einwohner gebaut worden ist. Die Regenzeit zwischen November und April verwandelt das Tal jedes Jahr in ein Flutgebiet; auf den Hügeln reißt der Regen riesige Canyons, unterspült Straßen, schwemmt Häuser weg und bringt den Nuklearreaktor der Universität immer näher an den Abgrund. Kinshasa ist zu großen Teilen auf Sand gebaut. „Artikel 15 ist eine Zauberformel Die Kinois, wie sich die Hauptstadtbewohner nennen, haben längst gelernt, ohne Stadtverwaltung zu überleben mit Artikel 15. Der Ursprung dieses Zauberworts ist nicht mehr eindeutig zu bestimmen. Manche halten es für eine Wortschöpfung der sarkastischen Hauptstädter, andere meinen, Artikel 15 habe tatsächlich existiert: als Bestandteil der Verfassung des „Kaiserreichs Kasai, eines jener kurzlebigen sezessionistischen Gebilde im Kongo der 1960er Jahre. Zum „Kaiser ernannte sich damals ein gewisser Albert Kalonji, der mit dem Grundsatz „débrouillez-vous, helft euch selbst, seine Auffassung von einem staatlichen Sozialnetz festschrieb. Das „Kaiserreich verschwand, Artikel 15 blieb als Codewort für eine Lebensform, als Ausdruck einer schier unerschöpflichen Improvisationskunst, als Entschuldigung für Korruption und Selbstbereicherung. 20 Prozent vom Staatshaushalt als Taschengeld Unter Artikel 15 fallen Professoren, die nur gegen Barzahlung ihrer Studenten unterrichten; die Freiluftkopierer vor dem Rathaus; die Gemüsegärten auf jedem Stück Brachland und die Nachbarn, die mit Schaufeln und Schubkarren gegen die Erosion in ihren Wohnvierteln kämpfen. Unter Artikel 15 fiel Mobutus „präsidiales Taschengeld in Höhe von 15 bis 20 Prozent des Staatshaushalts. Artikel 15 praktizieren die Generäle, die beim Diamantenhandel abschöpfen; Soldaten, die bei Straßensperren ihren Sold eintreiben; Beamte, die Autokennzeichen verkaufen. Bei allem Erfindungsreichtum sei Artikel 15 letztlich ein Prozess der Selbstzerstörung, schreibt die britische Autorin Michela Wrong, die Mobutus Niedergang in ihrem Buch „In The Footsteps of Mr. Kurtz dokumentiert hat. Mobutu ahmte bloß die Kolonialherren nach Doch habe der Prozess nicht mit Mobutu begonnen, sondern bereits mit Leopold II., der sich Ende des 19. Jahrhunderts aus Afrika den „Kongo Freistaat als Privatbesitz herausschnitt. Um Kautschuk und Elfenbein herauszupressen, errichtete der belgische König 1908 ein System der Sklavenund Zwangsarbeit, dem bis zur Unabhängigkeit 1960 zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Jeder Plantagenverwalter, jeder Offizier der paramilitärischen „Force Publique durfte nach Kräften in die eigene Tasche scheffeln. Das war die Blaupause für Mobutus Kleptokratie. Mit Widerstand brauchte Mobutu ebenso wenig zu rechnen wie später Kabila senior und heute Kabila junior. Niemand hat eine Idee von „Zukunft Die Kongolesen, schreibt Wrong, haben nie gelernt, mehr zu erwarten als das kurzfristige Überleben, den schnellen Deal, den alltäglichen Kampf um einen kleinen Wettbewerbsvorteil. In einer Millionenstadt, die aufgrund von Misswirtschaft und Korruption buchstäblich in den Abgrund rutscht, sieht man auf den Straßen keine Demonstranten, es gibt keine Hungerrevolten, keine Hausfrauen, die gegen Kochtöpfe schlagen. Der Wille zum Aufstand setzt voraus, dass man eine Vorstellung von Zukunft hat und die liegt für viele Kinois nicht in dieser Welt.