Arbeitsblatt: Esstörungen Interview
Material-Details
Interview
Lebenskunde
Anderes Thema
8. Schuljahr
2 Seiten
Statistik
97241
795
2
12.04.2012
Autor/in
Nadja Signorelli
Land: Schweiz
Registriert vor 2006
Textauszüge aus dem Inhalt:
Essstörungen Essstörungen Ich finde es schön, wenn überall die Knochen raus stehen Interview mit einem ehemals magersüchtigen Mädchen. Elske V. war im Alter von 12 bis 14 Jahren an der EssStörung Magersucht erkrankt. Das Interview mit der heute 16jährigen haben Sara Danemann, Julia Kaspari und Maren Reder geführt. Könntest du uns zuerst dein Krankheitsbild erklären? Magersucht (lateinisch Anorexia nervosa) bedeutet, man isst nichts mehr und verspürt auch überhaupt keinen Hunger. Viele haben zusätzlich noch Bulimie, wobei sie das Bisschen, was sie essen, wieder erbrechen. Das war bei mir nicht so. Ich habe halt nur nichts mehr gegessen. Worin siehst du denn den Auslöser für deine Krankheit? Ja, das weiss ich nicht so genau. Zuerst wollte ich nur ein bisschen abnehmen, ein paar Kilo runter. Dann hatte ich dieses Erfolgserlebnis und merkte gar nicht, wie schnell ich an Gewicht verlor. Hänseleien oder Ähnliches waren aber nicht der Grund? Sie waren nicht der Hauptgrund. Obwohl so etwas schon manchmal gesagt wurde, da ich ein bisschen pummelig war aber gedrängt wurde ich auf keinen Fall. Wie war der Verlauf deiner Krankheit? Was man halt so macht; erst einmal keine Süssigkeiten mehr, dann nichts mehr zwischen den Mahlzeiten essen. Irgendwann fing ich an, jeden Tag Sport zu treiben. Zu den Mahlzeiten habe ich immer weniger gegessen. Man bekommt das selbst gar nicht mit, wie wenig man nur noch isst. In der Schule habe ich mein Essen weggeschmissen oder verschenkt. Meine Freundin hat auch so wenig gegessen, aber ich ass noch weniger. Meine Mutter ist beinahe ausgerastet, weil ich so wenig gegessen habe, und schleppte mich zum Psychologen. Ich kam in die Kinder und Jugendpsychiatrie in Wilhelmshaven. Ich habe mir gedacht, hier kann ich noch weniger essen, weil meine Mutter ja nicht da war. Dort habe ich auch erst noch weiter abgenommen. Bis ich dann bei 1,47 Meter Körpergrösse nur noch 29,8 Kilogramm gewogen habe. Hattest du während der Krankheit psychische oder physische Probleme? Nein, eigentlich nicht. Als ich unter 32 Kilogramm lag, wurde mir des Öfteren mal schwindelig beim Aufstehen. Die anderen sagten immer, ich könne umkippen und tot sein, aber ich konnte es nicht glauben, weil es mir ja gut ging. Natürlich war mir immer kalt, aber das habe ich nicht gemerkt, weil ich mich daran gewöhnt hatte. Was hattest du für Gefühle, wenn du etwas gegessen hattest? Weil ich sowieso keinen Hunger mehr verspürte, ass ich so gut wie gar nichts. Nur wenn ich gezwungen wurde, etwas zu essen, hatte ich danach ein schlechtes Gewissen, zu viel gegessen zu haben. Man kennt es gar nicht mehr, satt zu sein. Ein Völlegefühl empfand ich als richtig abstossend. Wie wurde dir klar, dass du krank warst? Oh, sehr spät. Ich habe bis zum Schluss nicht eingesehen, dass ich krank war und in psychiatrische Behandlung musste. Erkannten denn Eltern, Lehrer oder Andere deine Krankheit sofort? Meine Schwester erkannte es als erste, sie wurde jedoch nicht ernst genommen. Als die Tamagotchis in Mode kamen, gestand ich ihm dann genauso wenig Nahrung zu wie mir selbst. Dadurch wurden auch Mitschüler auf meine Krankheit aufmerksam. Ich kann mich noch an eine Situation erinnern, in der mir an den Kopf geworfen wurde, mein TamagotchiEi sei genauso magersüchtig wie ich. Hattest du das Gefühl, die Eltern würden verstehen, warum du dich so verhältst? Nein, meine Eltern haben mich nie verstanden. Sie versuchten mich, wie auch die Klinik, zum Essen zu zwingen, wodurch ich jedoch nur noch bockiger wurde. Ging es nur ums Abnehmen, oder wolltest du auch auf andere Probleme hinweisen? Für mich war erst nur die Gewichtsabnahme entscheidend. Doch dann verlor auch das an Wichtigkeit es war zum Schluss einfach zwanghaft. Später kam hinzu, dass ich nicht erwachsen werden wollte. Hast du dann deiner Therapie freiwillig zugestimmt? Nein, ich wollte nicht, ich musste. Von meinem ersten Besuch beim Psychologen wusste ich nichts. Eines Morgens sagten mir meine Eltern, ich müsse heute nicht zur Schule gehen. Auf die Frage nach dem Grund bekam ich jedoch keine Antwort. Da mir nach zwei oder drei Besuchen beim Psychologen nicht geholfen werden konnte, bestand ein Mitarbeiter der Klinik der auch an den Sitzungen teilgenommen hatte auf meine Einweisung. Ich konnte da überhaupt nicht nein sagen. Kannst du uns die Therapie beschreiben? In der Verhaltenstherapie bekam ich, wenn ich nichts ass, irgendwelche Strafen. Ich durfte nicht zu Hause anrufen oder musste den ganzen Tag im Bett liegen. Was für Empfindungen hattest du während der Therapie? Ich habe mich sehr missverstanden gefühlt, da nie über den Auslöser, warum ich das mache, gesprochen wurde. Es ging die ganze Zeit nur darum, was ich ass und was nicht. Das ist zwar das Symptom, aber nicht die Ursache der Krankheit. Ist die Therapie jetzt abgeschlossen? Ja. Ich war fünf Monate in der Klinik und ungefähr zwei Jahre lang ging ich noch regelmässig zu einer Beratungsstelle. Wie sahen deine Essgewohnheiten nach der Therapie aus? Am Anfang habe ich noch ein bisschen abgenommen, da keiner mehr so genau darauf geachtet hat, was ich esse. Meine Eltern dachten, dass sie mich gleich wieder in die Klinik einweisen könnten Doch irgendwann fing ich an, mehr zu essen, weil ich nicht wieder in die Klinik wollte, so abgeschirmt von der Aussenwelt. Hattest du durch die Krankheit Begleiterscheinungen oder gar Langzeitschäden? Nein, dafür war die Krankheit zu kurz. Hast du Angst, rückfällig zu werden? Nein, aber ich kann nie sagen, so etwas passiert mir nicht, da ich mich täglich mit dem Essen auseinandersetzen muss. Das ist das Schwierige an Magersucht. Dürftest du jetzt Diäten machen oder wärst du dadurch rückfallgefährdet? Gefährdet bin ich schon, aber generell dürfte ich Diäten machen. Was ist heute deine Einstellung zur eigenen Magersucht? Jetzt habe ich es eigentlich fast überwunden, obwohl mir meine Figur vorher immer noch besser gefällt. Ich denke, ganz kann so etwas nie überwunden werden. Akzeptierst du die Magersucht als ein Teil deines Lebens? Ja schon, ganz verdrängen werde ich das jedoch nie können. Ich merke auch, wer nur so daher sagt, dass er magersüchtig war, und wer es wirklich war. Was für Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn du Bilder von anderen Magersüchtigen siehst? Zuerst denke ich, Wahnsinn, was ist die dünn. Aber dann finde ich auch schon, das sieht gut aus. Und für manche Leute ist das vielleicht ekelig, doch ich finde es schön, wenn überall die Knochen raus stehen. Das macht wahrscheinlich auch die Krankheit aus. Was nimmst du aus diesem Interview mit?